Peter Fenwick & die Sterbeforschung

Veröffentlicht am 2026-06-18 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Wenn ein Mensch, der jahrzehntelang die elektrische Aktivität von Gehirnen vermessen hat, am Ende sagt, das Bewusstsein lasse sich nicht restlos auf das Gehirn zurückführen, dann hat das ein anderes Gewicht als dieselbe Aussage von einem Außenseiter. Genau das macht Peter Fenwick (1935–2024) so bemerkenswert: Er war kein esoterischer Quereinsteiger, sondern einer der angesehensten Neuropsychiater Großbritanniens, EEG- und Epilepsie-Experte mit über 300 Fachpublikationen. Und gerade dieses Wissen führte ihn dazu, Nahtod- und Sterbebett-Erfahrungen nicht wegzuerklären, sondern ernst zu nehmen. Dieser Artikel stellt sein Werk vor.

Wer war Peter Fenwick?

Peter Brooke Cadogan Fenwick wurde am 25. Mai 1935 in Kenia geboren, studierte Naturwissenschaften am Trinity College in Cambridge und absolvierte seine klinische Ausbildung am St Thomas's Hospital in London. Seine Laufbahn war die eines Vertreters der medizinischen Mitte, nicht der Ränder: Er leitete von 1977 bis 1997 die Epilepsie-Abteilung am Maudsley Hospital, war beratender Neurophysiologe an den Krankenhäusern St Thomas's und Westminster, arbeitete für das forensische Broadmoor Hospital und war emeritierter Senior Lecturer am Institute of Psychiatry des King's College London. Später forschte er als Gastprofessor am RIKEN Brain Science Institute in Tokio mit Magnetoenzephalographie (MEG).

Über 300 Aufsätze zu Epilepsie, Schlaf, Bewusstsein und den rechtlichen Fragen des Todeszeitpunkts: Das ist die Visitenkarte eines klassischen Hirnforschers. Genau deshalb ist es so aufschlussreich, womit er sich ab den 1980er Jahren immer intensiver befasste – mit dem, was am Rand des Lebens geschieht.

Der Hirnforscher als Kronzeuge

Fenwicks Weg in die Nahtodforschung begann mit Skepsis. Als Neurophysiologe hatte er das Rüstzeug, jede angebotene Erklärung zu prüfen: Sauerstoffmangel, Kohlendioxid-Anstieg, Schläfenlappen-Aktivität, Narkosemittel, Endorphine, die sterbende Netzhaut als Quelle des „Tunnels". Er kannte diese Mechanismen besser als die meisten – und kam zu dem Schluss, dass keiner von ihnen die geordnete, luzide, oft hyperreale Qualität einer Nahtoderfahrung erklärt, schon gar nicht in einem Moment, in dem das Gehirn nach allen messbaren Kriterien gerade nicht normal arbeitet.

Das ist der entscheidende Punkt: Ein Außenstehender, der reduktive Erklärungen ablehnt, kann schlicht unwissend sein. Fenwick war das Gegenteil. Sein Einwand wog, weil er aus der Kenntnis der Mechanismen kam, nicht aus deren Unkenntnis. Er stellte damit dieselbe Frage, die auch den Kardiologen Pim van Lommel und den Psychiater Bruce Greyson umtrieb – wie kann klares Erleben stattfinden, wenn das Organ, das es angeblich erzeugt, ausgefallen ist?

„The Truth in the Light" (1995)

Gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth Fenwick verfasste er sein bekanntestes Buch: „The Truth in the Light" (1995). Auslöser war ein Fernsehauftritt, nach dem Hunderte Zuschauer eigene Erlebnisse schilderten. Die Fenwicks werteten über 300 dieser Berichte systematisch aus und fanden das vertraute Kernmuster: tiefer Frieden, ein Gefühl gesteigerter Lebendigkeit, intensives helles Licht, der Blick auf den eigenen Körper von außen, der Lebensrückblick und – fast durchgängig – der vollständige Verlust der Todesangst.

Das Buch ist mehr als eine Sammlung. Fenwick legte an jeden Bericht sein neurophysiologisches Wissen an und prüfte, ob er sich konventionell erklären lässt. Sein Fazit nach dieser Prüfung war kein Glaubensbekenntnis, sondern eine nüchterne Feststellung: Das vorhandene Hirnmodell reicht nicht aus, um das Phänomen zu fassen. Damit reiht sich seine Arbeit in das Empfänger-Modell des Bewusstseins ein, ohne je leichtgläubig zu werden.

Vom Nahtod zum Sterbebett

Fenwicks eigenständigster Beitrag liegt aber nicht bei der Nahtoderfahrung, sondern bei dem, was er „end-of-life experiences" (ELE) nannte – den Phänomenen rund um das tatsächliche Sterben. Während die Nahtoderfahrung den Überlebenden befragt, beobachtet die Sterbeforschung den Sterbenden selbst und seine Umgebung. Über die Horizon Research Foundation trieb Fenwick dazu prospektive Studien voran – Befragungen von Hospiz- und Pflegepersonal begleitend zum Sterbeprozess, nicht im Nachhinein (etwa eine vielbeachtete Erhebung in einem Pflegeheim in Gloucestershire, 2008). Er sammelte dabei vier wiederkehrende Phänomene:

  • Sterbebettvisionen. Kurz vor dem Tod sehen viele Menschen bereits verstorbene Angehörige, die sie zu „erwarten" oder „abzuholen" scheinen – tröstlich, klar und vom Delir unterscheidbar. Ausführlich dazu unser Artikel über Sterbebettvisionen.
  • Sterbebett-Koinzidenzen. Ein Angehöriger „weiß" im Moment des Todes, dass der Sterbende gegangen ist – wacht auf, spürt eine Präsenz, sieht eine Gestalt – obwohl er räumlich weit entfernt ist und nicht informiert wurde.
  • Terminale Geistesklarheit. Schwer demente oder seit Tagen nicht ansprechbare Menschen werden kurz vor dem Tod noch einmal hellwach, erkennen ihre Lieben, sprechen klar – ein Phänomen, das ein reines Abbaumodell des Gehirns kaum erklärt.
  • Licht und weitere Begleitphänomene. Anwesende berichten von einem Licht um den Sterbenden, von stehengebliebenen Uhren, ungewöhnlichem Tierverhalten oder einer Form, die den Körper zu „verlassen" scheint. Fenwick sammelte diese Berichte vorsichtig – als zu dokumentierende Beobachtungen, nicht als Beweise.

„The Art of Dying" (2008)

In „The Art of Dying" (2008), wieder mit Elizabeth Fenwick, bündelte er diese Forschung zu einem fast praktischen Buch. Sein Anliegen war nicht spektakulär, sondern menschlich: Sterben ist ein Prozess, kein bloßes technisches Versagen von Organen, und ein friedlicher Tod ist möglich und wichtig. Das Buch verbindet die gesammelten Phänomene mit kulturellen Sterbetraditionen und konkreten Empfehlungen, wie sich Leid am Lebensende mindern lässt. Es ist Fenwicks Brücke von der Forschung zur Fürsorge – und es trifft sich mit dem Plädoyer für einen achtsamen klinischen Umgang, das wir im Artikel zur Nahtoderfahrung in der Ausbildung beschreiben.

Der Netzwerker des Feldes

Wie schon Kenneth Ring in den USA war Fenwick nicht nur Forscher, sondern Organisator. Er war Präsident des britischen Zweigs der IANDS (International Association for Near-Death Studies), leitete das Scientific and Medical Network – ein Forum von Wissenschaftlern und Medizinern, das Bewusstseinsfragen jenseits des engen Materialismus diskutiert – und führte die Horizon Research Foundation für die Erforschung des Lebensendes.

Vor allem aber war er Mentor einer jüngeren Generation: Er förderte den Intensivmediziner Sam Parnia, dessen große prospektive AWARE-Studien zum Herzstillstand unmittelbar auf Fenwicks Fragestellungen aufbauen (zur AWARE-Studie und ihren Grenzen siehe unseren Artikel über die OBE-Experimente), ebenso die Hospizforscherin Penny Sartori und die Forscherin Sue Brayne. Ohne Fenwicks Rückhalt wäre ein Teil der heutigen britischen Sterbeforschung nicht denkbar.

Seine Haltung – und sein eigener Tod

Fenwick blieb bis zuletzt vorsichtig. Er behauptete nie, das Jenseits „bewiesen" zu haben. Er sagte: Die Phänomene sind real, sie sind häufig, sie sind dokumentierbar – und das herrschende Modell, das Bewusstsein als bloßes Nebenprodukt der Hirnchemie versteht, wird ihnen nicht gerecht. Diese Zurückhaltung, gepaart mit seiner fachlichen Autorität, ist der Grund, warum seine Stimme bis heute schwerer wiegt als manch lautere.

Am 22. November 2024 starb Peter Fenwick im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in London. Ein Mann, der ein halbes Berufsleben dem Verstehen des Gehirns gewidmet hatte und das andere dem Verstehen des Sterbens, ging damit selbst durch jenen Übergang, den er so geduldig erforscht hatte.

Warum Fenwick zählt

  • Unverdächtige Expertise. Ein EEG- und Epilepsie-Spezialist, der reduktive Erklärungen aus Sachkenntnis verwirft, ist schwerer abzutun als ein begeisterter Laie.
  • Er weitete das Feld. Mit den End-of-Life Experiences brachte er das Sterbebett selbst in die Forschung – nicht nur den überlebenden Erzähler.
  • Er baute Brücken. Von der Empirie zur Fürsorge („The Art of Dying") und von der eigenen Arbeit zur nächsten Generation (Parnia, Sartori).

Einordnung

Dieser Artikel ergänzt die Heaven-Connect-Reihe zur seriösen Erforschung von Tod und Bewusstsein. Wo Kenneth Ring die Nahtoderfahrung vermessbar machte und Bruce Greyson die Skala lieferte, brachte Fenwick die Glaubwürdigkeit der Hirnforschung ein und öffnete den Blick auf das Sterbebett. Vertiefend: Sterbebettvisionen, die veridische Wahrnehmung und das Empfänger-Modell des Bewusstseins.

Quellen:
• Peter Fenwick & Elizabeth Fenwick, The Truth in the Light: An Investigation of Over 300 Near-Death Experiences, Headline, 1995.
• Peter Fenwick & Elizabeth Fenwick, The Art of Dying, Continuum, 2008.
• P. Fenwick et al., End of life experiences and the dying process in a Gloucestershire nursing home (2008) sowie Comfort for the dying (2009).
• Psi Encyclopedia (Society for Psychical Research): Peter Fenwick(link).
• Wikipedia: Peter Fenwick (neuropsychologist)(link).

Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung.