Nachtodkontakte

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Eine Witwe spürt nachts unverkennbar die Gegenwart ihres Mannes. Ein Sohn hört, Wochen nach der Beerdigung, die Stimme seiner Mutter – zwei Sätze, ruhig und klar. Solche spontanen Nachtodkontakte gehören zu den häufigsten außergewöhnlichen Erfahrungen überhaupt, und seit 2025 gibt es dazu erstmals eine große Auswertung mit deutschen Daten: publiziert in der frisch von uns porträtierten Zeitschrift für Anomalistik, vom führenden internationalen Forschungsteam des Feldes. Ihre Kernfrage ist so einfach wie erstaunlich: Was teilen die Verstorbenen eigentlich mit – und in welchem Zustand wirken sie?

Was Nachtodkontakte sind

Der Fachbegriff lautet After-Death Communication (ADC): der spontane, direkte Eindruck eines Kontakts mit einem Verstorbenen – ohne Medium, ohne Séance, ohne jede Technik, meist völlig unerwartet. Die Formen reichen vom deutlichen Spüren einer Gegenwart über gehörte Stimmen, gefühlte Berührungen und charakteristische Gerüche bis zu visuellen Eindrücken und außergewöhnlich realen Träumen. Wie verbreitet das ist, wissen wir für Deutschland aus dem Psi-Report: Erscheinungen Verstorbener gehören zu den klassischen Erfahrungen, die einen erheblichen Teil der Bevölkerung betreffen – und über die kaum jemand spricht. Wichtig zur Abgrenzung: Es geht hier um das Gegenteil der vermittelten Kontakte über Medien, wie sie etwa die EREAMS-Studie untersucht – niemand hat diese Erfahrungen gesucht, sie geschehen einfach.

Das Projekt: die systematische Vermessung

Seit Februar 2018 läuft das internationale Forschungsprojekt zur Phänomenologie spontaner Nachtodkontakte – getragen von der Schweizer ADC-Forscherin Evelyn Elsaesser gemeinsam mit den Psychologen Chris A. Roe und Callum E. Cooper (University of Northampton) und David Lorimer (Scientific and Medical Network), gefördert unter anderem von der Bial-Stiftung und der Society for Psychical Research. Mit detaillierten Fragebögen wurden inzwischen über 1.300 Betroffene in sechs Sprachen befragt; Elsaessers Buch „Spontaneous Contacts with the Deceased" (2023) fasst die Befunde zusammen und wurde mit dem Buchpreis des Scientific and Medical Network ausgezeichnet. Auf Deutsch erscheint ihre Bilanz unter dem Titel „Wenn das Ende nicht das Ende ist".

Die deutschen Ergebnisse (2025)

Der Aufsatz in der Zeitschrift für Anomalistik – „What the Deceased Communicate, What we Learn About Their State of Mind, and how this Impacts Grief" (Elsaesser, Roe, Cooper, Morrison & Lorimer, Band 25, Nr. 2) – wertet die 235 deutschsprachigen Fragebögen des Projekts aus. Drei Befunde stechen heraus:

  • Der Zustand der Verstorbenen: Sie werden ganz überwiegend in einem positiven Gemütszustand wahrgenommen – wohlauf, friedvoll, gelöst; negative Eindrücke sind die seltene Ausnahme.
  • Der Inhalt der Kontakte: Im Zentrum steht Unterstützung und Hilfe für die Hinterbliebenen – Beruhigung, Zuspruch, das Signal „mir geht es gut, du kannst loslassen".
  • Die Wirkung: Die Kontakte beeinflussen die Trauer spürbar positiv – sie trösten, entlasten und helfen beim Weiterleben.

Wer unsere Artikel über Sterbebettvisionen und Christopher Kerrs Hospizforschung kennt, erkennt das Muster sofort: Es ist dieselbe Botschaft von der anderen Seite der Schwelle. Die Sterbenden werden von Verstorbenen empfangen, die wohlauf wirken und beruhigen – und die Hinterbliebenen werden von denselben Verstorbenen besucht, wohlauf wirkend und beruhigend. Zwei getrennt erforschte Phänomene, ein konsistentes Bild.

Die ehrliche Gegenseite

Natürlich gibt es die naheliegende psychologische Deutung: Nachtodkontakte als Bewältigungsleistung der Trauer – das Innere erzeugt, was der Schmerz braucht. Dafür spricht die tröstliche Funktion; dagegen sprechen mehrere Eigenheiten des Materials, die das Projekt dokumentiert: Die Kontakte kommen oft unerwartet und in nüchternen Momenten, sie treffen auch Menschen ohne entsprechende Überzeugungen, und die Projektliteratur beschreibt zudem Fälle, in denen Empfänger Informationen erhielten, die sie nach eigener Aussage nicht wissen konnten. Eine Umfrage kann – das gilt hier wie beim Psi-Report – Erfahrungen belegen, nicht deren Ursache. Aber die Pauschal-Erklärung „Wunschdenken Trauernder" muss sich an einem sperrigen Detail abarbeiten: Wunschdenken müsste liefern, was der Wunsch diktiert – die berichteten Kontakte folgen jedoch auffällig oft ihrer eigenen Agenda.

Einordnung

Für die Trauernden selbst ist der praktische Ertrag der Studie kaum zu überschätzen: Wer einen solchen Kontakt erlebt, ist weder allein noch krank – er teilt eine Erfahrung mit Millionen, die jetzt auch für den deutschen Sprachraum sauber dokumentiert ist. Genau diese Normalisierung nennt das Projekt als eines seiner Ziele, und sie ist derselbe Dienst, den Elisabeth Kübler-Ross den Sterbenden erwiesen hat. Und für die größere Frage dieser Seite fügt die Studie dem Mosaik einen weiteren Stein hinzu: Sterbebettvisionen, Hospizträume, terminale Geistesklarheit, Nachtodkontakte – lauter unabhängig erforschte Phänomene, die immer wieder dasselbe erzählen. Irgendwann ist die sparsamste Erklärung nicht mehr die, die für jedes Phänomen einen anderen Mechanismus erfindet.

Quellen: Evelyn Elsaesser, Chris A. Roe, Callum E. Cooper, Sophie Morrison, David Lorimer: „What the Deceased Communicate, What we Learn About Their State of Mind, and how this Impacts Grief", Zeitschrift für Anomalistik 25 (2025), Nr. 2, S. 242–281 (Heftübersicht); das internationale ADC-Forschungsprojekt (seit 2018, University of Northampton / Scientific and Medical Network, gefördert u. a. von Bial-Stiftung und SPR), adcrp.org; Evelyn Elsaesser, Spontaneous Contacts with the Deceased (2023) bzw. deutsch Wenn das Ende nicht das Ende ist, evelyn-elsaesser.com; ergänzt um unsere Artikel zu Sterbebettvisionen, Christopher Kerr und dem Psi-Report Deutschland.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.