Journal of Near-Death Studies

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 9 Minuten

In unserem Porträt der IANDS haben wir ihr Fachjournal den folgenreichsten Baustein der Organisation genannt. Zeit, es selbst vorzustellen: Das Journal of Near-Death Studies ist bis heute das einzige peer-reviewte Fachjournal weltweit, das ausschließlich der Nahtodforschung gewidmet ist – seit über vier Jahrzehnten. Und das Beste: Sein komplettes Archiv ist frei im Netz lesbar.

Von Anabiosis zum Journal of Near-Death Studies

Die Zeitschrift startete 1981 unter dem Titel Anabiosis: The Journal for Near-Death Studies – „Anabiosis" ist das griechische Wort für Wiederbelebung. Gründungsherausgeber war der Sozialpsychologe Kenneth Ring, der die junge IANDS damals als erster Präsident führte. Schon 1982 übernahm der Psychiater Bruce Greyson und prägte das Journal über ein Vierteljahrhundert; 1987, mit Band 6, erhielt es seinen heutigen Namen. 2008 folgte die Beratungswissenschaftlerin Jan Holden von der University of North Texas, die es bis heute herausgibt – im Frühjahr 2025 erschien Band 43.

Verlegt wird das Journal von der IANDS selbst; zwischenzeitlich (1997–2003) erschien es beim Wissenschaftsverlag Kluwer Academic, weshalb ältere Jahrgänge bis heute auch über Springer auffindbar sind. Bis 2018 kam es vierteljährlich heraus, seit 2019 dreimal im Jahr.

Was dort erscheint – und wie geprüft wird

Der Zuschnitt ist breiter, als der Name vermuten lässt: Neben Nahtoderfahrungen und ihren Nachwirkungen veröffentlicht das Journal Arbeiten zu außerkörperlichen Erfahrungen, Sterbebettvisionen, geteilten Sterbeerfahrungen, Nachtod-Kontakten und verwandten transformativen Erfahrungen – ausdrücklich offen für verschiedene theoretische Deutungen, solange sie empirisch gearbeitet sind.

Jedes eingereichte Manuskript durchläuft eine verdeckte Begutachtung durch mindestens zwei Fachgutachter („masked review"): Die Gutachter kennen den Autor nicht. Das ist das gleiche Verfahren wie bei jedem anderen wissenschaftlichen Journal – und genau das unterscheidet die Aufsätze dort von Erfahrungsberichten in Büchern oder Blogs: Sie mussten durch Kritik hindurch, bevor sie gedruckt wurden.

Meilensteine aus vier Jahrzehnten

Einige der meistzitierten Arbeiten der Nahtodforschung sind hier erschienen. Das vielleicht berühmteste Beispiel: Ring & Cooper 1997, „Near-Death and Out-of-Body Experiences in the Blind" (Band 16, S. 101–147) – die Untersuchung von 31 blinden Personen, von denen etliche berichteten, während ihrer Nahtoderfahrung gesehen zu haben. Wir haben dieser Studie einen eigenen Artikel gewidmet. Dazu kommen die Arbeiten zur veridischen Wahrnehmung, Fallanalysen wie die um Pam Reynolds – und Jahr für Jahr die Einzelstudien, aus denen das Feld seine Datenbasis bezieht.

Wichtig für die Einordnung: Das Journal machte aus verstreuten Einzelbefunden eine kumulative Forschungstradition – ein Ort, an dem Studien aufeinander aufbauen, Messinstrumente sich durchsetzen und Kritik dokumentiert bleibt. Die größten Einzeldurchbrüche platzierten die Forscher daneben bewusst in Mainstream-Journalen – etwa van Lommels prospektive Studie in The Lancet (2001). Beides gehört zusammen: das Fachjournal als Heimat der laufenden Debatte, die großen Journale als Bühne für die Befunde, die auch dort standhalten.

Der Stresstest: die Augustine-Debatte 2007

Woran erkennt man, ob ein Fachjournal ein Ort der Wissenschaft ist oder ein Vereinsblatt der Überzeugten? Am besten daran, wie es mit seinen schärfsten Kritikern umgeht. 2007 lieferte das Journal dafür ein bemerkenswertes Beispiel: Es veröffentlichte drei große Kritik-Aufsätze des Skeptikers Keith Augustine (über die Bände 25 und 26), der die Nahtoderfahrung als Halluzination deutete und die Belege für veridische Wahrnehmung systematisch anzweifelte – die bis heute wohl gründlichste skeptische Attacke auf das Feld. Jeder Aufsatz erschien zusammen mit Kommentaren führender Forscher (darunter Greysons Erwiderung in Band 25, Heft 4) und Augustines Gegen-Erwiderungen – Kritik und Verteidigung im selben Heft, nachlesbar für jeden. Genau so soll wissenschaftlicher Streit aussehen.

Ehrliche Einordnung

Zwei Dinge muss man fairerweise dazusagen. Erstens: Das Journal ist das Hausjournal der IANDS – herausgegeben von einer Organisation, die dem Phänomen aufgeschlossen gegenübersteht. Zweitens: Die Annahmequote lag zuletzt (2021) bei 71 % – deutlich höher als bei großen Journalen, was schlicht die geringe Zahl der Einreichungen in einem kleinen Feld spiegelt. Wer daraus ableiten will, die Inhalte seien deshalb wertlos, macht es sich allerdings zu leicht: Die Begutachtung ist real, die Kritiker kommen zu Wort (siehe oben), und die Alternative wäre kein strengeres Journal, sondern gar keines – ein Feld ohne Ort für Begutachtung, Replik und Dokumentation. Man liest das Journal so, wie man jedes Fachjournal liest: Studie für Studie, auf die Methode schauend.

Frei lesbar: das offene Archiv

Das vielleicht Ungewöhnlichste zum Schluss: Während die meisten Fachjournale hinter Bezahlschranken liegen, ist das Journal of Near-Death Studies praktisch komplett frei zugänglich. Die University of North Texas – Holdens Universität – hostet in ihrer UNT Digital Library das gesamte Archiv von den Anabiosis-Heften der frühen 1980er bis heute, über 1.000 Dokumente im Volltext. Neue Hefte werden nach einem Embargo von einem Jahr freigeschaltet. Wer also wissen will, was die Nahtodforschung tatsächlich publiziert – statt dessen, was über sie behauptet wird –, kann es dort einfach nachlesen.

Fazit

Vierundvierzig Bände, drei Herausgeber, ein offenes Archiv und mindestens eine groß dokumentierte Skeptiker-Debatte: Das Journal of Near-Death Studies ist der Ort, an dem aus einem Bestseller-Thema der 1970er ein Forschungsfeld mit Gedächtnis wurde. Es ersetzt keine Lancet-Studie – aber ohne dieses Journal gäbe es die Kette von Fragen, Befunden und Erwiderungen nicht, aus der solche Studien überhaupt erst entstehen.

Quellen: IANDS, „About the Journal of Near-Death Studies" (Geschichte, Erscheinungsweise, Begutachtung, Annahmequote, Embargo), iands.org; das offene Volltext-Archiv des Journals in der UNT Digital Library; Ring & Cooper, „Near-Death and Out-of-Body Experiences in the Blind", Journal of Near-Death Studies 16 (1997), 101–147, Volltext; die Augustine-Debatte in den Bänden 25–26 (2007), ebenfalls im UNT-Archiv; ergänzt um unsere Porträts von Kenneth Ring, Bruce Greyson, Jan Holden und der IANDS.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste – dort ist das Journal of Near-Death Studies direkt verlinkt.