Im Psi-Report Deutschland und im Porträt von Ina Schmied-Knittel ist sein Name schon mehrfach gefallen – Zeit für den Mann selbst: Michael Schetsche (geboren 1956), Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2002 Abteilungsleiter am IGPP und außerplanmäßiger Professor an der Universität Freiburg. Er ist der Theoretiker hinter der Freiburger Sozialforschung zum Außergewöhnlichen – und der Soziologe, der im Ernst durchdenkt, was der Kontakt mit einer nichtmenschlichen Intelligenz für unsere Gesellschaft bedeuten würde.
Werdegang: aus der Mitte des Fachs
Schetsches Laufbahn begann fernab jeder Grenzforschung: Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Promotion und Habilitation in Soziologie an der Universität Bremen, Privatdozentur ebendort. Seine fachliche Heimat ist die Wissens- und Mediensoziologie – die Frage, wie Gesellschaften bestimmen, was als Wissen gilt, wie Deutungsmuster entstehen und wie Medien sie verbreiten. Im Mai 2002 übernahm er die Leitung der kultur- und sozialwissenschaftlichen Abteilung des IGPP; parallel lehrt er als apl. Professor am Institut für Soziologie der Universität Freiburg. Diese Doppelverankerung ist bemerkenswert: ein Grenzgebiete-Forscher mit ungebrochener Stellung im universitären Normalbetrieb.
Das Werkzeug: Wissenssoziologie
Schetsches Spezialität ist der Blick auf das Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen: Wer entscheidet, was eine Gesellschaft wissen darf, was als seriös gilt und was als anrüchig? Dass dieser Blick in beide Richtungen schneidet, zeigt sein Buch „Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens" (mit Andreas Anton und Michael K. Walter): eine nüchterne Analyse, wie Verschwörungserzählungen funktionieren – ohne den Kurzschluss, jede unbequeme Frage zur Verschwörungstheorie zu erklären. Dieselbe Symmetrie prägt den mit Schmied-Knittel herausgegebenen Band „Heterodoxie" (2018) über das „abweichende Wissen": Die Grenze zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ist kein Naturgesetz, sondern wird von Menschen gezogen, verteidigt und verschoben – ein Thema, das uns auf dieser Seite von der Machtlogik des verborgenen Wissens bis zur Frage „Mehrheit vs. Experten" immer wieder beschäftigt.
Alltägliche Wunder: die empirische Basis
Für unsere Leser am greifbarsten ist seine empirische Arbeit: Mit Eberhard Bauer gab er 2003 den Band „Alltägliche Wunder" heraus, und mit Ina Schmied-Knittel verantwortete er darin den Psi-Report Deutschland – die Repräsentativbefragung, die zeigte, dass rund drei Viertel der Deutschen mindestens eine außergewöhnliche Erfahrung berichten. Der Ansatz dahinter trägt bei Schetsche einen programmatischen Namen: reflexive Anomalistik – eine Anomalistik, die immer beides zugleich untersucht: die berichteten Phänomene und den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Man erforscht den Spuk und zugleich, was eine Kultur aus dem Spuk macht.
Die Exosoziologie: der Ernstfall des ganz Anderen
Sein eigenwilligstes Forschungsfeld hat Schetsche selbst mitbegründet: die Exosoziologie. Mit Andreas Anton veröffentlichte er „Die Gesellschaft der Außerirdischen – Einführung in die Exosoziologie" (Springer 2019) – die sozialwissenschaftliche Durcharbeitung der Frage, was ein Kontakt mit außerirdischer Intelligenz für menschliche Gesellschaften bedeuten würde: Wer spricht für die Menschheit? Wie reagieren Institutionen, Religionen, Märkte? Welche Kontaktszenarien sind denkbar, welche gefährlich? Man kann das für Science-Fiction halten – oder für vorausschauende Soziologie zu einer Frage, deren Eintrittswahrscheinlichkeit niemand kennt, deren Tragweite aber jede andere übertrifft. Der rote Faden zu seinen übrigen Themen ist offensichtlich: Es geht immer um die Begegnung einer Gesellschaft mit dem radikal Anderen – ob es als Spukbericht auftritt, als verfemtes Wissen oder als Signal aus dem All.
Einordnung
Schetsche ist der Theoretiker des Freiburger Stils: Wo Schmied-Knittel zählt und kartiert, liefert er die Begriffe – Deutungsmuster, Heterodoxie, reflexive Anomalistik –, mit denen sich das Feld überhaupt erst sauber denken lässt. Für diese Seite ist seine Arbeit doppelt wertvoll: Die Zahlen aus „Alltägliche Wunder" tragen unsere Argumente, und seine Grenzziehungs-Soziologie erklärt, warum die Erforschung des Außergewöhnlichen so oft nicht an den Daten scheitert, sondern an der Sortiermaschine des Wissenschaftsbetriebs. Wer verstehen will, wie verbotenes Wissen gemacht wird, liest Schetsche.
Quellen: Eintrag „Michael Schetsche" in der Wikipedia (Werdegang, IGPP-Abteilungsleitung seit 2002, Forschungsfelder); Personenseite am Institut für Soziologie der Universität Freiburg; Eberhard Bauer & Michael Schetsche (Hrsg.), Alltägliche Wunder (Ergon, 2003); Michael Schetsche & Ina Schmied-Knittel (Hrsg.), Heterodoxie. Konzepte, Traditionen, Figuren der Abweichung (Herbert von Halem, 2018); Michael Schetsche & Andreas Anton, Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie (Springer, 2019); Anton, Schetsche & Walter (Hrsg.), Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens (Springer VS); ergänzt um unsere Porträts von Ina Schmied-Knittel und dem IGPP.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.
