Der Psi-Report Deutschland

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 9 Minuten

Der häufigste Einwand gegen alles, worüber diese Seite schreibt, lautet nicht „das ist widerlegt", sondern: „Das betrifft doch nur ein paar seltsame Leute." Auf diesen Einwand gibt es seit gut zwanzig Jahren eine empirische Antwort – den „Psi-Report Deutschland", die repräsentative Bevölkerungsbefragung des IGPP zu außergewöhnlichen Erfahrungen. Ihr Ergebnis, kurz gesagt: Das Außergewöhnliche ist statistisch normal.

Die Erhebung

Um die Jahrtausendwende ließ das IGPP eine repräsentative Stichprobe von 1.510 Deutschen zu ihren Erfahrungen mit dem „Übersinnlichen" befragen – abgefragt wurden unter anderem Telepathie-Eindrücke, Wahrträume, Erscheinungen Verstorbener und UFO-Sichtungen, dazu Einstellungen und der Umgang mit solchen Erlebnissen. Durchgeführt und ausgewertet wurde die Studie von der Soziologin Ina Schmied-Knittel und dem Soziologen Michael Schetsche; publiziert wurde sie 2003 als „Psi-Report Deutschland" im Sammelband „Alltägliche Wunder" (herausgegeben von Eberhard Bauer und Schetsche) und 2005 auf Englisch im European Journal of Parapsychology. Wichtig für die Einordnung: Das ist keine Zählung in einem Esoterik-Forum, sondern klassische empirische Sozialforschung nach den Regeln der Umfragekunst.

Das Ergebnis: alltägliche Wunder

Der Buchtitel war als These gemeint und wurde vom Datenmaterial gedeckt: Rund drei Viertel der Befragten gaben mindestens eine eigene außergewöhnliche Erfahrung an; bei gut der Hälfte der Bevölkerung handelte es sich dabei um klassische paranormale Phänomene – allen voran Wahrträume, dazu Telepathie-Eindrücke und Erscheinungen Verstorbener. Was landläufig als exotische Randerscheinung gilt, ist demnach Bevölkerungsalltag: Es sind die Nachbarn, die Kollegen, die eigene Familie – quer durch die Gesellschaft.

Bemerkenswert ist auch, was die Befragung nicht fand: keine Bestätigung des Klischees, solche Erfahrungen seien ein Phänomen der Ungebildeten oder psychisch Auffälligen. Die Betroffenen sind der Querschnitt der Gesellschaft, und die allermeisten leben unauffällig mit ihren Erfahrungen – sie sprechen nur selten darüber, weil unsere Kultur keinen Ort dafür hat. Genau aus dieser Sprachlosigkeit speist sich der Bedarf an Anlaufstellen, wie ihn die kostenfreie IGPP-Beratung, die Beratungsstelle von Walter von Lucadou oder im NTE-Bereich die IANDS und das Netzwerk Nahtoderfahrung decken.

Die Schwesterstudie: 4 Prozent Nahtoderfahrungen

Der Psi-Report hat eine thematisch engere Schwester: Bereits 2001 hatte Schmied-Knittel (damals noch als Ina Schmied) mit Hubert Knoblauch und Bernt Schnettler die erste repräsentative Nahtoderfahrungs-Erhebung Europas publiziert – über 2.000 Befragte, vier Prozent mit einer Nahtoderfahrung, erschienen im Journal of Near-Death Studies. Zusammen ergeben die beiden Studien das deutsche Zahlengerüst: Millionen Menschen mit Nahtoderfahrungen, eine Bevölkerungsmehrheit mit außergewöhnlichen Erfahrungen überhaupt.

Alltägliche Wunder 2.0: der Befund hält

Eine Generation später hat das IGPP nachgemessen: Für die Folgebefragung „Alltägliche Wunder 2.0" wurden im Dezember 2024 über 2.050 Erwachsene online befragt (quotenrepräsentativ nach Geschlecht, Alter und Bundesland), mit 50 Fragen – darunter die Wiederholungsfragen von damals und neue Themen wie Nahtoderfahrungen, außerkörperliche Wahrnehmungen, Astrologie, Geistheilung und Meditation. Das erste Kernergebnis: Rund drei Viertel der Bevölkerung berichten auch heute eine eigene ungewöhnliche Erfahrung, bei anhaltend hoher Offenheit gegenüber solchen Phänomenen. Der Befund von 2003 war also kein Zeitgeist-Artefakt der Jahrtausendwende – er ist stabil.

Was die Zahlen belegen – und was nicht

Zur Ehrlichkeit gehört die Grenze: Eine Umfrage misst Erfahrungen und Deutungen, nicht deren Ursachen. Dass die Hälfte der Deutschen einen Wahrtraum oder eine Erscheinung berichtet, beweist nicht, dass Präkognition oder Verstorbenen-Kontakt real sind – dafür braucht es die Einzelfall- und Experimentalforschung, von der die übrigen Artikel dieser Seite handeln. Was die Zahlen aber sehr wohl erledigen, ist das Ausgangs-Argument: Man kann ein Erleben, das Dreiviertel der Bevölkerung teilt, nicht als Marotte einer Randgruppe abtun – und man kann es auch nicht pauschal pathologisieren, ohne die Mehrheit der Gesellschaft zu Patienten zu erklären. Die außergewöhnliche Erfahrung ist ein normaler Bestandteil des menschlichen Lebens; erklärungsbedürftig ist nicht ihre Existenz, sondern ihr Inhalt.

Einordnung

Der Psi-Report Deutschland ist das statistische Fundament unter vielen Artikeln dieser Seite: Er verwandelt „ein paar seltsame Leute" in „die Hälfte des Landes" – mit Methoden, gegen die kein methodischer Einwand verfängt, weil hier nichts Paranormales behauptet, sondern nur sauber gezählt wird. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Freiburger Soziologie: Bevor man streitet, was diese Erfahrungen sind, sollte man zur Kenntnis nehmen, wie viele Menschen sie machen. Es sind zu viele für jedes bequeme Wegerklären.

Quellen: Ina Schmied-Knittel & Michael Schetsche, „Psi-Report Deutschland. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu außergewöhnlichen Erfahrungen", in: Eberhard Bauer & Michael Schetsche (Hrsg.), Alltägliche Wunder. Erfahrungen mit dem Übersinnlichen – wissenschaftliche Befunde (Ergon, Würzburg 2003); dies., „Everyday Miracles: Results of a Representative Survey in Germany", European Journal of Parapsychology 20 (2005); Projektseiten „Verbreitung und Rezeption des Paranormalen" und „Alltägliche Wunder 2.0" des IGPP (Folgebefragung Dezember 2024, über 2.050 Befragte); Knoblauch, Schmied & Schnettler, „Different Kinds of Near-Death Experience", Journal of Near-Death Studies 20 (2001), Volltext.

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