Uri Geller, geboren 1946 in Tel Aviv, ist die international bekannteste Figur der Psi-Debatte der 1970er und 1980er Jahre. Mit verbogenen Löffeln, stehengebliebenen Uhren und nachgezeichneten versiegelten Bildern wurde er zu einem TV-Phänomen von Tokio bis New York. Was ihn von einem reinen Bühnenkünstler unterscheidet: Er war zur selben Zeit Versuchsperson in einer der wenigen Studien, die es zu solchen Phänomenen je in das Wissenschaftsjournal Nature geschafft haben, und die direkte Auslösung für ein zwei Jahrzehnte laufendes CIA-finanziertes Forschungsprogramm.
Biographische Einordnung
Geller wuchs in Tel Aviv und Zypern auf, leistete seinen Wehrdienst bei den israelischen Fallschirmjägern, wurde 1967 im Sechs-Tage-Krieg verwundet und begann Ende der 1960er Jahre, zunächst in israelischen Theatern und auf Privatfeiern, mit den Demonstrationen aufzutreten, die ihn berühmt machten: Metallverbiegung, Telepathieexperimente mit Zeichnungen, Anhalten und Wiederstarten von Uhren. Der israelische Autor und Filmemacher Andrija Puharich – ein US-amerikanischer Arzt mit langer Vorgeschichte in der Parapsychologie – holte ihn 1971/72 in die Vereinigten Staaten. Damit beginnt der eigentliche, akademisch und nachrichtendienstlich dokumentierte Teil der Geschichte.
Stanford Research Institute: die SRI-Experimente
Am Stanford Research Institute (SRI, heute SRI International) in Menlo Park, Kalifornien, hatten Anfang der 1970er Jahre die beiden Laserphysiker Harold Puthoff und Russell Targ ein parapsychologisches Forschungsprogramm aufgebaut – mit Drittmitteln privater Geldgeber und, schrittweise, von US-Nachrichtendiensten. Geller war zwischen November 1972 und August 1973 ihre zentrale Versuchsperson. Die Experimente folgten einem klaren Protokoll und wurden zum Teil per Video dokumentiert.
Die wichtigsten Versuchsreihen umfassten:
- Bildreproduktion: Ein Zeichner produzierte in einem abgeschirmten Raum eine Zeichnung; Geller, in einem anderen, ebenfalls abgeschirmten Raum, sollte sie reproduzieren. In mehreren Sitzungen lieferte er statistisch signifikant ähnliche Bilder – darunter berühmt gewordene Beispiele wie eine Weintraube oder ein Vulkan, die er in für die Versuchsleiter überraschender Detailtreue zeichnete.
- Würfel-in-Box: Ein Würfel wurde in eine geschlossene Stahlbox gegeben, geschüttelt und Geller gefragt, welche Zahl oben liegt. In acht von zehn Versuchen war seine Vorhersage korrekt (die Trefferquote durch Zufall liegt bei eins zu sechs); zweimal verzichtete er auf eine Antwort.
- Magnetometer-Tests: Geller veränderte ohne Berührung das Signal eines empfindlichen Magnetometers in unmittelbarer Nähe.
Eine sitzungsgenaue Rekonstruktion dieser drei Hauptserien – mit den dreizehn Bildreproduktions-Sitzungen, der Forced-Choice-Ranking-Methodik der fünf unabhängigen Juroren, den dokumentierten Treffern und Fehlschlägen sowie der vollständigen Kritik–Replik-Bilanz mit Randi, Gardner und Hyman – findest Du in unserem Detail-Beitrag zu den SRI-Geller-Experimenten. Die beiden Laserphysiker selbst, ihre Vorgeschichte in der Lasertechnik und ihr Wirken nach dem SRI (Targs Delphi-Associates-Episode, Puthoffs spätere AAWSAP-Verbindung) sind in einem gemeinsamen Porträt beschrieben.
Die Nature-Publikation, 18. Oktober 1974
Puthoff und Targ veröffentlichten ihre Ergebnisse am 18. Oktober 1974 in der Fachzeitschrift Nature: Information transmission under conditions of sensory shielding, Nature 251, 602–607. Das ist insofern bemerkenswert, als Nature zu den beiden weltweit angesehensten allgemeinwissenschaftlichen Zeitschriften gehört (neben Science) und Arbeiten zur Parapsychologie dort nahezu nie erscheinen.
Die Nature-Redaktion veröffentlichte den Beitrag zusammen mit einem ungewöhnlichen redaktionellen Begleitkommentar, in dem sie offen einräumte, dass das Material ungewöhnlich sei, dass die Gutachter geteilter Meinung gewesen waren und dass die Veröffentlichung als Anregung zur weiteren wissenschaftlichen Diskussion zu verstehen sei. Dieser Begleitkommentar ist Teil der historischen Quellenlage und ist im Original-Archiv von Nature einsehbar.
Die CIA-Spur: vom SRI zu Stargate
Die SRI-Geller-Experimente waren der konkrete Auslöser, der die CIA und später die Defense Intelligence Agency bewog, eine kontinuierliche Förderung psi-bezogener Forschung zu beginnen. Aus dieser Förderung entstand das Programm, das später unter dem Namen Stargate bekannt wurde und bis 1995 lief – mit eigenen Operativeinheiten, die nicht mehr Geller, sondern andere Versuchspersonen (Ingo Swann, Pat Price, Joseph McMoneagle) für das sogenannte Remote Viewing einsetzten. Die freigegebenen CIA-Dokumente zum Programm sind seit 2017 frei zugänglich. Wir haben das in unserem Beitrag zum Stargate-Programm ausführlich dargestellt.
Der entscheidende Punkt ist: Auch wer Geller selbst skeptisch beurteilt, kommt nicht daran vorbei, dass seine Vorführungen die finanzielle und institutionelle Tür für ein Forschungsprogramm öffneten, dessen Operativergebnisse (Lokalisierung sowjetischer Schiffs- und Flugzeugpositionen, Beschreibung sowjetischer Anlagen) bis in die späten 1990er Jahre offiziell als nützlich genug eingestuft wurden, um die Finanzierung jährlich neu zu bewilligen.
Der TV-Aufstieg der 1970er Jahre
Parallel zur SRI-Arbeit entstand das öffentliche Geller-Phänomen. Im November 1973 war er Gast in The Dimbleby Talk-In der BBC – das war einer der ersten Auftritte, in denen ein nicht-westlicher Performer im britischen Hauptabendprogramm Telepathie- und Metallverbiegungsdemonstrationen vor laufenden Kameras zeigte. In Deutschland trat er bei Wim Thoelkes Drei mal Neun und in mehreren weiteren Sendungen des deutschen Fernsehens auf. In Japan löste er eine eigene Welle der „spoon bending"-Begeisterung aus. Für das amerikanische Publikum war er ein regelmäßiger Gast in TV-Magazinen.
Dass solche Auftritte in dieser Form in den 1970ern auf nationalen Hauptkanälen möglich waren, ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Die Talk-Formate hatten Zeit, die wissenschaftliche Begleitung war nicht von vornherein delegitimiert, und die Zuschauerschaft war bereit, das Gezeigte als Frage und nicht als Witz zu nehmen. Mit dem Wechsel der Medienlandschaft in den 1990er und 2000er Jahren schrumpfte dieser Raum drastisch.
Der Tonight-Show-Auftritt, 1. August 1973
Der berühmteste – und für die spätere Geller-Kritik wichtigste – TV-Moment war Gellers Auftritt in der Tonight Show mit Johnny Carson am 1. August 1973. Carson selbst war ein ausgebildeter Bühnenzauberer, und der Skeptiker und Berufszauberer James Randi hatte ihn vorab beraten, wie eine kontrollierte Testbedingung aussehen müsse. Konkret: Geller bekam Requisiten zugestellt, die er nicht vorher untersuchen konnte, und mit denen er nicht in der gewohnten Weise umgehen durfte. Vor 18 Millionen Zuschauern gelang es ihm in den anschließenden 22 Minuten nicht, eines seiner Phänomene zu zeigen. „I don't feel strong tonight," sagte er.
Dieser Auftritt ist – je nach Lesart – entweder der endgültige Nachweis, dass Geller ein Bühnenzauberer ohne echte Phänomene war, oder ein Beleg dafür, dass die unter SRI-Bedingungen beobachteten Effekte unter Studio-Druck und ohne gewohntes Setting nicht abrufbar waren – ein Effekt, den die historische Mediumforschung seit William Crookes und Charles Richet ausführlich diskutiert. Geller hat selbst später eingeräumt, dass er an diesem Abend „nicht funktioniert" habe, ohne daraus eine Niederlage zu machen.
John Taylor – die akademische Wende
Eine eigene Geschichte für sich ist John G. Taylor (1931–2012), Mathematiker und Mathematischer Physiker am King's College London. Taylor hatte Geller persönlich getestet und veröffentlichte 1975 das viel beachtete Buch Superminds: An Inquiry into the Paranormal, in dem er die beobachteten Metallverbiegungsphänomene als reales physikalisches Geschehen einstufte und nach einer elektromagnetischen Erklärung suchte. Fünf Jahre später, 1980, kehrte er in Science and the Supernatural seine Position öffentlich um: Nachdem er keine elektromagnetische Signatur hatte messen können und seinerseits Hinweise auf konventionelle Erklärungen wahrnahm, distanzierte er sich von seiner früheren Bewertung.
Taylor ist damit der heute interessantere intellektuelle Fall als die Skeptiker, die nie etwas anderes geglaubt haben. Er gehört zu den wenigen aktiven Mathematischen Physikern, die diese Frage offen und über Jahre durchgearbeitet haben – und sein Rückzug ist ein Teil der dokumentierten Quellenlage, den jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Geller berücksichtigen muss.
James Randi und die Skeptiker-Position
Der prominenteste Gegenspieler Gellers war über Jahrzehnte der amerikanisch-kanadische Bühnenzauberer James Randi (1928–2020). Randi hat in einer Reihe von Büchern – allen voran The Truth About Uri Geller (Prometheus 1982, ursprünglich 1975 als The Magic of Uri Geller) – Schritt für Schritt zu zeigen versucht, wie die einzelnen Geller-Effekte mit klassischen Bühnentricks reproduzierbar seien: Löffelverbiegung durch unbeobachtetes Vorbiegen, Bildreproduktion durch Beobachtung des Zeichners oder durch Komplizen, Uhrenneustart durch leichte Erschütterung.
Randis Position ist konsistent, methodisch klar und im Hinblick auf eine Reihe von Geller-Auftritten plausibel. Sie ist in der Bewertung der SRI-Studien jedoch nicht das letzte Wort: Puthoff und Targ haben in ihrer Nature-Antwort und in mehreren Folgepublikationen detailliert beschrieben, welche Versuche unter welchen Kontrollbedingungen stattfanden, und einige der Befunde – insbesondere die Würfel-in-Box-Serie und die Magnetometer-Effekte – sind durch reine Bühnenzauberei nicht ohne weiteres erklärbar. Die ehrliche heutige Quellenlage ist, dass Randi für einen Teil der TV-Auftritte vermutlich Recht hatte, dass aber die SRI-Daten als Ganzes damit nicht erledigt sind.
Was bleibt heute
Uri Geller ist 2026 fast 80 Jahre alt, lebt zwischen seinem langjährigen Wohnsitz in Sonning-on-Thames (England) und Jaffa (Israel), wo er 2020 sein eigenes Uri Geller Museum eröffnet hat. Er ist über Social Media weiter öffentlich aktiv, hat in den 2010er und 2020er Jahren mehrere Reportagen und Dokumentarfilme über sich erlaubt und Fragen zum Stargate-Programm im Licht der 2017 freigegebenen CIA-Dokumente erneut diskutiert.
Was von Geller bleibt, ist nicht die Frage „Echt oder Trick?" als binäre Antwort. Was bleibt, sind drei Tatsachen, die unabhängig voneinander gut belegt sind:
- Eine peer-reviewed Nature-Publikation 1974, die ihn als Versuchsperson nennt – ein in der gesamten Psi-Forschung sehr seltenes Ereignis.
- Die direkte Auslösung des Stargate-Programms der CIA und DIA, das über zwei Jahrzehnte mit ernsthaften Operativzielen finanziert wurde.
- Eine TV-Phase der 1970er Jahre, in der Phänomene dieser Art im Mainstream-Programm der größten Sender Europas, Amerikas und Japans diskutiert werden konnten – ein Raum, der in den folgenden Jahrzehnten zunehmend geschlossen wurde.
Wer eine seriöse eigene Meinung bilden will, sollte die Nature-Originalpublikation, die SRI-Sekundärliteratur, Taylors zwei Bücher 1975 und 1980 sowie Randis The Truth About Uri Geller nebeneinander legen. Diese Quellenlage erlaubt eine sehr genaue Rekonstruktion dessen, was geprüft wurde, was beobachtet wurde, was umstritten ist und was nicht. Die Antwort fällt selten in das einfache „alles Trick" oder „alles echt", das die populären Debatten der letzten 50 Jahre dominiert hat.
Quellen: Russell Targ & Harold Puthoff, Information transmission under conditions of sensory shielding, Nature 251, 602–607, 18. Oktober 1974. Editorial Commentary derselben Ausgabe von Nature. Targ & Puthoff, Mind-Reach: Scientists Look at Psychic Ability, Delacorte Press 1977. John G. Taylor, Superminds: An Inquiry into the Paranormal, Macmillan 1975, und Science and the Supernatural, Temple Smith 1980. James Randi, The Truth About Uri Geller, Prometheus Books 1982 (Erstausgabe als The Magic of Uri Geller, Ballantine 1975). Andrija Puharich, Uri: A Journal of the Mystery of Uri Geller, Doubleday 1974. Freigegebene CIA-Stargate-Akten, CIA Reading Room (online seit 2017). Eigene Website Uri Gellers (urigeller.com) sowie die Tonight-Show-Aufzeichnung vom 1. August 1973.
