Ina Schmied-Knittel

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Neben der Klinik und dem Labor gibt es eine dritte Zugangsweise zum Außergewöhnlichen: die Soziologie – die Frage, wie viele Menschen solche Erfahrungen machen, wie sie sie deuten und was eine Gesellschaft daraus macht. Im deutschen Sprachraum ist diese Perspektive untrennbar mit Ina Schmied-Knittel verbunden: seit 1998 Forscherin am IGPP in Freiburg, Mitautorin der ersten repräsentativen Nahtoderfahrungs-Erhebung Europas – und Biografin von Fanny Moser.

Werdegang: die Konstruktions-Forscherin

Schmied-Knittel ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin und gehört seit 1998 zum wissenschaftlichen Team des IGPP – dem kultur- und sozialwissenschaftlichen Zweig, den wir im Institutsporträt als Themenfeld „Gesellschaft – Wissen – Diskurse" vorgestellt haben. Ihre Promotion (Freiburg, 2008) verrät viel über ihren Blick: eine Diskursanalyse zum „rituellen Missbrauch" – jener Satanismus-Panik der 1990er Jahre, in der Therapeuten, Medien und Behörden ein okkultes Verbrechensnetzwerk konstruierten, das sich empirisch nie bestätigen ließ. Wer untersucht hat, wie Gesellschaften falsche Gewissheiten über das Okkulte erzeugen, bringt die beste Impfung mit, die es für die Erforschung echter außergewöhnlicher Erfahrungen gibt: Sie weiß, wie Erzählungen entstehen, sich verstärken und verselbständigen – auf der Gläubigen-Seite wie auf der Skeptiker-Seite.

2001: die erste repräsentative NTE-Erhebung Europas

Ihr international bekanntester Forschungsbeitrag erschien 2001 – damals noch unter dem Namen Ina Schmied – gemeinsam mit den Soziologen Hubert Knoblauch und Bernt Schnettler im Journal of Near-Death Studies: „Different Kinds of Near-Death Experience: A Report on a Survey of Near-Death Experiences in Germany" – die erste repräsentative Bevölkerungserhebung zu Nahtoderfahrungen in Europa. Über 2.000 Deutsche wurden befragt; vier Prozent berichteten eine Nahtoderfahrung. Hochgerechnet heißt das: Millionen Betroffene allein in Deutschland – das Phänomen ist kein exotischer Einzelfall, sondern Teil der Bevölkerungswirklichkeit.

Ebenso wichtig wie die Häufigkeit war der Inhalt: Die berichteten Erfahrungen waren vielfältiger, als das klassische Moody-Schema erwarten ließ, und sie unterschieden sich mit kulturellen Variablen – am auffälligsten zwischen dem religiös geprägten Westen und dem post-sozialistischen Osten Deutschlands, wo dieselben Erlebnisse seltener religiös gedeutet wurden. Damit lieferte die Studie deutsches Datenmaterial für eine Frage, die uns im Artikel zur Greyson-Skala als „Kultur-Frage" begegnet ist: Was am Erleben ist stabiler Kern, was ist kulturelle Einfärbung der Deutung? Die nüchterne soziologische Antwort: Beides existiert, und wer nur eines sieht, macht einen Fehler.

2003: der Psi-Report Deutschland

Zwei Jahre später folgte mit dem Soziologen Michael Schetsche der „Psi-Report Deutschland" – eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu außergewöhnlichen Erfahrungen insgesamt, erschienen im Band „Alltägliche Wunder" (herausgegeben von Eberhard Bauer und Schetsche, 2003). Das Kernergebnis steckt schon im Buchtitel: Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung berichtet mindestens eine eigene außergewöhnliche Erfahrung – Telepathie-Eindrücke, Wahrträume, Erscheinungen Verstorbener und Ähnliches. Das „Übersinnliche" ist statistisch gesehen alltäglich.

Die Tragweite dieses Befundes kann man kaum überschätzen. Er beantwortet den häufigsten Einwand gegen dieses ganze Themenfeld – „das sind doch Einzelfälle seltsamer Leute" – mit Bevölkerungsdaten: Es sind die Nachbarn, die Kollegen, die eigene Familie, quer durch alle Bildungs- und Altersschichten. Und er erklärt, warum die kostenfreie Beratung des IGPP und Angebote wie die Anlaufstellen der IANDS gebraucht werden: Wenn die Hälfte der Bevölkerung solche Erfahrungen macht, unsere Kultur aber keinen Ort dafür hat, entsteht genau die Sprachlosigkeit, mit der Betroffene sonst allein bleiben.

Heterodoxie: das abweichende Wissen

Ihr drittes Arbeitsfeld ist die Wissenschaftssoziologie des „abweichenden Wissens": Mit Schetsche gab sie 2018 den Band „Heterodoxie: Konzepte, Traditionen, Figuren der Abweichung" heraus – die Frage, wie Wissensbestände zu „unwissenschaftlich" erklärt werden, wer über diese Grenze wacht und was an ihr geschieht. Das ist dieselbe Grenzarbeit, die uns in unseren Diskussionen über Distanzierungsgesten und Karriererisiken der Grenzforschung beschäftigt – Schmied-Knittel erforscht sie systematisch. Dazu passt ihr Engagement in der Gesellschaft für Anomalistik, die mit der Zeitschrift für Anomalistik das deutschsprachige Fachforum für diese Debatten trägt.

Science und Séance: die Moser-Biografin

Ihr jüngstes größeres Werk kennt der Leser dieser Reihe schon: die Biografie „Science und Séance" (2022) über Fanny Moser – die Zoologin und Spukforscherin, deren Vermächtnis das IGPP trägt. Dass die Hausbiografin des Instituts ausgerechnet die Soziologin ist, hat eine innere Logik: Mosers Leben zwischen Mikroskop und Séance ist selbst ein Lehrstück über Wissenschaftsgrenzen, weibliche Wissenschaftsgeschichte und den Preis der Beschäftigung mit dem Verfemten – Schmied-Knittels Kernthemen in einer Person.

Einordnung

In unserer Porträt-Reihe stehen bisher vor allem Kliniker, Experimentatoren und Fallforscher. Schmied-Knittel vertritt die dritte Säule, ohne die das Bild unvollständig bliebe: die Vermessung des Außergewöhnlichen in der Bevölkerung. Ihre beiden großen Zahlen – vier Prozent Nahtoderfahrungen, über fünfzig Prozent außergewöhnliche Erfahrungen – gehören zum Fundament fast aller Argumente, die auf dieser Seite vorkommen. Und ihre Doppelkompetenz – die Panik-Forscherin, die echte Erfahrungen kartiert – verkörpert den Freiburger Stil in Reinform: weder glauben noch abwinken, sondern zählen, vergleichen, verstehen.

Quellen: Hubert Knoblauch, Ina Schmied, Bernt Schnettler, „Different Kinds of Near-Death Experience: A Report on a Survey of Near-Death Experiences in Germany", Journal of Near-Death Studies 20 (2001), 15–29, Volltext; Ina Schmied-Knittel & Michael Schetsche, „Psi-Report Deutschland. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu außergewöhnlichen Erfahrungen", in: Eberhard Bauer & Michael Schetsche (Hrsg.), Alltägliche Wunder. Erfahrungen mit dem Übersinnlichen – wissenschaftliche Befunde (Ergon, Würzburg 2003); Ina Schmied-Knittel, Science und Séance. Die Biologin und Parapsychologin Fanny Moser (1872–1953) (Ergon/Nomos, 2022); Werdegang und Forschungsfelder auf der IGPP-Teamseite und bei der Gesellschaft für Anomalistik.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.