Gerhard Mayer

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Im Freiburger Ensemble, das wir in dieser Reihe porträtiert haben, fehlt noch eine Rolle: die des Mannes, der hinausgeht. Michael Schetsche liefert die Theorie, Ina Schmied-Knittel die Bevölkerungsdaten – Gerhard Mayer aber sitzt bei Schamanen und Magiern, fährt zu Spukhäusern und analysiert die berühmtesten Anomalie-Artefakte Europas im Labor. Der Psychologe vom IGPP ist der Feldforscher der deutschen Anomalistik – und zugleich ihr wichtigster Organisator.

Vom Kino zum Grenzgebiet

Mayer studierte in Freiburg Psychologie, Soziologie, Philosophie und Kunstgeschichte und promovierte in Psychologie über ein Thema, das seinen Blick geprägt hat: die Rezeption okkulter Darstellungen im Film – also die Frage, wie das Übersinnliche über die Leinwand in unsere Vorstellungswelt gelangt. Wer so anfängt, weiß ein für alle Mal, dass zwischen dem Phänomen und seinem Bild in den Köpfen eine Medienmaschine steht. Heute forscht Mayer in der Abteilung für Empirische Kultur- und Sozialforschung des IGPP; zu seinen Themen gehören neben der Feldforschung auch die soziale Stigmatisierung außergewöhnlicher Erfahrungen und ihre biografische Integration – die Frage, wie Menschen mit dem weiterleben, was ihnen widerfahren ist, und was es sie kostet, darüber zu sprechen.

Der Ethnograf: bei Schamanen und Magiern

Mayers Markenzeichen ist die teilnehmende Nähe. Für „Schamanismus in Deutschland" (2003) vermaß er die heterogene neoschamanische Szene und interviewte Praktizierende – mit einem doppelten Erkenntnisinteresse: Die dort regelmäßig berichteten außergewöhnlichen Phänomene berühren Kernthemen der Parapsychologie, und das gezielte Herbeiführen veränderter Bewusstseinszustände macht die Praktiker für die Bewusstseinsforschung interessant. Fünf Jahre später folgte „Arkane Welten" (2008): biografische Interviews mit zeitgenössischen Magiern – ihre Werdegänge, Ausbildungswege, Praktiken und ihr je eigenes Verständnis dessen, was Magie ist. Beides sind keine Enthüllungsbücher und keine Werbeschriften, sondern Ethnografien: ernst nehmen, ohne mitzuglauben – zuhören, ohne abzukanzeln.

Der Spukforscher: Bender-Tradition mit heutigen Mitteln

Mit seinen Einzelfalluntersuchungen setzt Mayer die Tradition fort, die Hans Bender mit Rosenheim begründet hat – nur methodisch strenger. Zu seinen dokumentierten Fällen gehören die Rekonstruktion eines angeblichen Spuks in einem Schwarzwald-Hotel und Untersuchungen von Foto-Anomalien; gemeinsam mit Kollegen legte er Materialanalysen zu den berühmten „Gesichtern von Bélmez" vor – jenen seit 1971 immer wieder erscheinenden Gesichts-Flecken auf einem spanischen Küchenboden, die als einer der stärksten Spukfälle Europas galten; die Analysen ernüchterten den Fall erheblich. Dass derselbe Forscher auch die Ghost-Hunting-Szene untersucht hat – die Freizeit-Geisterjägergruppen, die mit Messgeräten durch verlassene Gebäude ziehen –, zeigt das reflexive Programm: Erforscht wird immer beides, das mögliche Phänomen und der gesellschaftliche Umgang damit. Sein Methodenband „N gleich 1" systematisiert, wie anomalistische Einzelfallstudien überhaupt sauber geführt werden können – die Methodenlehre zu Benders Erbe.

Der Organisator: Handbuch, Gesellschaft, Zeitschrift

Neben der Feldarbeit hält Mayer die Infrastruktur des Feldes zusammen: Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Anomalistik und leitet seit 2017 die Redaktion der Zeitschrift für Anomalistik – des Journals, dessen „Streit als Format"-Prinzip wir bereits porträtiert haben. Und er ist Erstherausgeber des Standardwerks „An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik" (mit Schetsche, Schmied-Knittel und dem langjährigen wissenschaftlichen IGPP-Direktor Dieter Vaitl) – der Gesamtinventur dessen, was die seriöse Anomalienforschung weiß, nicht weiß und wissen könnte.

Einordnung

Mit Mayer ist das Freiburger Quartett komplett, das diese Reihe Stück für Stück vorgestellt hat: Nahm erforscht die Phänomene in Todesnähe, Schetsche die Wissensordnungen, Schmied-Knittel die Verbreitung – und Mayer geht dorthin, wo die Berichte herkommen. Sein Doppelprofil aus Feldforscher und Organisator ist dabei kein Zufall, sondern Programm: Wer Einzelfälle vor Ort untersucht, weiß am besten, warum das Feld Journale, Methodenstandards und Handbücher braucht. Die deutsche Anomalistik verdankt ihm beides – ihre interessantesten Falldokumentationen und einen guten Teil des Gerüsts, das sie zusammenhält.

Quellen: Werdegang und Forschungsfelder auf der IGPP-Teamseite und im GfA-Profil; Gerhard Mayer, Schamanismus in Deutschland. Konzepte – Praktiken – Erfahrungen (Ergon, Würzburg 2003) und Arkane Welten. Biografien, Erfahrungen und Praktiken zeitgenössischer Magier (Ergon, Würzburg 2008); Mayer et al., An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik (Schattauer, Stuttgart 2015); Gerhard Mayer (Hrsg.), N gleich 1. Methodologie und Methodik anomalistischer Einzelfallstudien (Springer, 2019); zu den Bélmez-Gesichtern: Mayer & Kornmeier, „The Bélmez Faces: An Investigation of a Supposedly Strong Case" (Journal of Scientific Exploration); zum Ghost Hunting das IGPP-Forschungsprojekt.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.