Mediumship and Survival

Veröffentlicht am 2026-07-13 · Lesezeit ca. 11 Minuten

Als die Society for Psychical Research 1982 ihr hundertjähriges Bestehen feierte, erschien die Bilanz, an der sich seither jede ernsthafte Diskussion der Mediumsforschung messen lassen muss: „Mediumship and Survival: A Century of Investigations" von Alan Gauld. Kein Erweckungsbuch, keine Abrechnung – sondern das, was am seltensten ist: ein akademischer Psychologe, der ein Jahrhundert Aktenmaterial souverän beherrscht und dem Leser beide Waagschalen offen hinlegt. Wer nur ein einziges Buch über die Frage lesen will, ob Medien wirklich Kontakt zu Verstorbenen herstellen, liest bis heute am besten dieses.

Der Mann hinter dem Buch

Alan Gauld (1932–2024) war die vielleicht glaubwürdigste Stimme, die das Feld je hatte: promoviert am Emmanuel College in Cambridge, lehrte er sein Berufsleben lang biologische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Nottingham – ein Mann der Hirnforschung also, kein Salon-Okkultist. Der Society for Psychical Research diente er als Herausgeber ihres Journals (1965–1970) und als Präsident (1989–1992); für sein Lebenswerk erhielt er die Myers-Gedächtnismedaille der SPR und den Preis der Parapsychological Association für herausragende Forschungsbeiträge. Seine Bücher wurden Standardwerke gleich mehrerer Felder: The Founders of Psychical Research (1968) für die Frühgeschichte, A History of Hypnotism (1992) für die Hypnose-Geschichte – und eben Mediumship and Survival (1982) für die Überlebensfrage. Den Lesern dieses Blogs ist er schon begegnet: als einer der sechs Autoren von Irreducible Mind.

Ein Jahrhundert in einem Band

Das Buch sichtet das Beste aus den Archiven der britischen und amerikanischen SPR – und sein Aufbau ist ein Curriculum der ganzen Disziplin: die großen Trance-Medien Leonora Piper und Gladys Osborne Leonard (bekannt aus Oliver Lodges „Raymond"-Fall), die „Drop-in"-Kommunikatoren, die Frage nach Zweck und Persönlichkeit der Mitteilungen, die Natur der Kontroll-Persönlichkeiten, die Super-ESP-Hypothese in Theorie und Datenlage, Besessenheit, Reinkarnation, Gedächtnis und Gehirn, außerkörperliche Erfahrungen und Erscheinungen Verstorbener. Besonderes Gewicht legt Gauld auf die methodisch härtesten Versuchsanordnungen der Leonard-Ära: die Proxy-Sitzungen, bei denen ein unbeteiligter Stellvertreter zum Medium ging, sodass Gedankenlesen beim Sitzungsteilnehmer als Erklärung ausfällt – der Stellvertreter wusste selbst nichts über den Verstorbenen.

Gaulds Spezialgebiet: die ungebetenen Gäste

Das originellste Kapitel behandelt ein Phänomen, das Gauld selbst erforscht hat wie kein Zweiter: „Drop-in"-Kommunikatoren – Verstorbene, die sich in Sitzungen melden, ohne dass irgendein Anwesender sie kennt, sucht oder erwartet. Ihre Beweiskraft liegt in der Motivlage: Wo niemand den Toten kennt, kann weder Wunschdenken noch Gedächtnis der Teilnehmer die Information liefern. Gauld analysierte die erhaltenen Protokolle eines englischen Hauszirkels der Jahre 1937–1943 und publizierte die Fälle 1971 in den Proceedings der SPR. Der bekannteste: „Harry Stockbridge", der sich als Second Lieutenant der Northumberland Fusiliers vorstellte, gefallen am 14. Juli 1916. Die Nachprüfung in Militärakten bestätigte Name, Rang, Einheit und Todesdatum – samt Details, die selbst in den gedruckten Quellen nur verstreut oder gar nicht zu finden waren. Das isländische Gegenstück lieferten Erlendur Haraldsson und Ian Stevenson mit dem Fall „Runki" (Runólfur Runólfsson): Ein ruppiger Kommunikator verlangte beim Medium Hafsteinn Björnsson jahrelang nach seinem fehlenden Bein – Kirchenbücher bestätigten den 1879 ertrunkenen Mann, und ein Oberschenkelknochen fand sich tatsächlich eingemauert im Haus eines Sitzungsteilnehmers.

Der ehrliche Schiedsrichter: Super-ESP

Was das Buch über seine Fallschätze hinaus zum Standardwerk macht, ist die Behandlung der stärksten Gegenhypothese. Wenn Telepathie und Hellsehen existieren – und die SPR-Archive legen das nahe –, könnte ein Medium seine Treffer dann nicht aus den Köpfen der Lebenden und aus verstreuten Dokumenten zusammenlesen, statt von Verstorbenen? Diese „Super-ESP"-Hypothese nimmt Gauld ernster als die meisten Befürworter und die meisten Skeptiker: Er räumt ein, dass sie sich logisch kaum je ausschließen lässt – und zeigt zugleich, wo sie sich überdehnt: bei Fällen, die zielgerichtetes Handeln, intakte Persönlichkeit und Wissensbestände aus mehreren, niemandem gemeinsam bekannten Quellen vereinen, müsste die „sparsame" Alternative eine praktisch allwissende, perfekt schauspielernde Fähigkeit annehmen, für die es sonst nirgends Belege gibt. Sein Fazit ist von entwaffnender Bescheidenheit: Keine Seite kann den Sack zumachen – aber ein harter Kern von Fällen bleibt, in dem die Überlebensdeutung die einfachere ist. Es ist dieselbe Abwägung, die wir aus den Cross-Correspondences kennen – dort hatten die Kommunikatoren selbst versucht, Super-ESP experimentell auszumanövrieren.

Die ehrliche Gegenseite

Auch dieses Buch hat Grenzen, und Gauld benennt sie selbst: Es stützt sich auf historisches Aktenmaterial, nicht auf eigene Experimente unter heutigen Laborbedingungen; die Qualität der alten Protokolle ist ungleich, und die große Zeit der Trance-Medien war 1982 bereits Vergangenheit. Wer daraus folgert, das Material sei erledigt, übersieht allerdings zweierlei: Erstens sind die dokumentierten Kernfälle – Proxy-Sitzungen, Drop-ins – methodisch bis heute nicht wegerklärt, sondern nur aus der Mode gekommen. Und zweitens hat die Forschung den Faden wieder aufgenommen: Die Windbridge-Studien und die EREAMS-Untersuchung prüfen Medien heute unter Verblindungsprotokollen, die Gaulds methodische Maßstäbe direkt fortführen.

Einordnung

Alan Gauld hat sein Jahrhundertthema nie losgelassen: Noch mit fast neunzig legte er mit „The Heyday of Mental Mediumship: 1880s–1930s" (2022) ein Spätwerk über die goldene Ära der Trance-Medien vor – zwei Jahre vor seinem Tod im Dezember 2024. Zusammen mit seinem Kapitel in Irreducible Mind schließt sich damit ein Kreis von über fünf Jahrzehnten Gelehrsamkeit. Mediumship and Survival bleibt darin das Zentrum: das Buch, das man Skeptikern gibt, weil es nichts beschönigt, und Überzeugten, weil es nichts wegwischt. Sein bleibender Maßstab ist der Ton – die Überzeugung, dass man einer großen Frage am besten dient, indem man die Akten sprechen lässt und die eigene Stimme leise hält.

Quellen: Alan Gauld: Mediumship and Survival: A Century of Investigations, Heinemann (in Verbindung mit der SPR), London 1982; Taschenbuch Paladin/Granada 1983; Biografisches zu Alan Gauld: Psi Encyclopedia der SPR, psi-encyclopedia.spr.ac.uk, und SPR-Personenseite, spr.ac.uk; Alan Gauld: „A Series of ‚Drop-in‘ Communicators", Proceedings of the Society for Psychical Research (1971); Erlendur Haraldsson, Ian Stevenson: „A Communicator of the ‚Drop-in‘ Type in Iceland: The Case of Runolfur Runolfsson", Journal of the American Society for Psychical Research 69 (1975), S. 33–59; Psi-Encyclopedia-Artikel „Drop-In Communicators", psi-encyclopedia.spr.ac.uk; Alan Gauld: The Heyday of Mental Mediumship: 1880s–1930s, White Crow Books 2022; ergänzt um unsere Artikel zu Leonora Piper/William James, Oliver Lodges „Raymond", den Cross-Correspondences, Irreducible Mind, Windbridge und EREAMS.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.