Vom Mesmerismus zur Hypnose – wie aus „Scharlatanerie" Wissenschaft wurde

Veröffentlicht am 2026-06-05 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Was als „seriöse Wissenschaft" gilt und was als Aberglaube oder Betrug, erscheint uns meist als feste Tatsache. Die Geschichte der Hypnose zeigt, wie beweglich diese Grenze in Wahrheit ist. Dasselbe Phänomen – ein Mensch in einem veränderten, suggestiblen Zustand – wurde 1784 von einer Pariser Kommission unter Benjamin Franklin und Antoine Lavoisier öffentlich als Einbildung verworfen. Bis es voll als Wissenschaft anerkannt war, vergingen mehr als zweihundert Jahre – und den Ausschlag gab am Ende nicht ein besseres Argument, sondern ein neues Gerät: der Hirnscan, der die Wirkung der Suggestion sichtbar machte. Nicht die Phänomene hatten sich geändert, sondern ihre Einsortierung.

Mesmer und der „animalische Magnetismus"

Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) behauptete, ein feines, unsichtbares Fluidum durchziehe den ganzen Kosmos und auch den menschlichen Körper; Krankheit sei eine Störung in dessen Fluss, Heilung die Wiederherstellung des Gleichgewichts durch „animalischen Magnetismus". Ab 1778 wurde er in Paris zur Sensation. Seine Patienten saßen um ein baquet, einen mit „magnetisiertem" Wasser gefüllten Bottich, fassten Eisenstäbe an und verfielen oft in heftige „Krisen" – Zuckungen, Lachen, Weinen –, nach denen sie sich gebessert fühlten. Die Sitzungen waren effektvoll inszeniert: gedämpftes Licht, Spiegel und die gläsernen Töne einer Glasharmonika, die Mesmer – mit Mozart bekannt – selbst spielte. Der Andrang war so groß, dass Mesmer ganze Bäume „magnetisierte", an denen sich mehr Menschen zugleich behandeln konnten.

Das Urteil von 1784: „Einbildung"

1784 setzte König Ludwig XVI. zwei königliche Kommissionen ein. Die wichtigste, gestellt von der Akademie der Wissenschaften, war hochkarätig besetzt: neben dem amerikanischen Gesandten Benjamin Franklin der Chemiker Antoine Lavoisier, der Astronom Jean Sylvain Bailly und der Arzt Joseph-Ignace Guillotin. Ihr Vorgehen war für die Zeit bahnbrechend: Sie prüften nicht Mesmers Theorie, sondern testeten sie. In Versuchen, die zu den ersten verblindeten Experimenten der Geschichte zählen, ließen sie Versuchspersonen glauben, sie würden magnetisiert, obwohl es nicht geschah – und umgekehrt. Das Ergebnis war eindeutig: Die Wirkung trat dann ein, wenn die Person sie erwartete, nicht dann, wenn „magnetisiert" wurde.

Am 11. August 1784 erklärten die Kommissare den animalischen Magnetismus für eine Einbildung ohne reale Grundlage; ein magnetisches Fluidum existiere nicht, die Effekte stammten aus „Imagination". In der Sache hatten sie recht – ein solches Fluidum gibt es nicht, und ihre Methode war ein Meilenstein, faktisch die Geburtsstunde des kontrollierten Versuchs und des Placebo-Gedankens.

Was die Kommission mit hinauswarf

Doch im selben Jahr 1784 stieß einer von Mesmers Schülern, der Marquis de Puységur, auf etwas, das die Kommission nicht im Blick hatte. Statt der wilden Krisen erzeugte er bei seinem Diener Victor einen ruhigen, schlafähnlichen Zustand, in dem dieser ansprechbar blieb, Anweisungen folgte und sich danach an nichts erinnerte – den „künstlichen Somnambulismus", die eigentliche Trance. Genau hier lag ein reales Phänomen: die Macht von Erwartung und Suggestion über Körper und Bewusstsein. Indem die Kommission das nicht existierende Fluidum verwarf, verwarf das Publikum gleich das ganze Feld mit – und das echte Phänomen verschwand für Jahrzehnte aus der seriösen Forschung. Die Kommission hatte die Physik richtig beurteilt und dabei ein psychologisches Faktum mit weggeschoben.

Die „höheren Phänomene" – und der Weg in den Spiritismus

Die Sache wird dadurch verwickelter, dass den Somnambulen bald weit kühnere Fähigkeiten zugeschrieben wurden: Hellsehen, das „Sehen" von Krankheiten im eigenen Körper oder in anderen, sogar Fernwahrnehmung. Dieser Strang verband den Mesmerismus eng mit dem Übersinnlichen und mündete im 19. Jahrhundert in den modernen Spiritismus. Wichtig für eine ehrliche Darstellung: Dieser Teil wurde nie rehabilitiert. Die Trance und die Suggestion wurden Wissenschaft; die hellseherischen Ansprüche blieben unbelegt und gehören bis heute in den umstrittenen Bereich, den diese Seite an anderer Stelle behandelt (physikalische Medialität).

James Braid (1843): aus Magnetismus wird Hypnose

Den entscheidenden Schritt zur Respektabilität tat der schottische Chirurg James Braid. In seinem Buch Neurypnology (1843) prägte er die Wörter „Hypnotismus", „Hypnose" und „hypnotisieren". Das war mehr als Umbenennung: Braid verwarf das Fluidum vollständig und erklärte den Zustand physiologisch-psychologisch – als Folge fixierter Aufmerksamkeit, eine Eigenschaft des Nervensystems des Patienten, nicht eine Kraft des Behandlers. Mit dem belasteten Wort „Magnetismus" fiel auch der schlechte Ruf weg. Dasselbe Phänomen, neu beschrieben, wurde diskutierbar. Später bemerkte Braid selbst, dass seine Hypnotisierten gar nicht schliefen, und erwog, den Zustand in „Monoideismus" (die Beherrschung durch eine einzige Idee) umzubenennen – doch das eingängige Wort „Hypnose" ließ sich nicht mehr zurückholen.

Charcot und die Rückkehr in die Akademie (1882)

Eine erste akademische Rückkehr gelang durch Jean-Martin Charcot, den berühmtesten Neurologen seiner Zeit, an der Pariser Salpêtrière. 1882 trug er der Académie des sciences seine Untersuchungen zur Hypnose vor – ausgerechnet jener Institution, die den animalischen Magnetismus 1784 verworfen hatte. Diesmal wurde er gehört. Die Ironie ist vollständig: Dieselbe Akademie, beinahe hundert Jahre später, holte das verfemte Thema zurück in den Hörsaal. Charcots eigene Deutung – Hypnose sei ein krankhafter Zustand, möglich nur bei Hysterikerinnen – erwies sich später als falsch. Aber sie verlieh dem Gegenstand die nötige Seriosität. In Charcots Hörsaal saß 1885/86 auch ein junger Wiener Arzt: Sigmund Freud, der von der Hypnose ausging, bevor er sie durch die freie Assoziation ersetzte.

Nancy gegen Paris: die Suggestion siegt

Gegen Charcots Pathologie-These setzte sich die Schule von Nancy durch – Ambroise-Auguste Liébeault und Hippolyte Bernheim. Ihre These: Hypnose ist nichts Krankhaftes, sondern beruht auf Suggestion, einer normalen Eigenschaft jedes Menschen. Damit griff Nancy den Faden wieder auf, den 1784 die Kommission mit dem Wort „Imagination" begonnen hatte: Das, was als wirksam anerkannt wurde, war die Macht der Erwartung. Aus dieser Linie stammen direkt die moderne Suggestionsforschung und das, was wir heute Placebo-Effekt und Psychosomatik nennen.

Und doch: noch ein Jahrhundert Zweifel – bis zum Hirnscan

So sauber, wie diese Linie klingt, verlief die Anerkennung der Hypnose selbst aber nicht. Durch das ganze 20. Jahrhundert blieb sie in der akademischen Medizin randständig und vielen suspekt – zu nah am Bühnentrick und am Jahrmarkt. In der Psychologie setzte sich zeitweise sogar die Gegenthese durch: Hypnose sei gar kein eigener Bewusstseinszustand, sondern bloß Rollenspiel, Erwartung und soziale Gefügigkeit (so Theodore Sarbin in den 1950er Jahren, Theodore Barber und Nicholas Spanos ab den 1970ern). Wer „hypnotisiert" wirke, sei in Wahrheit nur hochmotiviert, der Rolle zu entsprechen.

Den Ausschlag gab erst ein neues Instrument: die Bildgebung des Gehirns. 1997 zeigten Pierre Rainville und Kollegen mit der Positronen-Emissions-Tomographie, dass hypnotische Suggestion gezielt die Unannehmlichkeit von Schmerz verändert – und zwar messbar im dafür zuständigen Areal (dem anterioren cingulären Cortex), während die reine Reizstärke-Verarbeitung unberührt blieb. Spätere fMRT-Studien bestätigten durchweg: Was die Versuchsperson unter Suggestion berichtet, schlägt sich in der Aktivität genau der zuständigen Hirnregionen nieder. Damit war der alte Einwand „nur Gefügigkeit" entkräftet – nicht durch ein neues Argument, sondern durch ein Gerät, das es 1882 noch nicht gab. Die volle Anerkennung der Hypnose ist also keine Sache des 19., sondern erst des späten 20. Jahrhunderts.

Parallel zu diesem langen Ringen um wissenschaftliche Anerkennung hatte sich die Hypnose in der klinischen Praxis längst neu erfunden. Der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson (1901–1980), Gründungspräsident der American Society of Clinical Hypnosis (1957), löste sich von den autoritären Befehlen des 19. Jahrhunderts („Sie werden müde!") und arbeitete stattdessen mit indirekten Suggestionen, Geschichten und Metaphern, die den kritischen Verstand umgehen, statt ihn zu überrumpeln – die Grundlage der modernen Hypnotherapie. Heute ist die Hypnose ein etabliertes klinisches Werkzeug: An der Universitätsklinik Lüttich führte die Anästhesistin Marie-Élisabeth Faymonville seit den 1990er Jahren mehrere tausend Operationen unter „Hypnosedierung" durch – wache Patienten, örtliche Betäubung und ein Bruchteil der sonst nötigen Narkosemittel; daneben gehört sie heute zum anerkannten Repertoire bei Reizdarm, Angst und Schmerz.

Was das über die Grenze von „Wissenschaft" sagt

Die Lehre ist nicht, dass „die Skeptiker immer unrecht haben" – die Kommission von 1784 hatte mit dem Fluidum recht, und die hellseherischen Ansprüche sind bis heute unbelegt. Die Lehre ist subtiler und unbequemer: Die Grenze zwischen Wissenschaft und Aberglaube ist kein Naturgesetz, sondern wird von Institutionen zu einer bestimmten Zeit gezogen – und sie verschiebt sich. Ein und dasselbe Phänomen lag einmal jenseits, einmal diesseits der Linie. Die Wissenschaft nahm auf, was sie naturalisieren konnte (Trance, Suggestion, Placebo), und ließ draußen, was nicht passte (Fluidum, Hellsehen). Das ist legitim – aber es heißt eben auch, dass die heutige Einsortierung anderer Phänomene nicht das letzte Wort sein muss.

Genau das ist der rote Faden dieser Seite. Wie schwer sich der Wissenschaftsbetrieb mit unbequemen Befunden tut, behandeln die Beiträge zur physikalischen Medialität und zu verborgenem Wissen und Machtlogik. Dass ein und dieselbe Person an dieser wandernden Grenze arbeiten konnte, zeigt das Porträt von Albert von Schrenck-Notzing, der von der Hypnose- und Suggestionsforschung herkam und sich dann der Mediumforschung zuwandte.

Quellen:
• Rapport des commissaires chargés par le roi de l'examen du magnétisme animal (Bericht der Franklin/Bailly-Kommission), Paris 1784.
• James Braid, Neurypnology; or, The Rationale of Nervous Sleep, London 1843.
• Hippolyte Bernheim, De la suggestion, Paris 1884.
• Henri F. Ellenberger, The Discovery of the Unconscious, 1970.
• Adam Crabtree, From Mesmer to Freud, 1993.
• Pierre Rainville u. a., Pain affect encoded in human anterior cingulate but not somatosensory cortex, Science 277 (1997).
• Jay Haley (Hg.), Advanced Techniques of Hypnosis and Therapy: Selected Papers of Milton H. Erickson, 1967; Marie-Élisabeth Faymonville u. a., klinische Studien zur Hypnosedierung, CHU de Liège.

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