Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004) war die wohl bekannteste Sterbeforscherin des 20. Jahrhunderts. Die aus der Schweiz stammende und später in den USA arbeitende Psychiaterin erhielt 23 Ehrendoktortitel, initiierte die Hospizbewegung in vielen Ländern und prägte mit ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden" (1969) – millionenfach übersetzt in 20 Sprachen – das moderne Verständnis von Sterben und Trauer. In einem Fernsehgespräch aus dem Jahr 1981 mit dem Schweizer Journalisten Günther Rolling fasst sie ihre Erkenntnisse aus über einem Jahrzehnt Forschung mit klinisch Toten und Sterbenden zusammen. Das Interview wurde später im Rahmen einer Schweizer „Querdenker"-Sendung noch einmal ausgestrahlt. Wir haben die zentralen Aussagen zusammengetragen.
Die persönliche Position
Auf die Frage, ob sie Angst vor dem eigenen Sterben habe, antwortet Kübler-Ross kurz und klar:
„Nein, gar nicht. Ich freue mich darauf."
Und auf die Beobachtung, sie habe einmal gesagt, sie habe „nur ein bisschen Angst vor dem Leben", ergänzt sie:
„Ja, das Leben leben ist viel, viel schwieriger als das Sterben."
Der Moment des Todes
Kübler-Ross unterscheidet sauber zwischen dem Übergang (Sterben) und dem Zustand danach. Den Moment des Todes beschreibt sie als positives, befreiendes Erlebnis:
„Der Moment des Todes ist ja ein ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, das man erlebt ohne Angst, ohne Nöte, bei der vollen Erkenntnis, was ist."
Sie verwendet dafür ein Bild, das viele ihrer Leser kennen: Der Schmetterling verlässt den Kokon. Die Person löst sich vom körperlichen Körper, beobachtet ihn objektiv – „ohne Angst, ohne Schmerzen, ohne Heimweh" – und kann in diesem Zustand keine negativen Gefühle mehr haben.
Die wiedergewonnene Vollständigkeit
Ein Muster, das ihr in Gesprächen mit Rückgeholten immer wieder begegnet: Menschen berichten, im Sterbemoment wieder vollständig zu sein.
- Wer Finger verloren hat, hat sie wieder.
- Amputierte haben ihre Beine zurück.
- Quadriplegiker und Multiple-Sklerose-Patienten, die jahrelang im Rollstuhl gelebt haben, berichten: „Jetzt konnte ich wieder tanzen."
- Wer nicht hören konnte, kann hören.
- Wer blind war, kann sehen.
Der Blinden-Befund – Kübler-Ross' Verifikation
Kübler-Ross setzt genau hier mit einem methodisch interessanten Argument an: Die Aussagen blinder Patienten lassen sich unabhängig überprüfen.
„Nehmen Sie Leute, die total blind sind, die nicht einmal Lichtempfindung haben – schwarz-weiß –, und die sterben. Und dann bringt man die zurück mit Reanimation. Dann fragen Sie, was sie erlebt haben. Und die sagen Ihnen in ganz klaren Details, wer ins Krankenzimmer kam, was für Kleider sie getragen haben, welche Farben diese Bluse hat, was für eine Kette oder ein Armband oder eine Uhr Sie tragen. […] Und das kann ja ein Blinder nicht sagen, der nicht sieht."
Kübler-Ross' Argument: Ein Blinder, der im reanimierten Zustand Farben und Muster korrekt beschreibt, kann nicht in diesem Moment sehgesund gewesen sein. Das Sehen im Sterbemoment ist nach ihrer Beobachtung eher vergleichbar mit dem Sehen im Traum – bei geschlossenen Augen – und von einem funktionierenden Sehapparat unabhängig. Nach der Reanimation kehrt die Blindheit zurück.
Der Empfang – „Man kann nicht allein sterben"
Eine zentrale Beobachtung: Sterbende sind nie allein. Kübler-Ross formuliert das radikal:
„Vielleicht das Wichtigste, das die Menschen wissen müssen, ist, dass man nicht allein sterben kann. Da könnten Sie einen Mann in eine Rakete auf den Mond schicken, und der verpasst seine Richtung und fährt im Weltall herum, bis er allein in seiner Rakete stirbt – dann wird er immer, immer erwartet von den Menschen, die er geliebt hat, die vor ihm gestorben sind. Die sind immer da. Man kann nicht allein sterben."
Auch das Lebenspanorama gehört nach ihrer Beschreibung zu dieser Phase: eine kurze Revue, in der die Sterbenden „alle Momente ihres Lebens noch einmal erleben".
Die Kinder-Studie – der härteste Befund
Der aus methodischer Sicht wohl stärkste Teil des Interviews ist Kübler-Ross' Forschung mit sterbenden Kindern nach Familien-Autounfällen. Wenn bei einem schweren Unfall mehrere Familienmitglieder an der Unfallstelle sterben und verletzte Kinder in die Intensivstation kommen, setzt sie sich kurz vor deren Tod an ihr Bett und fragt, was sie erleben. Was sie in mehr als zehn Jahren systematisch dokumentiert hat:
„Dann sagen alle diese Kinder auf ihre eigene Sprache natürlich: ‚Jetzt ist alles in Ordnung. Mein Mami und der Peter warten schon auf mich.' Und ich weiß, dass die Mutti gestorben ist an der Unfallstation, aber der Peter – der Bruder – wurde einfach in ein anderes Krankenhaus geliefert. Und dann akzeptiere ich, was dieses kleine Mädchen mir erzählt. Und dann gehe ich ans Telefon, und dann rufen die mir gerade an vom anderen Krankenhaus und sagen: ‚Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass der Peter vor zehn Minuten gestorben ist.'"
Entscheidend ist der Kontrollfall: Die Kinder wussten nicht, wer an der Unfallstelle gestorben war. Manche der genannten Angehörigen waren erst wenige Minuten zuvor in einem anderen Krankenhaus verstorben. Kübler-Ross zieht daraus eine bemerkenswerte Bilanz:
„In zehn Jahren von dieser Forschungsarbeit hat mir noch kein einziges Kind einen falschen Namen genannt. Die nennen Ihnen nur Leute, die schon vor ihnen gestorben sind."
Dass tausend Kinder im Moment des Todes wissen, wer auf sie wartet – und dabei nie einen Fehler machen – ist für Kübler-Ross der entscheidende Beleg.
Universalität – „nicht eine Sache des Glaubens, sondern des Wissens"
Kübler-Ross hat ihre Beobachtungen über Jahrzehnte in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten gemacht: mit Aborigines in Australien, mit Inuit, mit Juden, Katholiken, Atheisten, Protestanten. Der Kern ist laut ihrer Dokumentation überall derselbe:
„Das hat gar nichts zu tun mit Ihrem religiösen Wissen und Verstehen. Das ist einfach das Erlebnis des menschlichen Todes."
Und ihre zusammenfassende Formulierung:
„Für mich ist es nicht eine Sache des Glaubens, sondern eine Sache des Wissens. Und jemand, der keine Angst hat und das wirklich studieren will, hat die Möglichkeit, das zu verifizieren."
Einordnung
Kübler-Ross schreibt einer kulturübergreifenden Grundstruktur des Sterbens das Wort – dieselbe, die später Forscher wie Walter van Laack oder der Physiker Markolf Niemz mit anderen Methoden bestätigt haben, und die auch in literarischen Quellen wie Andersens kleines Mädchen mit den Schwefelhölzern auftaucht: der Empfang durch eine bereits verstorbene Angehörige am Übergang. Was bei Kübler-Ross methodisch ins Auge fällt, ist die Trennschärfe der Kinder-Studie: Kinder, die nicht informiert waren, nennen ausschließlich Namen von Personen, die tatsächlich kurz zuvor gestorben sind. Das ist – im Unterschied zu vielen anekdotischen NTE-Berichten – ein Setting, das systematisch dokumentiert wurde.
Quelle: Fernsehinterview aus dem Jahr 1981 mit Günther Rolling, auf YouTube unter youtube.com/watch?v=C_KHpHlsAM4. Zitate aus dem Interview wörtlich wiedergegeben und mit Anführungszeichen gekennzeichnet.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind weitere Beiträge zur NTE-Forschung (u. a. Walter van Laack und Markolf Niemz) verlinkt.
