Bösch & Claes in der Psychiatrischen Klinik

Veröffentlicht am 2026-04-24 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Im vierten Stock einer Schweizer Psychiatrischen Klinik steht man vor Türschildern, die man dort nicht erwartet: Oberarzt. Stationsschwester. Chefarzt Dr. Jakob Bösch. Und direkt daneben, an einer weiteren Tür, schlicht: „Heilerin". Dahinter arbeitet das Medium Anouk Claes – nicht als Gast, sondern als regelmäßige Mitarbeiterin an Erst-Anamnesen. Was im deutschsprachigen Raum als Skandal gilt oder gar nicht erst öffentlich wird, war in Baselland fast zwei Jahrzehnte lang normaler Klinikalltag. Dieser Artikel rekonstruiert die Zusammenarbeit und stellt sie in den internationalen Vergleich – insbesondere mit Großbritannien, wo der staatliche Gesundheitsdienst solche Kooperationen seit 1985 offiziell mitfinanziert.

Wer ist Jakob Bösch?

PD Dr. med. Jakob Bösch (* 1942 in Schwellbrunn, Kanton Appenzell Ausserrhoden) ist Schweizer Psychiater, Autor und Sohn eines Bergbauern. Von 1991 bis 2005 war er Chefarzt der Externen Psychiatrischen Dienste Baselland; parallel dazu Lehrbeauftragter für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Universität Basel. Das ist keine Außenseiter-Karriere, sondern Schulmedizin-Mainstream: eine leitende klinische Position in einer öffentlichen Versorgungsstruktur.

Auffällig ist, dass Bösch ausgezeichnet wurde gleich von drei institutionell auseinanderliegenden Fachgesellschaften: der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie, dem Schweizerischen Verband für Natürliches Heilen und der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie. Diese Kombination ist selten. In seinen Büchern – „Spirituelles Heilen und Schulmedizin: eine Wissenschaft am Neuanfang", „Parapsychiatrie", „Versöhnen und Heilen" – arbeitet Bösch methodisch daran, die Grenze zwischen klassischer Psychiatrie und komplementären Verfahren nicht als Fakt, sondern als offene Forschungsfrage zu behandeln.

Wer ist Anouk Claes?

Anouk Claes (* 1972 in Belgien) lebt seit 1992 in der Schweiz. Sie hat in Basel und Genf Theologie und Psychologie studiert – das ist kein Küchentisch-Esoteriker-Profil, sondern eine formale akademische Ausbildung in den beiden Disziplinen, die traditionell über „Seele" arbeiten. Sie beschreibt sich selbst als hellsichtig und kommuniziert nach eigener Darstellung mit Verstorbenen. Seit über 15 Jahren – Stand: DLF-Feature 2017 – arbeitet sie mit Ärzten, Psychiatern, Psychologen und Sozialtherapeuten zusammen, oft bei besonders schweren Fällen.

Ihre Arbeit wurde mehrfach im Fernsehen gezeigt, unter anderem in der 3sat-Dokumentation „Anouk Claes – Hellsichtig" (2008) und später in der Langform „Hellsichtig: Anouk Claes – Ein Leben in zwei Welten" in der SRF-Reihe DOK. Das ist für das deutschsprachige Publikum ungewöhnlich: Ein öffentlich-rechtlicher Sender widmet einem spirituellen Medium eine ausführliche dokumentarische Begleitung und testet sie nach eigenen Angaben „mit einem wissenschaftlichen Verfahren".

Die Klinik-Kooperation – was genau passiert dort?

Im Deutschlandfunk-Feature „Eine Lange Nacht über Krankheit, Heilung und Gesundheit" (22.04.2017, Autor: Burkhard Reinartz) ist die Szenerie präzise dokumentiert:

„Psychiatrische Klinik Basel Land. Vierter Stock. Ein langer Flur. Die Türschilder weisen die Funktionen des Personals aus: Oberarzt, Stationsschwester, Chefarzt Dr. Jakob Bösch. Dann ein Zimmer mit dem Türschild ‚Heilerin'."
— Deutschlandfunk, 2017

Claes begleitet Bösch bei vielen Erst-Anamnesen eines neuen Patienten oder einer neuen Patientin. Sie ist also nicht nur geduldet oder in Nebenraumen aktiv, sondern Teil der eigentlichen diagnostischen Aufnahme. Bösch selbst formuliert nüchtern:

„Es ist schon so, dass die Zusammenarbeit mit einer Heilerin Vorteile bringt in fachlicher Hinsicht."
— Jakob Bösch

Auf Claes's Seite klingt das pragmatisch und vermeidet pauschale Heilsversprechen:

„Ich gehe davon aus, dass ich dem Menschen, in dem Moment, das er bei mir ist, das Richtige mitgebe. Es kommt natürlich vor, dass ich Menschen nicht helfen kann. Ich hatte eine ältere Frau, die war am Erblinden, ich kann da nichts machen. Aber ich hab ihr geholfen, schlussendlich das zu akzeptieren."
— Anouk Claes

Der methodische Rahmen

Bösch rahmt die Kooperation in seinen Texten als integrative Medizin, nicht als Ersatz für Schulmedizin: Klassische Diagnostik, Pharmakologie und Psychotherapie bleiben bestehen; komplementäre Verfahren – darunter spirituelles Heilen – treten ergänzend hinzu und werden kontrolliert geführt. Sein Gegen-Einwand gegen die Schulmedizin ist nicht „ihr liegt falsch", sondern „euer Bild von Krankheit und Gesundheit ist zu eng".

Die SRF-Audioarchiv-Meldung „Geistheiler in Basel-Land teilweise zugelassen" zeigt, dass die Kooperation nicht nur persönliches Bösch-Projekt war, sondern institutionell wahrgenommen und teilweise formal anerkannt wurde.

Der England-Vergleich

Für deutsche und schweizerische Leser klingt das alles exotisch. In Großbritannien ist die Lage nüchterner. Das DLF-Feature zitiert – und andere Quellen bestätigen – folgende Eckdaten:

  • Seit 1985 übernimmt der britische National Health Service (NHS) die Kosten für energetisches Heilen, wenn ein Arzt es verordnet. Das ist keine Ausnahme-Praxis, sondern ein Teil der Leistungslogik des öffentlichen Gesundheitssystems.
  • Auf rund 22.000 niedergelassene Ärzte kommen in Großbritannien etwa 14.000 registrierte Heiler. Das Verhältnis ist also nicht marginal.
  • Dahinter stehen in Großbritannien traditionsreiche Institutionen wie das Royal London Hospital for Integrated Medicine (früher Royal London Homeopathic Hospital) und registerführende Fachverbände wie die Federation of Healers bzw. The Healing Trust.
„Anders als in England gibt es in der Schweiz und in Deutschland bislang kaum eine Zusammenarbeit von Schulmedizinern und Heilern."
— Deutschlandfunk, 2017

Zum Vergleich: In Deutschland wenden sich laut derselben Quelle etwa die Hälfte der Bevölkerung in Krankheitsphasen an komplementäre Verfahren, in den USA sogar über 80 %. Die Nachfrage ist also riesig; strukturell eingebunden ist sie im deutschsprachigen Raum aber kaum.

Warum Bösch & Claes als Fallstudie wichtig sind

Aus drei Gründen hat diese Kooperation über die Einzelbiografien hinaus Relevanz:

  1. Institutionelle Glaubwürdigkeit. Bösch war kein Heilpraktiker mit alternativer Praxis, sondern Chefarzt einer öffentlichen psychiatrischen Versorgungsstruktur und Universitätsdozent. Der Fall zeigt, dass eine ernstgemeinte Kooperation mit einem Medium innerhalb des Schulmedizin-Rahmens machbar war – ohne Verlust klinischer Standards.
  2. Dokumentierte Fallarbeit statt Anekdote. Die Zusammenarbeit ist nicht privates Hörensagen, sondern mehrfach auditiv und audiovisuell dokumentiert: DLF-Feature (2017), 3sat-Dokumentation (2008), SRF-DOK-Film und das gemeinsame Bösch-Claes-Interview (2009). Für die Debatte über mediale Arbeit ist das eine der belastbarsten öffentlichen Fallstudien im deutschsprachigen Raum.
  3. Internationaler Vergleich relativiert den Tabu-Charakter. Was in Baselland Schlagzeilen macht, ist in britischen Kliniken seit Jahrzehnten Routine. Die Frage ist also nicht ob Schulmedizin und spirituelles Heilen kooperieren können, sondern welche Form der Integration methodisch verantwortbar und praktisch hilfreich ist.

Einordnung

Dieser Artikel ergänzt die Heaven-Connect-Reihe zur wissenschaftlichen Einordnung medialer Arbeit: den Blog zu Lazars EREAMS-Studie (Statistik zu Authentizität und Tröstlichkeit), die Interview-Blogs zu Wilfried Kuhn und Walter van Laack (neurologisch und medizinisch), die philosophische Strukturierung durch Godehard Brüntrup und den methodologischen Hintergrund zur Frage von Mehrheit und Experten. Wo diese Artikel die Frage beantworten, ob mediale und spirituelle Phänomene real sein können, zeigt der Fall Bösch-Claes, wie sich die Integration in einen modernen klinischen Alltag praktisch gestalten lässt.

Quellen:
• Burkhard Reinartz, Eine Lange Nacht über Krankheit, Heilung und Gesundheit – Befund und Befindlichkeit, Deutschlandfunk, 22.04.2017. Link
• Wikipedia: Jakob Bösch (biografische Daten, Chefarzt 1991–2005, Preise, Schriften). Link
• Wikipedia: Anouk Claes (biografische Daten, Studium, Zusammenarbeit mit Bösch). Link
• Jakob Bösch, Spirituelles Heilen und Schulmedizin: eine Wissenschaft am Neuanfang, Verlag Lokwort.
• Jakob Bösch, Parapsychiatrie, Verlag Scorpio (ISBN 978-3-943416-27-5).
• 3sat (TV): Anouk Claes – Hellsichtig, 2008; SRF DOK: Hellsichtig: Anouk Claes – Ein Leben in zwei Welten.
• SRF/Memobase-Archivmeldung: Geistheiler in Basel-Land teilweise zugelassen.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort ist das DLF-Feature selbst ebenso verlinkt wie weitere Beiträge zu Anouk Claes, Jakob Bösch-nahen Themen und der wissenschaftlichen Debatte um mediumistische Arbeit.