Wie prüft man eine Heilpraktik, die mit „heilenden Fluiden" arbeitet, mit den Mitteln der klinischen Medizin? Eine brasilianische Forschergruppe um Ricardo de Souza Cavalcante an der Universidade Estadual Paulista (UNESP) hat 2016 genau das versucht: Sie unterzog die spiritistische Passe — das Handauflegen — einem randomisierten, scheinkontrollierten Studiendesign. Das Ergebnis ist vorsichtig positiv und zugleich ein lehrreiches Beispiel dafür, wo solche Studien an ihre Grenzen stoßen.
Was ist die Passe?
Die Passe ist eine der zentralen Heilpraktiken des brasilianischen Spiritismus. Ein geschulter „Passista" hält die Hände über oder nahe an den Körper des Empfängers und überträgt nach kardezistischem Selbstverständnis „heilende Fluide" — eine vitale Energie, die das gestörte Gleichgewicht des Patienten wiederherstellen soll. Phänomenologisch ähnelt das dem Reiki oder dem „Therapeutic Touch" der Pflegewissenschaft, ist aber theoretisch in der Lehre Allan Kardecs verankert. In den spiritistischen Krankenhäusern Brasiliens ist die Passe fester Bestandteil der ergänzenden spirituellen Therapie.
Was ist ein RCT — und warum die „Scheinkontrolle" zählt
Ein RCT (Randomized Controlled Trial, randomisierte kontrollierte Studie) ist der Goldstandard der klinischen Wirksamkeitsforschung. Drei Bausteine machen ihn stark:
- Randomisierung: Die Teilnehmer werden per Zufall auf zwei Gruppen verteilt. So verteilen sich auch unbekannte Störfaktoren gleichmäßig.
- Kontrollgruppe: Eine Gruppe erhält die echte Behandlung, die andere eine Vergleichsbedingung.
- Verblindung: Idealerweise wissen weder Teilnehmer noch Auswerter, wer in welcher Gruppe ist.
Bei Heilpraktiken ist die Kontrollbedingung das eigentliche Problem. Eine Zuckerpille als Placebo ist einfach — aber wie baut man eine „Placebo-Passe"? Cavalcante et al. nutzten eine Schein-Passe (sham passe): Der Behandler führt äußerlich dieselben Gesten und Handpositionen aus, jedoch ohne die intendierte Übertragung der heilenden Fluide. Der Sinn dahinter: Alles Unspezifische — die Zuwendung, das Ritual, die ruhige Atmosphäre, die Erwartung — ist in beiden Gruppen gleich. Ein Unterschied zwischen echter und Schein-Passe wäre damit ein Hinweis auf eine spezifische Wirkung der Praktik selbst, jenseits des Placeboeffekts.
Das Cavalcante-RCT (2016) im Detail
Die Studie erschien 2016 in Complementary Therapies in Medicine. Eckdaten:
- Setting: UNESP (Universidade Estadual Paulista), Brasilien
- Design: prospektives, randomisiertes, scheinkontrolliertes Parallelgruppen-RCT
- Teilnehmer: 97 Personen gescreent, 50 in die Auswertung eingeschlossen — Interventionsgruppe (echte Passe) n=23, Kontrollgruppe (Schein-Passe) n=27
- Intervention: acht wöchentliche Passe- bzw. Schein-Passe-Sitzungen
- Primärer Endpunkt: Angst, gemessen mit dem etablierten State-Trait Anxiety Inventory (STAI-Trait)
Die Ergebnisse:
- Die Angstwerte sanken im Studienverlauf in beiden Gruppen deutlich (p<0,0001) — das ist der erwartbare unspezifische Effekt.
- Der Rückgang war in der echten Passe-Gruppe jedoch stärker ausgeprägt (p=0,02).
- Am Ende der Studie erfüllten nur noch 17 % der Passe-Gruppe das Kriterium für Angst — gegenüber 63 % der Schein-Gruppe (p=0,001).
„Angst wurde bei den Teilnehmern, die die spiritistische Passe erhielten, deutlicher reduziert als bei den Kontrollen, was größere Studien rechtfertigt." — Cavalcante et al., Complementary Therapies in Medicine 2016
Die Autoren ordnen ihre Arbeit selbst als kleine Pilotstudie ein. Genau diese Bescheidenheit ist wissenschaftlich vorbildlich: Ein signifikanter Gruppenunterschied bei 50 Teilnehmern ist ein Hinweis, kein Beweis.
Das stärkste Argument: das doppelblinde Frühgeborenen-RCT (2018)
Der größte Einwand gegen die Cavalcante-Studie ist der Erwartungseffekt: Erwachsene Teilnehmer könnten — bewusst oder unbewusst — gemerkt haben, ob sie die „echte" Behandlung bekamen, und allein der Glaube daran könnte den Effekt erzeugt haben. Genau hier setzt eine zweite, methodisch noch interessantere Studie an.
2018 erschien im Journal of Complementary and Integrative Medicine ein randomisiertes, doppelblindes Passe-RCT an Frühgeborenen auf einer Neugeborenenstation (Interventionsgruppe n=13, Kontrolle n=12, je drei Tage echte bzw. Schein-Passe). Der Clou: Ein Frühgeborenes kann keine Erwartung, keinen Glauben und keinen Placeboeffekt im klassischen Sinn haben. Findet man hier einen Unterschied, lässt er sich schwerer mit Suggestion erklären.
Die Befunde:
- In der Passe-Gruppe war die Atemfrequenz signifikant niedriger (p<0,05).
- In der Kontrollgruppe zeigte sich eine stärkere Tendenz steigender Cortisolwerte (p=0,05) — die Passe schien also den Anstieg des Stresshormons Cortisol im Speichel zu dämpfen.
- Herzfrequenz und Verweildauer waren in der Passe-Gruppe niedriger, aber ohne statistische Signifikanz.
Auch hier gilt: winzige Stichprobe (25 Babys), Effekte teils an der Signifikanzgrenze. Aber als Studiendesign ist es das ehrlichste, das man sich für diese Frage wünschen kann.
Ein kleiner Korpus, kein Einzelfall
Das Cavalcante-RCT steht nicht allein. Um es herum ist ein kleiner Korpus von Passe-Studien entstanden — überwiegend aus brasilianischen Universitätskliniken:
- Herz-Kreislauf-Patienten (Lucchetti et al., 2016): ein RCT zu Angst, Depression, Schmerz, Muskelanspannung, Wohlbefinden und physiologischen Parametern bei stationären Herzpatienten.
- Präoperative Angst (2019): ein doppelblindes RCT zur Passe vor chirurgischen Eingriffen, erschienen im Journal of Religion and Health.
- Frühgeborene (2018): siehe oben — das doppelblinde Cortisol-RCT.
Eine Scoping-Review (2023) hat diese Arbeiten zusammengetragen und kommt zum erwartbaren Schluss: ein junges, kleines, methodisch heterogenes Forschungsfeld mit vorsichtig positiven, aber nicht belastbaren Signalen.
Wie man das einordnen sollte
Die nüchterne Lesart: Die Passe-RCTs deuten an, dass das Ritual über den reinen Placeboeffekt hinaus eine messbare Wirkung auf Stress- und Angstparameter haben könnte. Bewiesen ist das nicht. Die Stichproben sind klein, die Verblindung bei einer Handlung mit physischer Nähe schwierig, und Replikationen durch unabhängige Gruppen außerhalb des spiritistischen Umfelds fehlen weitgehend. Das passt ins Gesamtbild der Forschung zu „Energieheilung" und berührungsbasierten Verfahren (Reiki, Therapeutic Touch), die in größeren Übersichtsarbeiten bislang keinen robusten spezifischen Effekt zeigen konnten.
Wichtig ist die Trennung der Ebenen — dieselbe, die auch die SPECT-Studie zur Psychografie auszeichnet: Eine messbare physiologische Veränderung (niedrigere Atemfrequenz, gedämpfter Cortisolanstieg) sagt nichts darüber aus, warum sie eintritt. „Heilende Fluide" sind eine Deutung; entspannungsfördernde Zuwendung in einem ruhigen, ritualisierten Rahmen ist eine andere, sparsamere. Das RCT-Design kann den Placeboeffekt herausrechnen, aber nicht die metaphysische Frage beantworten.
Fazit
Das Cavalcante-RCT (2016) ist die methodisch sauberste Einzelstudie zur spiritistischen Passe und ein gutes Beispiel dafür, dass auch spirituelle Heilpraktiken kontrolliert untersucht werden können — und sollten. Sein vorsichtiges Resultat (Angst sinkt unter echter Passe stärker als unter Schein-Passe), flankiert vom doppelblinden Frühgeborenen-RCT, ist genau das, was es ist: ein ernstzunehmendes Signal, das größere und unabhängige Studien verdient — kein Wirksamkeitsbeweis. Der ehrlichste Satz stammt von den Forschern selbst: „…was größere Studien rechtfertigt."
Quellen
- Cavalcante RS, Banin VB, de Moura Ribeiro Paula NA, Daher SR, Habermann MC, Habermann F, Bravin AM, da Silva CEC, Modelli de Andrade LG. Effect of the Spiritist „passe" energy therapy in reducing anxiety in volunteers: A randomized controlled trial. Complementary Therapies in Medicine. 2016;27:18–24. doi:10.1016/j.ctim.2016.05.002
- Effects of Spiritist „passe" (Spiritual healing) on stress hormone, pain, physiological parameters and length of stay in preterm newborns: A randomized, double-blind controlled trial. Journal of Complementary and Integrative Medicine. 2018;15(4).
- Lucchetti G et al. Effectiveness of Spiritist „passe" for anxiety, depression, pain, muscle tension, well-being and physiological parameters in cardiovascular inpatients: A randomized controlled trial. Complementary Therapies in Medicine. 2016.
- Effect of Spiritist „Passe" on Preoperative Anxiety of Surgical Patients: A Randomized Controlled Trial, Double-Blind. Journal of Religion and Health. 2019.
- Zum Kontext: Brasiliens spiritistische Psychiatrie; Mediumschaft in Brasilien.
