Professor Walter van Laack ist Arzt, Wissenschaftler und Autor – und einer der profiliertesten deutschsprachigen Forscher zu Nahtoderfahrungen (NTE). In einem Interview mit dem Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. erklärt er, warum er als Naturwissenschaftler heute davon überzeugt ist, dass das Bewusstsein nach dem Tod weiterexistiert – und warum die üblichen physiologischen Erklärungsversuche für NTE nach seiner Überzeugung „durch die Bank zu kurz greifen". Wir haben die Kernpunkte zusammengefasst.
Die persönliche Position
Van Laack beschreibt, dass er noch vor knapp 40 Jahren materialistisch dachte und davon ausging, mit dem Tod sei alles vorbei. Heute ist seine Überzeugung eine andere:
„Ich persönlich habe keine Angst vor dem Tod. […] Heute bin ich der komplett gegenteiligen Überzeugung. Es geht nach dem Tod für mich personal – das heißt unter Beibehaltung meiner Persönlichkeit – weiter, und zwar ohne Punkt und Komma."
Diese Haltung hat er sich über Jahrzehnte wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Berichten von Nahtoderfahrenen erarbeitet – nicht aus einer religiösen Prämisse heraus.
Warum die Standarderklärungen für van Laack nicht reichen
Gegen NTE werden in der neurowissenschaftlichen Literatur regelmäßig drei physiologische Erklärungen angeführt: Sauerstoffmangel, Drogen- oder Narkoseeinfluss und Halluzinationen. Van Laack bestreitet nicht, dass diese Mechanismen einzelne Aspekte erklären können – er hält sie aber insgesamt für unzureichend, weder qualitativ noch quantitativ:
- Nicht alle NTE gehen mit Sauerstoffmangel einher. Typische Beispiele sind Berichte unter kontrollierten Operationsbedingungen, in denen kein Sauerstoffmangel messbar ist.
- Nicht alle NTE gehen mit Drogen einher. Viele Menschen erleben NTE bei Unfällen, ohne jede Medikamenten- oder Drogeneinwirkung.
- Halluzinationen setzen ein funktionierendes Gehirn voraus – und zwar auf dem Niveau, das für abstraktes Denken nötig ist. Genau das ist in einer Reihe dokumentierter Fälle nicht gegeben.
Der Nulllinien-Befund
Der aus van Laacks Sicht stärkste Einwand gegen die Halluzinations-Hypothese sind die sogenannten Nulllinien-Fälle: Patienten, deren EEG während einer Operation keinerlei Hirnaktivität zeigt – und die trotzdem im Nachhinein detaillierte Nahtoderfahrungen berichten, vergleichbar mit denen anderer NTE-Erfahrener.
„Wir haben einige Patienten, die während operativer Bedingungen keine Hirntätigkeit mehr haben, nachweislich keine Hirntätigkeit mehr haben und trotzdem eine Nahtoderfahrung haben, und zwar mit allen Details, wie sie auch andere beschreiben."
Wenn das Gehirn die „abstrakte Denkmaschine" ist, die wir für jede Art strukturierter innerer Erfahrung benötigen, dann wird eine strukturierte Erfahrung bei messbarem Nulllinien-EEG – so van Laack – erklärungsbedürftig.
Was die Betroffenen berichten
Van Laack nennt Zahlen, die sich aus verschiedenen Studien zusammensetzen:
- Über 95 % positive Erfahrungen. Bis zu etwa 5 % werden als negativ erlebt – häufig in Zusammenhang mit einem als beängstigend empfundenen Tunnelphänomen oder einem konfrontativen „Lebenspanorama".
- Lebenspanorama aus Sicht der anderen. NTE-Erfahrene sehen ihr bisheriges Leben häufig nicht als passive Zuschauer, sondern erleben die Wirkung ihres Handelns aus der Perspektive der Menschen, mit denen sie zu tun hatten.
- Verlust der Todesangst. „Das schönste Geschenk" dieser Erfahrung, sagt van Laack: NTE-Erfahrene gehen durchweg nicht mehr davon aus, dass der Tod ihr Ende ist.
- Lebensveränderung. Viele NTE-Erfahrene werden spiritueller, weniger materialistisch und weniger „ellbogen-orientiert". Das zentrale Erlebnis, das sie beschreiben: ein tiefes Gefühl, geliebt zu werden.
Warum NTE für van Laack keine Träume oder Drogenvisionen sind
Ein häufiger Einwand lautet: NTE seien eben Träume oder drogenähnliche Visionen. Van Laack widerspricht mit einem methodischen Argument: Träume sind individuell, jede Person träumt etwas anderes, und dieselbe Person träumt an jedem Abend anders. NTE dagegen zeigen über alle Epochen, Kulturen und Altersgruppen hinweg dieselben Grundmuster – Tunnel, Licht, Lebenspanorama, Begegnung mit Verstorbenen, tiefes Geliebtsein. Dieser „rote Faden" ist aus seiner Sicht das entscheidende Argument gegen die Halluzinations-These.
Auch das zweite typische Gegenargument – NTE seien nichts anderes als Drogenerfahrungen – entkräftet er mit einem konkreten Beispiel aus seiner Arbeit: Ein schwer drogenabhängiger Mann aus Berlin, den er nach seiner eigenen NTE interviewt hat, formulierte es so:
„Das hat mit dem, was ich während meines Drogenmissbrauchs jahrelang erlebt habe, nichts, aber auch gar nichts zu tun."
Warum heute mehr Menschen NTE berichten
Dass in den letzten drei Jahrzehnten mehr Menschen von NTE berichten, erklärt van Laack mit einer schlichten Beobachtung: Moderne Reanimation hat deutlich bessere Erfolgsquoten als früher. Es kehren also mehr Menschen aus dem Grenzbereich zurück – nicht weil NTE neu sind, sondern weil es schlicht mehr Rückkehrer gibt. Das Phänomen selbst ist alt und ist durch alle Zeiten und Kulturen beschrieben worden.
Einordnung
Für uns bei Heaven Connect ist van Laacks Position interessant, weil sie ein Muster zeigt, das wir auch in der medialen Praxis immer wieder sehen: Dieselben Grundmotive – Empfang durch Verstorbene, ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, der Verlust der Todesangst – tauchen in NTE-Berichten, in historischen Quellen (siehe unseren Artikel über Andersens kleines Mädchen mit den Schwefelhölzern) und in der Arbeit von Medien und Trance-Medien auf. Van Laack liefert kein spirituelles Argument, sondern ein wissenschaftliches: Die Standarderklärungen reichen schlicht nicht aus, um diese Muster zu erklären.
Wer das Interview im Original hören möchte – wir verweisen unten auf den YouTube-Link des Netzwerks Nahtoderfahrung e.V.
Quelle:Zwischen Diesseits und Jenseits – van Laack im Interview, Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. (YouTube), youtube.com/watch?v=DSGY_8rXHJI. Zitate aus dem Interview wörtlich wiedergegeben und mit Anführungszeichen gekennzeichnet.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind weitere Beiträge von Pionieren der NTE-Forschung (u. a. Elisabeth Kübler-Ross und der Physiker Markolf Niemz) verlinkt.
