Professor Wilfried Kuhn ist Chefarzt der neurologischen Klinik des Leopoldina-Krankenhauses in Schweinfurt und Vorstandsmitglied des deutschen Netzwerks Nahtoderfahrung e.V. In einem ausführlichen Gespräch mit Thanatos TV ordnet er Nahtoderfahrungen (NTE) aus neurologischer und neurowissenschaftlicher Perspektive ein – differenziert, fachlich und ohne das Phänomen auf ein simples Etikett zu reduzieren. Wir haben die zentralen Aussagen zusammengefasst.
Sind NTE „nur" Halluzinationen?
Kuhn beginnt mit einer begrifflichen Klärung: Halluzination heißt in der Medizin zunächst nur, dass eine Wahrnehmung ohne adäquaten Sinnesreiz entsteht. Der Begriff ist im Alltag negativ besetzt, weil er oft mit Psychosen oder Schizophrenie verknüpft wird – tatsächlich sind aber, so Kuhn, etwa 60 bis 70 % aller Halluzinationen nicht pathologisch. Dazu gehören z. B. hypnagoge Halluzinationen beim Einschlafen oder hypnopompe beim Aufwachen, die viele Menschen kennen.
„Rein formal von der Definition her sind die Nahtoderfahrungen Halluzinationen, aber es ist nicht das Gleiche, was wir in der Medizin normalerweise darunter verstehen."
In der Literatur wird dafür gerne der Begriff „komplexe Halluzination" verwendet – aber:
„Der Begriff ‚komplexe Halluzination' ist in der Medizin auch nicht standardisiert. Es ist einfach nur ein Oberbegriff, um etwas zu beschreiben, was man nicht gut kennt."
NTE unterscheiden sich aus seiner Sicht strukturell deutlich von den klassischen pathologischen Halluzinationen:
- Inhaltlich positiv besetzt – ca. 95 % werden als angenehm erlebt (Glück, Licht, Kontakt mit anderen Wesenheiten), schizophrene Halluzinationen dagegen sind typischerweise angstbesetzt.
- Strukturierter Ablauf – meistens beginnt die NTE mit der Out-of-Body-Erfahrung, dann folgen Tunnel und Licht. Pathologische Halluzinationen zeigen keinen solchen geordneten Ablauf.
- Komplexe Inhalte – Lebenspanorama, Begegnung mit Verstorbenen, Licht-Wesenheiten. Solche Strukturen findet man in der klinischen Halluzinationspsychiatrie nicht.
Die Drogen-Hypothese: Endorphine und DMT
Ein weiteres Erklärungsmodell: NTE entstehen durch körpereigene Drogen. Kuhn hält die früher populäre Endorphin-These für unplausibel. Sein Argument ist pharmakokinetisch:
„Wenn ein Mensch bei der Nahtoderfahrung plötzlich in den Körper wieder hereinbezogen wird, der schwer krank ist, dann verspürt er plötzlich diese Schmerzen wieder. Und das kann bei Endorphinen nicht der Fall sein, weil diese ja eine länger dauernde Wirkung haben."
Interessanter findet er Dimethyltryptamin (DMT), das in schamanischen Trankzubereitungen verwendet wird. Injiziert erzeugt DMT NTE-ähnliche Erlebniselemente. Aber: Das belegt für Kuhn nicht, dass NTE rein organisch zu erklären sind. Seine Deutung:
„Die Medikamente und Drogen verändern die Wahrnehmung, können Rezeptoren verändern und zum Teil abschalten, sodass eine andere Form der Wahrnehmung möglich ist. Es ist quasi eine Abschottung von unserer Welt […], aber dann entsteht plötzlich eine andere Wahrnehmungsmöglichkeit."
Kuhn greift für diese Vorstellung ein Bild auf, das auch andere NTE-Forscher verwenden: das Gehirn als Empfänger – Radio, Fernseher, Computer. Wer auf eine andere Welle einstellt, empfängt etwas anderes. Ob „empfängt" heißt, dass das Bewusstsein tatsächlich von außerhalb kommt, ist damit nicht bewiesen – aber auch nicht widerlegt.
Out-of-Body-Erfahrungen und die Verifikation
Kuhn verweist auf Raymond Moody – den Erstbeschreiber des Phänomens NTE –, der sagt: Wer die OBE erklärt, erklärt die NTE. Die Neurowissenschaft versucht genau das, indem sie OBE als Halluzinationen des Gehirns deutet. Für einen Teil der OBE außerhalb von NTE sieht Kuhn diese Erklärung als plausibel an – für die OBE im Kontext einer NTE aber nicht. Sein Argument sind verifizierte Wahrnehmungen:
„Es gibt ungefähr 100 Fälle, die schon verifiziert worden sind, wo auch die Beobachtung während einer Nahtoderfahrung wirklich gestimmt hat. […] Eine Studie hat festgestellt, dass ungefähr 90 bis 95 Prozent der Wahrnehmungen in einer Nahtoderfahrung wirklich hundertprozentig richtig waren."
Patienten beschreiben, was die Ärzte trugen, welche Geräte benutzt wurden, was gesagt wurde. Kuhn zitiert in diesem Zusammenhang auch Pim van Lommel mit einer sehr nüchternen Beobachtung:
„Skeptiker lassen sich durch so was nie überzeugen. Wenn zehn Fälle berichtet werden, wollen sie 100. Wenn 100 berichtet werden, wollen sie 1.000."
Nulllinien-EEG, klinischer Tod und Hirntod
Ein wiederkehrendes Missverständnis: „Hirntod" und „klinischer Tod" werden oft gleichgesetzt. Kuhn legt die Abstufungen klar dar:
- Hirntod ist irreversibel. Dafür gibt es in der Neurologie ein strenges Protokoll – zwei unabhängige Untersucher, Prüfung der Hirnstammreflexe, ggf. Kontrolle nach 12 oder 72 Stunden, heute auch Ultraschall zur Bestätigung fehlender Hirndurchblutung.
- Klinischer Tod (Herzstillstand, z. B. beim Herzinfarkt) führt binnen 20–30 Sekunden zu einem Nulllinien-EEG. Das ist reversibel. Die Menschen kommen wieder zu sich – und berichten in seltenen, aber dokumentierten Fällen NTE aus genau dieser Phase.
- Endgültiger Zelluntergang tritt nach etwa einer halben Stunde ohne Sauerstoff ein.
Kuhn betont mit einem wichtigen Detail aus der Reanimationsforschung:
„Ein zunächst festgestellter Hirnfunktionsausfall im Sinne eines Hirntodes bedeutet noch nicht mit absoluter Sicherheit, dass die Hirnzellen komplett untergegangen sind."
Das erklärt einige der Ausnahmefälle, in denen Menschen nach 45 Minuten wieder zum Leben kommen.
Bewusstsein ohne Gehirn – die offene Frage
Die naturalistische Annahme lautet: Bewusstsein wird vom Gehirn erzeugt. Gängig ist heute die These, dass synchronisierte Gamma-Wellen in verteilten Hirnarealen das Bewusstsein „hervorbringen". Kuhn widerspricht dem nicht grundsätzlich, wohl aber dem Sprung von Korrelation zu Beweis:
„Es ist keineswegs absolut sicher, dass diese Gamma-Wellen wirklich Bewusstsein erzeugen. Sie sind zwar parallel dazu da, aber nicht immer."
Sein Eindruck: Gamma-Wellen korrelieren vor allem mit Aufmerksamkeit, nicht zwingend mit Bewusstsein als solchem. Zu Pim van Lommels These – Bewusstsein ist unabhängig vom Gehirn – positioniert er sich vorsichtig, aber klar:
„Weder die organische These ist belegt, noch die andere These ist belegt. Die Möglichkeit ist völlig offen. Man kann beides glauben."
Wenn man mediale Kontakte, Nachtod-Kontakte und die immer wiederkehrenden Beobachtungen am Sterbebett ernst nimmt, ist für Kuhn die Hypothese eines bewusstseinsähnlichen Weiterbestehens zumindest gleichberechtigt diskutierbar.
Terminale Geistesklarheit und der Gamma-Peak
Besonders spannend ist eine relativ junge Beobachtung. In EEG-Studien der letzten Jahre – sowohl an sterbenden Menschen als auch im Tierversuch mit dekapitierten Ratten (Borjigin) – wurde Folgendes dokumentiert:
„Kurz vor dem Tod geht die Aktivität in den Hirnströmen runter. Aber ganz kurz vor dem Tod kommt nochmal ein ganz starker Peak. […] Bei einem Drittel der Menschen. Und dieser Peak war mit einer Gamma-Aktivität verknüpft, obwohl die Menschen kurz vor dem Tod waren."
Nach herkömmlicher Vorstellung dürfte dort nichts mehr sein. Dass in dem Moment, in dem die Zellfunktion kollabiert, nochmal hochfrequente, mit Bewusstsein und Aufmerksamkeit assoziierte Aktivität auftritt, ist bisher nicht erklärbar – und könnte, so Kuhns Spekulation, mit dem NTE-Phänomen zusammenhängen. Der Moderator fasst es provokant zusammen – und Kuhn lässt das bemerkenswerterweise stehen:
Moderator: „Der vom Naturalismus unbeeinflusste Laie könnte sagen: Die Seele hebt ab."
Kuhn: „Ja, kann man … kann man sogar sagen. Ja."
Eine weltanschauliche Frage
Kuhn vermeidet den Überlebensschluss als naturwissenschaftliche Behauptung. Er rahmt ihn konsequent weltanschaulich ein:
„Es gibt keinen Gegenbeweis in der Naturwissenschaft, der sagt: Es gibt keine Seele. Und es gibt auch keinen naturwissenschaftlichen Beweis, der sagt: Es gibt kein Jenseits. Das sind alles dogmatische Vorstellungen."
Er erinnert daran, dass die Naturwissenschaft in den letzten hundert Jahren viele einst „bewiesene" Dogmen revidiert hat – vom Genetik-Dogma (heute: Epigenetik) bis zur klassischen Physik (Einstein, Heisenberg, Quantentheorie).
Probleme nach einer NTE – und warum es Anlaufstellen braucht
Die Praxisseite wird in dem Gespräch oft vergessen, ist aber wichtig: Eine NTE verändert Menschen. Sie werden spiritueller, weniger materialistisch, schätzen andere Werte – und genau das führt häufig zu Konflikten mit Partnern und im sozialen Umfeld. Kuhn berichtet von dokumentierten Fällen bis hin zu Scheidungen – nicht weil die NTE selbst negativ war, sondern weil der neue Wertekompass der betroffenen Person dem des Umfelds plötzlich nicht mehr entspricht.
Genau dafür wurde das Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. gegründet – als Anlaufstelle, für Beratung, und um qualifizierte Psychotherapeuten vermitteln zu können, die mit dem Phänomen vertraut sind.
Lehre und Ausbildung
Auf die Frage, ob NTE irgendwo systematisch gelehrt würden, antwortet Kuhn trocken: „Auf keinen Fall." Das Thema ist weder an Universitäten noch in Schulen Bestandteil des Curriculums. Interesse zeigen nach seiner Erfahrung am ehesten Teile der katholischen Kirche – die Gemeinden selbst seien dabei häufig offener und weniger dogmatisch als die Pfarrer.
Einordnung
Kuhns Position ist methodisch sauber und bemerkenswert: Als Neurologe gibt er den Halluzinations-Kritikern die formale Definition zu – und zeigt dann, warum diese Definition das Phänomen nicht erklärt. Er bleibt bei der organischen Hypothese agnostisch, macht aber deutlich, dass die „Materialismus = bewiesen"-Haltung wissenschaftsphilosophisch nicht haltbar ist. Damit reiht er sich ein in das Spektrum seriöser deutschsprachiger NTE-Forscher neben Walter van Laack und Elisabeth Kübler-Ross – mit dem speziellen Gewicht, das seine klinische Rolle als Chefarzt und Neurologe mitbringt.
Quelle:Leben nach dem Tod: Was sagt ein Neurologe? Wilfried Kuhn im Gespräch, Thanatos TV (YouTube), youtube.com/watch?v=q80lFz3TNwE. Zitate aus dem Interview wörtlich wiedergegeben und mit Anführungszeichen gekennzeichnet.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind weitere Beiträge zur NTE-Forschung (u. a. Walter van Laack, Elisabeth Kübler-Ross und Markolf Niemz) verlinkt.
