Prof. Dr. Dr. Godehard Brüntrup SJ ist Philosoph an der Hochschule für Philosophie München mit Schwerpunkt Philosophie des Geistes (Leib-Seele-Problem, Panpsychismus) – und selbst Erfahrungsträger einer Nahtoderfahrung. In einem Vortrag im Rahmen der Reihe grenzfragen nähert er sich dem Phänomen philosophisch: Welche Strategien hat die Vernunft, um mit einem rätselhaften Phänomen dieser Dimension umzugehen? Wir fassen die zentralen Gedanken zusammen.
Das Phänomen: was Betroffene berichten
Brüntrup beginnt mit einer Phänomenologie dessen, was in allen Kulturen, Religionen, Altersgruppen und Bildungsschichten frappierend ähnlich berichtet wird: nach einer kurzen Angstphase ein Eintauchen in eine andere Dimension, die als intensiver, klarer und kohärenter erlebt wird als das normale Wachbewusstsein.
„Die geistigen Prozesse laufen mit einer solchen inneren Klarheit, Präsenz und Intensität ab, dass das normale Wachbewusstsein im Vergleich dazu fade und schwerfällig wirkt."
Typische Elemente: außerkörperliche Wahrnehmung, Tunnel, Licht, Begegnung mit Verstorbenen und Lichtwesen, Lebensrückblick, die Entscheidung zurückzukehren. Wichtig für Brüntrups Argumentation: Die Erfahrung ist nicht wahnhaft, sondern weist innere Kohärenz und einen klaren dramaturgischen Bogen auf.
Das Rätsel der veridischen Wahrnehmung
Eines der härtesten philosophischen Probleme: Betroffene erinnern sich später an Details (Geräte, Gespräche, Kleidung des medizinischen Personals), die sie im Zustand des Herzstillstands oder der Vollnarkose nicht hätten wahrnehmen können. Auch Blinde berichten von detaillierten optischen Eindrücken.
„Die Berichte sind wiederholt so kleinteilig exakt, dass Zufallstreffer durch reines Fabulieren ausgeschlossen werden können."
Brüntrup formuliert vorsichtig: Nicht jeder solcher Fall gilt als restlos bewiesen – aber ein einziger wirklich beweiskräftiger Fall würde das Weltbild der Standardneurowissenschaft sprengen. Denn dort gilt das Prinzip der neuronalen Supervenienz: keine Bewusstseinsveränderung ohne korrespondierende Veränderung im Gehirn.
Zwei evolutionär schwer erklärbare Muster
Zwei Beobachtungen hebt Brüntrup als philosophisch besonders interessant hervor, weil sie eine rein zufällig-neuronale Deutung nicht leicht stützen:
- Die Selektion auf Verstorbene. In den Berichten tauchen fast ausschließlich bereits verstorbene Angehörige auf – kaum lebende. Ein evolutionärer Mechanismus, der aus der Menge aller Erinnerungen systematisch nur die Verstorbenen herausfiltert, ergibt funktional keinen ersichtlichen Sinn.
- Die ethische Fokussierung des Lebensrückblicks. Es wird nicht eine beliebige Erinnerungs-Parade geliefert, sondern eine moralische Bilanz: wo habe ich geliebt, wo verletzt. Oft sogar transpersonal – die Wirkung auf andere wird empathisch miterlebt. Brüntrup fragt: Warum sollte eine „Gute-Nacht-Geschichte" des sterbenden Gehirns bei allen Individuen gerade die Frage nach der sittlichen Verantwortung in den Mittelpunkt stellen?
Dauerhafte Veränderung – der van-Lommel-Befund
Besonders methodisch ernst zu nehmen: Die niederländische Langzeitstudie des Kardiologen Pim van Lommel zeigte, dass die Persönlichkeitsveränderung nach NTE dauerhaft anhält – und dass sie in der Vergleichsgruppe (gleicher Herzstillstand, aber ohne NTE) nicht auftritt. Es ist also nicht die Traumatisierung durch die medizinische Notlage, die die Menschen verändert, sondern die Erfahrung selbst.
„Liebe, personale Beziehungen sowie der Erwerb von Weisheit stehen fortan im Mittelpunkt. Geld, Karriere, oberflächlicher Zeitvertreib verlieren entscheidend an Attraktivität."
Abgrenzung: Träume, Ketamin, LSD, Laborsimulation
Brüntrup geht die üblichen Entgegnungen durch:
- Träume / Wahn sind bizarr und inkohärent – NTE sind kohärent.
- Ketamin erzeugt Tunnelelemente, aber ohne inneren Sinn, ohne verifizierbare Außenwahrnehmung und oft als „Horrortrip".
- LSD erzeugt illusionäre Wahnbilder ohne innere Kohärenz.
- Direkte neuronale Stimulation (Blanke) konnte in einem Einzelfall eine partielle OBE auslösen – aber nicht reproduzierbar.
- VR-Brillen und ähnliche Laboraufbauten führen eher in die Irre (komplexe Sinnestäuschungen wie beim „Rubber Hand Experiment").
Sein Fazit:
„Es gibt bisher keine Laborsituation, in welcher sich die Nahtoderfahrung in ihrem phänomenalen Reichtum und kohärenten semantischen Gehalt reproduzieren ließe. Wir stehen vor einem rätselhaften Phänomen."
Fünf philosophische Strategien
Der eigentliche philosophische Kern des Vortrags ist Brüntrups Typologie der möglichen Antworten auf ein rätselhaftes Phänomen:
- Existenz bestreiten – das Phänomen gibt es gar nicht.
- Irrelevanz erklären – es ist ein bedeutungsloses Kuriosum.
- Bekannte Wissenschaft – es ist im bestehenden Paradigma erklärbar (Sauerstoffmangel, NMDA-Rezeptoren, Endorphine, DMT).
- Paradigmenwechsel – eine neue Theorie ist nötig (Hameroff/Penrose Quantum, Tononis „integrierte Information", van Lommels Quantentheorie des Bewusstseins).
- Grenzen der Vernunft – das Rätsel übersteigt prinzipiell das menschliche Erkenntnisvermögen (Kant, Thomas Nagel).
Brüntrups Bewertung: Strategie 1 scheidet aus (das Phänomen ist belegt). Strategie 2 ebenfalls (die Bedeutung für Betroffene und für die Bewusstseinstheorie ist zu groß). Die Strategien 3, 4 und 5 bleiben alle drei offen.
Das harte Problem: Wahrnehmung bei flacher Linie
Der härteste Einwand gegen Strategie 3 (konventionelle Erklärung): In dokumentierten Fällen berichten Menschen Wahrnehmungen aus einer Phase, in der das EEG eine flache Linie zeigte – also ohne messbare Hirnaktivität. Brüntrup formuliert das Paradox mit einem einfachen Bild:
„Man erwartet nicht, dass ein Auto gerade dann besonders gut fährt, wenn ihm der Treibstoff ausgegangen ist. Warum arbeitet das Gehirn so viel besser, wenn es keinen Sauerstoff mehr bekommt?"
Mystische Erfahrung – Brüntrups konstruktiver Vorschlag
Nach Sichtung der Strategien plädiert Brüntrup für eine Haltung, die den üblichen Lagerkampf (Materialismus vs. Jenseits-Beweis) unterläuft: den Betroffenen zuhören und die Erfahrung selbst ernst nehmen. Inhaltlich ist die NTE unabhängig von spezifischen Religionen eine mystische Erfahrung: Geborgenheit, Vergebung, universale Liebe.
Brüntrup erinnert an ein altes christliches Kriterium für echte mystische Erfahrungen: Führt die kurze, intensive Erfahrung zu einer dauerhaften positiven Charakterveränderung? Genau das zeigen die Studien bei NTE-Erlebenden – mehr Liebesfähigkeit, mehr Empathie, weniger Angst vor dem Tod, Verlust des Interesses an Oberflächlichem. Sein Schluss:
„Wir müssen nicht erst das Rätsel des Bewusstseins lösen, um die Schönheit einer Sinfonie oder eben die Tiefe einer Nahtoderfahrung zu würdigen."
Einordnung
Brüntrup ist methodisch anders aufgestellt als die Neurologen Wilfried Kuhn oder Walter van Laack: Er argumentiert nicht empirisch, sondern systematisch-philosophisch. Sein Beitrag liegt in der sauberen Strukturierung der Debatte – und im Hinweis, dass das vorschnelle Schließen der Frage in die eine oder andere Richtung wissenschaftstheoretisch nicht gedeckt ist. Im Zusammenspiel mit der Kinder-Studie von Elisabeth Kübler-Ross und den Nulllinien-Fällen bei van Laack ergibt sich ein Gesamtbild, das die Standardannahme „Bewusstsein = Hirnfunktion" zumindest unter Rechtfertigungsdruck setzt.
Quelle:Brüntrup: Philosophisches zur Nahtoderfahrung, grenzfragen (YouTube), youtube.com/watch?v=sqRKYyUyerc. Zitate aus dem Vortrag wörtlich wiedergegeben und mit Anführungszeichen gekennzeichnet; ansonsten sinngemäße Zusammenfassung.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind weitere Beiträge zur NTE-Forschung (u. a. Walter van Laack, Wilfried Kuhn, Elisabeth Kübler-Ross und Markolf Niemz) verlinkt.
