Astralreisen & außerkörperliche Erfahrungen

Veröffentlicht am 2026-06-13 · Aktualisiert am 2026-06-13 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Eine Astralreise ist die Vorstellung – und für viele Menschen das konkrete Erleben –, das eigene Bewusstsein verlasse den Körper und bewege sich frei durch den Raum, manchmal auch durch eine eigene „Astralwelt". Millionen berichten von solchen Momenten, spontan in Gefahr, beim Einschlafen, in Trance oder unter Narkose. Die spannende Frage ist nicht, ob diese Erlebnisse vorkommen – das tun sie zweifellos –, sondern was dabei wirklich geschieht: Reist da jemand, oder erzeugt das Gehirn eine überzeugende Vorstellung? Genau diese Frage haben Forscher seit über hundert Jahren mit erstaunlich konkreten Experimenten zu beantworten versucht.

OBE oder Astralreise? Eine wichtige Unterscheidung

Zwei Begriffe werden oft vermischt, meinen aber Verschiedenes:

  • Außerkörperliche Erfahrung (OBE, out-of-body experience) – der nüchterne, beschreibende Begriff für das Erlebnis, sich außerhalb des eigenen Körpers wahrzunehmen. Dass dieses Erlebnis auftritt, ist unbestritten.
  • Astralreise / Astralprojektion – die metaphysische Deutung: dass dabei tatsächlich etwas (ein „Astralkörper") den Körper verlässt und reale Information sammelt. Das ist die starke, überprüfbare Behauptung – und der eigentliche Streitpunkt.

Der ganze Artikel dreht sich um diese Naht: Das Erlebnis ist gesichert, die Reise ist die offene Frage.

Eine alte Idee: von der Theosophie zu Robert Monroe

Der „Astralkörper" ist kein moderner Einfall. Die Vorstellung eines feinstofflichen Doppels reicht über den Neuplatonismus zurück, ihre heute geläufige Form bekam sie aber in der Theosophie des späten 19. Jahrhunderts – etwa in C. W. Leadbeaters The Astral Plane (1895). 1929 lieferten Sylvan Muldoon und Hereward Carrington mit The Projection of the Astral Body eine Art Praxisbuch, Muldoon aus eigener Erfahrung als häufiger „Projizierer".

Den modernen, entmystifizierten Begriff prägte der US-Radioproduzent Robert Monroe: Sein Bestseller Journeys Out of the Body (1971) machte „out-of-body experience" populär und führte zu seinem Monroe Institute und der Hemi-Sync-Technik, die sogar die CIA bewertete. In Brasilien wurde das Feld unter dem Namen Projeciologie von Waldo Vieira zu einer ganzen Disziplin mit Tausenden gesammelten Selbstberichten ausgebaut. Die Idee ist also weder neu noch randständig – aber Tradition und Verbreitung sind kein Beweis. Den liefert nur das Experiment.

Lässt sich die Reise testen? Die berühmten Fälle

Wenn beim Austritt wirklich Information gewonnen wird, müsste man das prüfen können: Man versteckt ein Ziel, das nur „von oben" oder aus der Ferne sichtbar ist, und schaut, ob die Versuchsperson es benennt. Genau das wurde versucht.

Charles Tart und „Miss Z" (1968). Der Psychologe Charles Tart ließ eine Versuchsperson, die nach eigenen Angaben nachts regelmäßig „austrat", im Schlaflabor schlafen – verkabelt mit einem EEG, eine fünfstellige Zufallszahl auf einem Brett hoch oben über dem Bett. In drei Nächten nichts; in der vierten nannte sie die Zahl 25132 korrekt. Beeindruckend – aber die Kritik ist gewichtig: Tart überwachte aus dem Nebenraum und räumte ein, zeitweise eingenickt zu sein; es gab keine Videokamera (James Alcock); die Zahl könnte sich in einer Uhr an der Wand gespiegelt haben (Zusne und Jones); und Martin Gardner spottete, sie habe sich womöglich einfach im Bett aufgerichtet und hochgeschaut. Ein einzelner, kontroverser Treffer mit Schlupflöchern – kein Beweis, aber auch nicht einfach wegzuwischen.

Ingo Swann am ASPR (ab 1972). Am American Society for Psychical Research in New York testeten Karlis Osis und Janet Mitchell den Künstler Ingo Swann mit Zielobjekten auf einer hohen Plattform nahe der Decke, die er sitzend skizzieren sollte. Eine veröffentlichte Serie ergab 8 von 8 stimmige Beschreibungen (Zufallswahrscheinlichkeit grob 1:40.000). Aus genau diesen OBE-Versuchen ging der Begriff Remote Viewing hervor – und damit die Spur, die später zum Stargate-Programm der CIA führte. Die Stichproben waren allerdings klein und exploratorisch.

Blue Harary und das Kätzchen „Spirit" (Psychical Research Foundation, frühe 1970er). Robert Morris und Kollegen drehten den Spieß um: Statt zu fragen, ob der „Reisende" etwas sieht, fragten sie, ob ihn jemand bemerkt. Während Stuart „Blue" Harary aus einem abgetrennten Raum heraus versuchte, sein junges Kätzchen „Spirit" zu „besuchen", wurde dessen Verhalten andernorts aufgezeichnet. In den Austritts-Phasen war das sonst unruhige Tier auffällig still und entspannt. Ein origineller Ansatz – aber Einzelfall, klein und nie überzeugend repliziert.

Die reduktive Gegenseite: baut das Gehirn die Reise selbst?

Die Gegenthese lautet: Das Gehirn erzeuge das OBE-Erlebnis selbst, ganz ohne Reise. Berühmt wurden zwei Befunde. 2002 berichtete der Neurologe Olaf Blanke in Nature, die elektrische Reizung einer bestimmten Hirnregion – der temporoparietalen Junction – habe bei einer Patientin Empfindungen ausgelöst, die an ein Schweben über dem eigenen Körper erinnerten. 2007 erzeugten Lenggenhager und Henrik Ehrsson in Science eine Art „Mini-Astralreise" im Labor: Filmt man Probanden von hinten und spielt ihnen das Bild live ein, während man ihren Rücken berührt, verlagert sich bei vielen das Gefühl, wo sie sich befinden, in den gesehenen „Körper" vor ihnen.

Die Psychologin Susan Blackmore – die als Studentin selbst eine intensive, stundenlange OBE erlebte und gerade deshalb zur Skeptikerin wurde – fasste das in ihrem Buch Beyond the Body (1982) zu einer einflussreichen Theorie: Fällt der normale Sinnes-Input weg, baue das Gehirn aus Gedächtnis und Vorstellung ein „Modell der Wirklichkeit" – und dieses Modell zeige uns eben von oben. Aus dieser Sicht ist die OBE ein realer, aber rein innerer Zustand. Solche psychologischen Erklärungen sind ernst zu nehmen.

So eindrucksvoll diese Befunde sind – sie zeigen weniger, als oft behauptet wird. Blankes berühmter Fall von 2002 war ein einzelner Patient mit bruchstückhaften Empfindungen (Schweben, verzerrte Körperwahrnehmung) – nicht die klare, kohärente Szene einer spontanen OBE. Und die VR-Versuche erzeugen, genau besehen, nur eine messbare Verschiebung des Selbst-Ortes samt Körper-Besitz-Gefühl – kein autoskopisches Schweben über dem eigenen Körper, sondern ein begrenztes Labormodell des Körper-Selbst. In beiden Fällen entsteht zudem keine Wahrnehmung des realen Raums, nur eine gestörte Repräsentation des eigenen Körpers. Reproduziert wurden also OBE-ähnliche Bruchstücke, nicht das vollständige Phänomen – und damit ist gerade nicht belegt, was die starke These behauptet: dass das Gehirn eine echte außerkörperliche Erfahrung von sich aus hervorbringt. NTE-Forscher wie Pim van Lommel und Bruce Greyson wandten entsprechend ein, dass solche induzierten Zustände einen falschen Realitätseindruck erzeugen, nicht die hellwache Klarheit echter Erfahrungen – und dass selbst dann, wenn das Gehirn eine OBE-artige Illusion einmal vollständig erzeugen könnte, dies noch lange nicht bewiese, dass jede OBE eine Illusion ist.

Auch Blackmores Deutung ist nur ein Modell, kein Beweis. Es schlägt vor, wie die Erfahrung entstehen könnte (aus Gedächtnis, Vorstellung und vor allem Hörbarem), erzeugt sie aber nicht im Labor und erklärt nicht die Fälle mit überprüfbaren Details; ihr weitreichender Schluss, paranormale Wahrnehmung in OBEs sei „grundlos", ist eine skeptische Position, kein Ergebnis – und wird von der NTE-Forschung bestritten. Bleibt der Einwand, veridische Berichte hielten der Prüfung ohnehin nicht stand. Doch genau das hat Janice Holden systematisch nachgezählt: In der Fachliteratur fand sie 107 Fälle apparent veridischer Wahrnehmung – nach dem strengsten denkbaren Maßstab waren 92 % vollständig korrekt. Dem steht auf der reduktiven Seite bislang kein einziger Treffer gegenüber: keine im Labor reproduzierte vollständige OBE. Und die Beweislast ist nicht symmetrisch – die starke materialistische These müsste ausnahmslos gelten, während für die Gegenseite, wie der Philosoph Godehard Brüntrup betont, schon ein wirklich wasserdichter Fall genügen würde – eine einzige „weiße Krähe". Gefragt ist also nicht zuverlässige Wiederholung, sondern ein einziger unbestreitbarer Fall – und Kandidaten dafür gibt es über hundert.

Der entscheidende Test – der nie wirklich stattfand

d Damit ist die eigentliche Frage aber nur geschärft, nicht beantwortet. Dass sich im Labor OBE-ähnliche Teil-Effekte auslösen lassen (Körperverzerrungen, Selbst-Orts-Verschiebungen), ist belegt; dass das Gehirn die vollständige Erfahrung von sich aus erzeugt, wie gesehen gerade nicht. Entscheidend bleibt ohnehin: Wird in solchen Zuständen je Information gewonnen, die das Gehirn auf normalem Weg nicht haben konnte? Der sauberste Ansatz, das prospektiv zu prüfen, war die AWARE-Studie von Sam Parnia: In Kliniken wurden auf hohen Regalen Bildziele platziert, die nur „von der Decke aus" zu sehen waren – um zu testen, ob Reanimierte mit außerkörperlicher Wahrnehmung sie korrekt benennen.

So überzeugend die Idee ist – durchgeführt wurde sie nie wirklich. Die Regale hingen nur in einem Bruchteil der Räume: Rund 78 % der Herzstillstände ereigneten sich dort, wo gar kein Ziel angebracht war. Und entscheidend: In keinem einzigen Fall fiel eine außerkörperliche Wahrnehmung mit einem präparierten Raum zusammen. Der eine gut bestätigte Fall – ein Mann, der hörbare Ereignisse seiner Reanimation akkurat beschrieb – ereignete sich ausgerechnet dort, wo kein Bildziel hing. AWARE hat die Bildziel-Frage also nicht beantwortet, sondern schlicht nicht geprüft. Das ist kein Nullbefund gegen die Astralreise, sondern ein logistisches Versäumnis der Studie – zu wenige präparierte Räume, nie ein Zusammentreffen von Ziel und passendem Moment. Hinzu kommt eine operative Schwäche, die der Studie zu Recht vorgehalten wird: Überlebende wurden vielfach gar nicht oder erst verspätet zur Erfahrung befragt – und mit jedem Tag verblasst die Erinnerung, gehen Fälle unbemerkt verloren. Der designierte Härtetest fand damit faktisch nie statt.

Dabei läge der einfachere Weg auf der Hand. Eine Nahtoderfahrung lässt sich nicht bestellen: Man braucht einen Herzstillstand, im richtigen Zimmer, mit vorbereiteten Zielen und perfektem Timing – viel Glück und großer Aufwand, woran AWARE gerade scheiterte. Eine willentlich herbeigeführte außerkörperliche Erfahrung dagegen wäre ungleich leichter zu prüfen: Wer sie auf Kommando erzeugen kann, ließe sich im Labor beliebig oft, geplant und unter Kontrolle testen. Genau dieser naheliegende Ansatz (Tart, Swann, Harary) wurde aber nur in wenigen kleinen, alten Studien verfolgt und nie mit Ernst und Mitteln ausgebaut. Das eigentliche Versäumnis ist also nicht, dass Belege fehlen – sondern dass der am leichtesten prüfbare Weg kaum je begangen wurde.

Den belastbaren Stoff liefern ohnehin die spontanen, nachträglich überprüften Fälle aus Nahtoderfahrungen – bis hin zu Berichten blinder Menschen. Sie sind anekdotisch und nicht im Labor erzwungen, aber gerade deshalb schwerer reduktiv abzuräumen als eine induzierte Körper-Illusion. Hier liegt der harte Kern, an dem sich die Frage nach dem Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn wirklich entscheidet.

Fazit

Die außerkörperliche Erfahrung ist ein reales, gut umrissenes Erlebnis; dass das Gehirn es von sich aus vollständig hervorbringt, ist allerdings nicht gezeigt – die Hirnforschung hat bisher nur OBE-ähnliche Bruchstücke erzeugt. Die Astralreise im wörtlichen Sinn – ein Körper, der reist und überprüfbar etwas mitbringt – ist dagegen nicht gesichert; allerdings auch deshalb, weil der entscheidende Test bisher nie sauber durchgeführt wurde. Die kontrollierten Zielobjekt-Versuche bestehen aus einzelnen, anfechtbaren Treffern (Tart, Swann, Harary), und der große prospektive Anlauf (AWARE) prüfte die Bildziel-Frage faktisch gar nicht. Ehrlich bleibt damit weniger ein klares Urteil als ein Noch-nicht-geprüft: Das Phänomen ist echt und verdient endlich eine sauber aufgebaute Untersuchung – wer heute „Astralreise" sagt, behauptet mehr, als die (bislang versäumten) Experimente hergeben. Den Ausschlag gäbe nicht noch mehr Tradition, sondern ein einziger, sauber kontrollierter Fall – am ehesten dort, wo sich eine außerkörperliche Erfahrung willentlich und wiederholbar herbeiführen lässt. Dass ausgerechnet dieser naheliegende, am leichtesten prüfbare Weg bisher kaum begangen wurde, ist das eigentlich Erstaunliche an der ganzen Geschichte.

Quellen:
• Charles T. Tart, A psychophysiological study of out-of-the-body experiences in a selected subject, Journal of the ASPR 62 (1968).
• Janet L. Mitchell & Karlis Osis, OBE-Zielobjekt-Experimente mit Ingo Swann, ASPR 1971/72.
• Olaf Blanke et al., Stimulating illusory own-body perceptions, Nature 419 (2002), 269–270.
• B. Lenggenhager, T. Tadi, T. Metzinger, O. Blanke & H. Ehrsson, OBE-Illusionen, Science 317 (2007).
• Susan Blackmore, Beyond the Body: An Investigation of Out-of-the-Body Experiences, Heinemann 1982.
• Sam Parnia et al., AWARE – AWAreness during REsuscitation, Resuscitation 85 (2014).
• Janice M. Holden, Out-of-Body Experiences: All in the Brain?, Journal of Near-Death Studies 25 (2007).
SPR Psi Encyclopedia: Out-of-Body Experiences.

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