Stilometrie und Mediumschaft

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

2013 erschien der Krimi The Cuckoo's Calling eines unbekannten Debütanten namens Robert Galbraith – bis eine computergestützte Textanalyse den wahren Autor entlarvte: J. K. Rowling. Die Methode dahinter heißt Stilometrie, und der Jurist Adrian Weibel hat in der Zeitschrift für Anomalistik einen ebenso naheliegenden wie kühnen Vorschlag ausgearbeitet: Man wende dieses Werkzeug auf mediumistische Schriften an – auf Texte also, die Medien nach eigener Angabe von Verstorbenen empfangen haben. Denn wenn sich die Autorschaft eines Textes messen lässt, dann lässt sich im Prinzip auch messen, wessen Stil in einem Jenseits-Diktat steckt.

Der Stil-Fingerabdruck

Stilometrie ist statistische Autorschaftsanalyse: Sie vermisst nicht, was ein Text sagt, sondern wie er es sagt – die Verteilungsmuster von Funktionswörtern, Satzzeichen, Wortfrequenzen und Satzbau. Die Grundannahme des Feldes: Jeder Autor trägt einen quantifizierbaren „stilistischen Fingerabdruck", der jenseits der bewussten Kontrolle liegt. Die Erfolge sind beachtlich – von der Rowling-Enttarnung über Zuschreibungsfragen bei Shakespeare-Mitarbeiten und Frankenstein bis zu Korpus-Studien der viktorianischen Literatur mit Trefferquoten um 75 bis 85 Prozent; heute arbeitet das Feld mit maschinellem Lernen und dient auch der Plagiats- und Fälschungserkennung.

Warum das für die Jenseitsfrage zählt

Weibels Kernargument ist der Imitations-Befund: Auf stilometrischer Ebene ist Imitation bisher selbst professionellen Schriftstellern nicht gelungen – Pastiches, also bewusste Stilnachahmungen, fliegen in der Analyse zuverlässig auf. Auch Inselbegabte (Savants) fallen als Erklärung aus, denn ihre Ausnahmefähigkeiten betreffen am wenigsten die Sprachdomäne. Das gibt dem Werkzeug seine Schärfe in beide Richtungen: Passt ein Mediumstext stilometrisch zum Medium, ist die irdische Autorschaft praktisch erwiesen. Passte er aber – sauber geprüft – zum verstorbenen Autor statt zum Medium, stünde die Imitations-Erklärung vor einem Problem, das nach heutigem Wissen niemand durch Talent lösen kann. Genau die Sorte prüfbares Kriterium, nach der diese Forschung immer sucht.

Die alte Tradition: Stilvergleich mit bloßem Auge

Qualitative Stilvergleiche gibt es seit über hundert Jahren. Arthur Conan Doyle analysierte 1927 die mediumistischen Texte dreier „Kommunikatoren": Bei den Psychic Messages from Oscar Wilde des Mediums Hester Dowden fand er Wildes Farb-Adjektive, seinen Satz-Rhythmus und den unverkennbaren Zynismus („Being dead is the most boring experience in life…"); Dowden selbst entdeckte Schreib-Eigenheiten wie eingestreute Trennungen (d-eath, vin-tage), die sich später auch in Wilde-Faksimiles fanden. Umgekehrt zeigte schon F. W. H. Myers 1898 an den berühmten „Julia"-Botschaften des Journalisten W. T. Stead, dass sie wie ein Flickwerk aus Steads eigenen Zeitschriftentexten wirkten. Das Problem dieser Tradition benennt Weibel klar: Auffällige Eigenheiten – Kapitelüberschriften, Spitznamen, bunte Adjektive – kann ein guter Imitator nachmachen. Beweiskraft haben nur die unauffälligen Muster, die niemand bewusst steuert. Und genau die misst die Stilometrie.

Die bisherigen harten Tests – ehrlich berichtet

Computergestützt wurde bisher erst zweimal geprüft, und beide Male sprach das Ergebnis gegen die Medien. Goto (2018) testete die berühmte „Jenseits-Fortsetzung" von Charles Dickens' unvollendetem The Mystery of Edwin Drood, die der Drucker Thomas P. James 1873 als Diktat des toten Dickens veröffentlicht hatte: Stilometrisch ist die Fortsetzung klar kein Dickens – sie liegt sogar näher bei Thackeray. Schöberlein (2017) prüfte Gedichte, die das Medium Lizzie Doten dem toten Edgar Allan Poe zuschrieb: Sie wurden eindeutig Doten selbst zugeordnet – „Poes Autorsignal", so das trockene Fazit, „starb offenbar mit ihm". Wer aus unserem Artikel über die Stilanalyse der Xavier-Psychografien kommt, sieht: Die Methode kann schneiden – und sie schneidet nicht automatisch zugunsten der Medien. Als kurioser Kontrapunkt sei die Untersuchung von Saad und de Medeiros (2022) erwähnt: Vier automatisch geschriebene Unterschriften verstorbener Kommunikatoren ähnelten deren Lebzeiten-Signaturen verblüffend – in einer Schreibschrift, die nicht der natürlichen Handschrift des Mediums entsprach.

Weibels Programm – und seine Grenzen

Weibel schlägt die Stilometrie als Hilfswissenschaft der Mediumschaftsforschung vor – neben den etablierten Zugängen von verblindeten Readings à la Beischel bis zu den Cross-Correspondences. Fair benennt er auch die Gegenposition: Der Skeptiker Joe Nickell verwarf stilometrische Mediumsanalysen 2007 mit dem Argument, statistische Stilunterschiede schwankten von Passage zu Passage. Und es gibt praktische Hürden – man braucht ausreichend große Textkorpora des Verstorbenen und des Mediums, idealerweise in derselben Sprache und Gattung. Aber es gibt auch naheliegende Kandidaten: Das riesige Werk von Chico Xavier etwa, mit Hunderten Büchern in den Stilen Dutzender verstorbener brasilianischer Autoren, wäre für eine moderne stilometrische Prüfung ein Traumkorpus.

Die ehrlichste Grenze aber ist diese: Der Aufsatz ist ein Vorschlag, keine Forschungsarbeit – es wurde kein einziger neuer Korpus analysiert, kein Medium geprüft, kein Ergebnis erzeugt. Bezeichnend für die Produktionslage der deutschsprachigen Anomalistik ist auch, von wem der interessanteste Methodenimpuls der letzten ZfA-Jahrgänge stammt: nicht aus dem hauptamtlichen, stiftungsfinanzierten Forschungsbetrieb, sondern von einem Juristen, der nebenher publiziert. Die eigentliche Arbeit – etwa Xaviers Korpus tatsächlich stilometrisch zu prüfen – wartet weiter auf jemanden, der sie tut.

Einordnung

Das Schönste an Weibels Vorschlag ist seine Symmetrie: Die Stilometrie ist kein Werkzeug der Gläubigen und keines der Skeptiker – sie ist ein Schiedsrichter, der bisher zweimal gegen die Medien gepfiffen hat und beim nächsten Mal anders pfeifen könnte. Ein Feld, das sich solchen Prüfungen stellt, statt sie zu meiden, gewinnt in jedem Ausgang: Entweder fallen weitere fromme Legenden – oder es findet sich eines Tages ein Text, dessen unbewusster Fingerabdruck einem Toten gehört. Beides wäre ein Erkenntnisgewinn. Und dass dieser Vorschlag in der Zeitschrift für Anomalistik erscheint, passt zu allem, was wir über sie geschrieben haben: Streit als Format – diesmal als Einladung an die Daten selbst.

Quellen: Adrian Weibel: „Mediumship and Stylometry. Exploring a New Way of Attributing Authorship to Mediumistic Writings", Zeitschrift für Anomalistik / Journal of Anomalistics 24 (2024), Nr. 1, S. 55–79, DOI 10.23793/zfa.2024.055, Volltext (PDF) (darin die referierten Studien: Goto 2018 zur Drood-Fortsetzung; Schöberlein 2017 zu den Doten/Poe-Gedichten; Saad & de Medeiros 2022 zu den Unterschriften; Doyle 1927; Myers 1898; Nickell 2007); ergänzt um unsere Artikel zur Stilanalyse der Xavier-Psychografien, zu Chico Xavier, zu Julie Beischel und zu den Cross-Correspondences.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.