The Heyday of Mental Mediumship

Veröffentlicht am 2026-07-13 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Was macht ein Gelehrter, der sein Lebensthema mit fünfzig im Standardwerk „Mediumship and Survival" bilanziert hat? Er kehrt mit fast neunzig noch einmal zurück – diesmal nicht als Schiedsrichter, sondern als Erzähler. „The Heyday of Mental Mediumship: 1880s–1930s" (2022), Alan Gaulds letztes Buch, erzählt die goldene Ära der Trance-Medien als Menschengeschichte: die Forscher und die Frauen, die sie erforschten, als reale Personen mit Freundschaften, Zweifeln und Sturheiten – und es hebt eine ganze amerikanische Forschungslinie, die selbst Kenner des Feldes kaum noch auf dem Zettel haben.

Ein Spätwerk mit fast neunzig

Als das Buch am 31. Mai 2022 bei White Crow Books erschien (340 Seiten), war sein Verfasser 89 Jahre alt – und der Respekt der Fachwelt kam prompt: Edward und Emily Kelly, Gaulds Mitautoren aus Irreducible Mind, der Philosoph Stephen Braude und der Psychologe Callum E. Cooper schrieben die Geleitworte; der Tenor: Niemand sei für dieses Material besser qualifiziert. Es sollte Gaulds Abschiedswerk bleiben – er starb im Dezember 2024. Wo Mediumship and Survival die Beweisfrage systematisch abwog, wählt das Spätwerk den umgekehrten Zugang: Es zeigt, wie diese Forschung tatsächlich entstand – aus informellen Anfängen, Wohnzimmern und Briefwechseln, lange bevor es Protokollstandards gab.

Sechs Kapitel für Mrs Piper

Das Zentrum bildet – sechs von zwölf Kapiteln – die Bostoner Trance-Frau Leonora Piper: ihre Entdeckung durch William James, die jahrelange Überwachung durch Richard Hodgson (der Detektive auf sie ansetzte und ihre Post mitlas, ohne je Betrug zu finden), die Sitzungsserien des Philologen William Romaine Newbold – und die merkwürdige Wendung, dass sich nach Hodgsons plötzlichem Tod 1905 eine „Hodgson-Kontrolle" bei eben jenem Medium meldete, das er überwacht hatte. Gauld erzählt das nicht als Heiligenlegende, sondern mit dem Aktenblick des Historikers: Piper hatte schwache und starke Phasen, ihre Kontrollen widersprachen sich, und gerade die Reibung zwischen brillanten Treffern und banalem Füllmaterial ist für ihn der eigentliche Forschungsgegenstand. Wie es von hier zu den Cross-Correspondences weiterging, haben wir bereits erzählt.

Die vergessene amerikanische Linie

Der zweite Teil des Buchs ist sein eigentlicher Schatz, denn er dokumentiert, was nach Hodgsons Tod auf der amerikanischen Seite geschah – eine Linie, die in den gängigen Darstellungen fast immer fehlt. Ihr Motor war James Hervey Hyslop, Logikprofessor an der Columbia University, der die American Society for Psychical Research neu aufbaute. Sein wichtigstes Medium war Minnie Soule, in den Berichten unter dem Pseudonym „Mrs Chenoweth" geführt. Mit ihr untersuchte Hyslop unter anderem den berühmten Doris-Fall: Doris Fischer, ein schwer dissoziiertes Mädchen mit multiplen Persönlichkeiten, das Walter Franklin Prince dokumentiert und adoptiert hatte – in den Chenoweth-Sitzungen meldete sich eine Kommunikatorin, die sich als Doris' verstorbene Mutter ausgab und so treffsicheres Material lieferte, dass Hyslop ihm einen eigenen Bericht widmete. Es folgen die ASPR-Forscherin Lydia Allison und schließlich John F. Thomas, der die Ära methodisch krönte: Seine ausgedehnten Sitzungsserien – vielfach als Proxy-Sitzungen mit Stellvertretern geführt, die nichts über die Verstorbenen wussten – brachten ihm 1933 an der Duke University den ersten Doktortitel, der je für eine Arbeit über Mediumschaft verliehen wurde; sein Buch „Beyond Normal Cognition" (1937) wertete das Material quantitativ aus.

Was den Höhepunkt zum Höhepunkt machte

Liest man das Buch am Stück, tritt eine Entwicklung hervor, die Gauld nie ausbuchstabieren muss, weil das Material sie selbst erzählt: die Evolution der Kontrolle. Am Anfang stehen private Séancen; am Ende stehen Pseudonyme für Medien, angeheuerte Detektive, Stellvertreter-Protokolle und quantitative Trefferauswertung – eine Methodenschraube, die sich über fünfzig Jahre stetig anzog und in gerader Linie zu den fünffach verblindeten Windbridge-Protokollen von heute führt. Dass die Blütezeit um 1930 endete, lag dabei weniger an einer Widerlegung als an einem Generationen- und Modewechsel: Die großen Trance-Medien starben, die junge Parapsychologie um J. B. Rhine wandte sich den zählbaren Kartenexperimenten zu, und die geduldige Einzelfallarbeit geriet aus der Mode – dasselbe Schicksal, das auch dem Myers-Programm widerfuhr.

Die ehrliche Gegenseite

Zwei Einschränkungen gehören auf den Tisch. Erstens: Das Buch präsentiert keine neuen Primärdaten – es ist Geschichtsschreibung aus den Archiven, so quellensatt wie nur irgend möglich, aber eben ein Rückblick. Zweitens stammen die lobenden Geleitworte aus der Fachgemeinschaft der psychical research selbst; eine breite Rezeption in der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte steht aus, wie bei fast allem in diesem Feld. Wer allerdings einwenden will, hundert Jahre alte Protokolle könnten heute nichts mehr lehren, sollte bedenken, woran es der Gegenwartsforschung am meisten fehlt: an Medien, die sich jahrzehntelang kontinuierlich untersuchen lassen, und an Forschern, die Jahrzehnte an einen einzigen Fall wenden. Genau dieses Material liegt hier aufbereitet – von dem Mann, der es besser kannte als irgendjemand sonst.

Einordnung

The Heyday of Mental Mediumship ist das Alterswerk eines Forschers, der die Blütezeit, die er beschreibt, um ein Menschenalter überlebt hat – geforscht wird an Medialität bis heute, nur eben am Rand der akademischen Anerkennung – und der sie noch einmal zum Leben erweckt: als Galerie realer Menschen – skeptischer Überwacher, geduldiger Protokollanten, rätselhafter Frauen in Trance. Nach dem Standardwerk von 1982 und dem Theoriekapitel in Irreducible Mind ist es der dritte und letzte Baustein von Gaulds Vermächtnis, und vielleicht der zugänglichste: Man kann es als Wissenschaftsgeschichte lesen, als Familiengeschichte der SPR und ASPR – oder als stille Mahnung, dass die beste Antwort auf eine schwierige Frage manchmal fünfzig Jahre Geduld ist.

Quellen: Alan Gauld: The Heyday of Mental Mediumship: 1880s–1930s. Investigators, Mediums and Communicators, White Crow Books 2022, ISBN 978-1-78677-185-8, Verlagsseite mit Inhaltsverzeichnis und Geleitworten: whitecrowbooks.com; zu Minnie Soule/„Mrs Chenoweth", Hyslop und dem Doris-Fall auch die Fallliteratur der ASPR (Hyslops Berichte) sowie John F. Thomas: Beyond Normal Cognition, Boston Society for Psychic Research 1937; biografisch: Psi Encyclopedia der SPR, psi-encyclopedia.spr.ac.uk; ergänzt um unsere Artikel zu „Mediumship and Survival", Leonora Piper/William James, den Cross-Correspondences, Irreducible Mind und Windbridge.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.