Die Robertson-Heilungsstudie

Veröffentlicht am 2026-07-23 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Im Oktober 2006 erfährt eine schottische Forscherin von einer Heilerin in Südengland, die „spektakuläre Verbesserungen" bei körperlichen Leiden bewirken soll. Sie tut, was in diesem Feld selten genug ist: Sie glaubt weder, noch winkt sie ab — sie entwirft ein Protokoll. Fünf Jahre später liegen 130 dokumentierte Fälle vor, mit Arztkontakten, Röntgenbildern und Videointerviews. Die „Ostensible Paranormal Healing Study" von Tricia Robertson und Prof. Archie Roy gehört zu den gründlichsten Falldokumentationen, die es über geistiges Heilen gibt — und ihr Abschlussbericht ist frei nachlesbar.

Vier Möglichkeiten — „nur die Untersuchung wird es zeigen"

Tricia Robertson, Mathematik- und Physiklehrerin und langjährige Präsidentin der Scottish Society for Psychical Research, war keine Anfängerin: Gemeinsam mit dem Glasgower Astronomieprofessor Archie Roy hatte sie zuvor die bis heute viel zitierten Glasgow-Mediumship-Experimente durchgeführt, bis hin zu dreifach verblindeten Bedingungen. Als sie von den Heilungsansprüchen der Nina Knowland aus Bradford on Avon hörte, formulierte sie an ihre Forscherkollegen vier Möglichkeiten: Die Heilerin täusche sich selbst; sie betrüge; sie sei echt, überschätze aber ihre Erfolge; oder sie bewirke tatsächlich „Besserungen, die sich mit normal akzeptierten Mitteln nicht erklären lassen". Ihr Schluss: „Nur durch Untersuchung werden wir es wissen!" Die Forschungsgruppe PRISM finanzierte die Reisen; Roy kam als zweiter Forscher und Zeuge mit — denn Forscher, so Robertson, sollten immer zu zweit arbeiten.

Das Protokoll

Für jeden Patienten wurde ein Aktenblatt geführt: Kontaktdaten, behandelnder Arzt oder Klinik, Diagnose — und wo möglich medizinische Belege von vor und nach der Heilung, vom Hausarztbrief über Klinikberichte bis zum Röntgenbild. Die Patienten lieferten schriftliche Zeugnisse, viele wurden zusätzlich einzeln auf Video interviewt und ihre Aussagen gegen die früheren schriftlichen Berichte geprüft. Auch die Heiler mussten Auskunft geben: Hände auf oder über dem Körper? Ein verändertes Bewusstsein während der Heilung — Überschattung, Halbtrance, Trance? Was spürte der Patient währenddessen? So entstand über die Jahre eine Datenbank, die vier Heiler umfasste: Nina Knowland, Gary MannionAndy Porter und Steve Stone.

Erste Zahlen: die Knowland-Fälle

Nach den ersten dreißig dokumentierten Behandlungen bei Knowland notierte Robertson trocken: „Daran besteht kein Zweifel — hier geht etwas ‚Ungewöhnliches' vor." 86 Prozent der Patienten spürten Hitze von den Händen der Heilerin, 80 Prozent berichteten ein sehr schnelles Ende ihrer Schmerzen, 37 Prozent ein Blubbern, Ploppen oder Flattern im Körperinneren — und jeder Fünfte das Gefühl, dass „jemand" in seinem Körper arbeite. Bemerkenswert daran: Die Patienten kannten einander nicht, beschrieben aber immer wieder dasselbe. Knowlands beste Ergebnisse sah Robertson bei Frauenleiden, Hämorrhoiden und Gallensteinen; eine Augenheilung nennt der Bericht schlicht „spektakulär".

Glasgow, August 2008: der kontrollierte Test

2008 stießen weitere Heiler zur Studie, darunter der junge Gary Mannion, der als „Psychic Surgeon" mit einem geistigen Helfer arbeitet. Für ihn organisierte Robertson die härteste Prüfung der Studie: Sie holte ihn nach Glasgow und stellte selbst die Probanden — fünfzehn Personen mit klar diagnostizierten Leiden, die einzeln vor und nach der Behandlung auf Video interviewt wurden. Das Ergebnis: 46 Prozent berichteten eine sofortige Besserung, weitere 13 Prozent innerhalb von Tagen bis einer Woche; nach einem Monat waren acht der fünfzehn gebessert, „einige in einem Ausmaß, das sie selbst nicht glauben können". In der Gesamtschau attestierte der Bericht Mannion „herausragende" Ergebnisse bei Skelett-Beschwerden — etwa im Fall einer Jurastudentin mit röntgenologisch bestätigtem Fersensporn, deren Schmerz in der Nacht nach der Behandlung erst heftig aufflammte und am Morgen verschwunden war — dauerhaft, wie ihr späteres schriftliches Zeugnis festhält.

130 Fälle

Am Ende der Studie standen 130 dokumentierte Beschwerden: 44 skelettale, 23 organische, 4 emotional begründete und 59 gemischte Fälle. 101 der 130 zeigten eine Besserung nach einer einzigen Sitzung. 78 Patienten spürten Hitze, 46 innere Bewegungen, 46 fast sofortige Schmerzlinderung, zwei beschrieben ein Gefühl wie unter Narkose. Dem naheliegenden Einwand, die Patienten wären ohnehin gesund geworden, begegnet Robertson mit dem Timing: Dann sei doch seltsam, dass die Besserung unmittelbar oder kurz nach der Heilung eintrat.

Was die Studie ist — und was nicht

Robertson selbst zieht die Grenzen ihrer Arbeit klarer als mancher Kritiker: Jeder einzelne Fall, schreibt sie, ließe sich für sich genommen „zernagen" — erst zusammen ergeben sie eine Datenbank, die weitere kontrollierte Forschung nahelegt. Emotional begründete Fälle seien kaum bewertbar. Und sie benennt ein Problem, das sie aus der Mediumship-Forschung kannte: Wer aus eigenem Antrieb zu einem Heiler geht, kommt aus großer Not — wer als Proband an einer Studie teilnimmt, nicht unbedingt; man vergleicht also nicht Gleiches mit Gleichem. Es ist eine Falldokumentation mit medizinischer Korroboration, keine randomisierte klinische Studie — wie eine solche im Heilerbereich aussehen kann, zeigt die brasilianische RCT zum spiritistischen Passe. Die SPR-Besprechung der später veröffentlichten Fälle merkte zudem an: Die Teilnehmer berichteten großen Nutzen — ob dabei Verstorbene im Spiel waren, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Für die dokumentierten Besserungen selbst ändert das nichts. Fünfzehn der Fälle veröffentlichte Robertson im Kapitel „Paranormal Healing" ihres Buchs „More Things You Can Do When You're Dead" (2015); der vollständige Abschlussbericht steht auf ihrer Website.

Quellen: Tricia J. Robertson, „Ostensible Paranormal Healing Study" (Abschlussbericht, Dezember 2011; alle Zahlen und Zitate daraus); ihre Website triciarobertson.weebly.com; Tricia J. Robertson, More Things You Can Do When You're Dead (2015) mit der Besprechung der SPR.

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