Michael Sabom: Der Kardiologe, der die veridische Wahrnehmung messbar machte

Veröffentlicht am 2026-06-10 · 12 Min. Lesezeit

Die meisten Pioniere der Nahtodforschung waren von Anfang an überzeugt. Michael Sabom war das Gegenteil: ein nüchterner Kardiologe, der antrat, den ganzen „Unsinn" zu widerlegen — und am Ende den ersten wirklich harten Beleg für etwas lieferte, das eigentlich unmöglich sein sollte. Seine Geschichte ist die seltene eines Skeptikers, den seine eigenen Daten umstimmten.

Der Skeptiker, der widerlegen wollte

Mitte der 1970er war Michael Sabom Assistenzprofessor für Kardiologie an der Emory University. Als Raymond Moodys Bestseller Leben nach dem Tod erschien, bat ihn eine Kollegin, im Gemeindekreis darüber zu referieren. Sabom hielt das für Anekdoten und Wunschdenken — und beschloss, die Sache richtig zu prüfen, um sie zu entkräften. Daraus wurde eine fünfjährige Studie mit über hundert reanimierten Patienten. Was er fand, zwang ihn, seine Meinung zu ändern.

Die Kontrollgruppe — sein methodischer Geniestreich

Saboms entscheidende Idee hebt ihn von bloßen Geschichtensammlern ab. Wenn Patienten behaupten, sie hätten ihre eigene Wiederbelebung „von oben" beobachtet — wie gut ist diese Schilderung wirklich? Um das zu prüfen, brauchte er einen Maßstab. Also befragte er eine Kontrollgruppe: erfahrene Herzpatienten ohne Nahtoderfahrung, die schon Reanimationen erlebt oder gesehen hatten. Sie sollten beschreiben, wie eine solche Wiederbelebung abläuft.

Das Ergebnis war eindeutig: Jeder einzelne Bericht der Kontrollgruppe enthielt mindestens einen groben Fehler — falsche Geräte, falsche Abläufe, Hollywood-Bilder statt OP-Realität. Genau das erwartet man von Laien, die raten. Die Gegenprobe:

Von den Patienten, die während ihres Herzstillstands eine außerkörperliche („autoskopische") Wahrnehmung berichteten, gaben 26 von 32 eine durchweg zutreffende Schilderung ihrer Reanimation — und die übrigen sechs sogar eine derart präzise, dass sie sich Punkt für Punkt mit den vertraulichen Krankenakten deckte.

Wer rät, macht Fehler. Wer wirklich zugesehen hat, nicht. Damit hatte Sabom als Erster den Unterschied zwischen einer eingebildeten und einer überprüfbaren Wahrnehmung sauber herausgearbeitet — der Grundstein der gesamten veridischen Nahtodforschung.

„Recollections of Death" (1982)

Diese Befunde veröffentlichte Sabom in Recollections of Death: A Medical Investigation (1982), gestützt auf rund 116 Interviews. Das Buch gilt bis heute als ein Gründungsdokument der wissenschaftlichen NTE-Forschung — und als erster belastbarer Hinweis darauf, dass die außerkörperlichen Beobachtungen kein bloßes Hirngespinst sind. Bemerkenswert ist die Tonlage: kein Bekehrungseifer, sondern die widerwillige Schlussfolgerung eines Mannes, der etwas gemessen hat, das er nicht erwartet hatte.

„Light and Death" (1998) und die Atlanta-Studie

Sechzehn Jahre später legte Sabom mit Light and Death nach. Kern ist die Atlanta-Studie (1994–1998): 160 Patienten, von denen 47 eine sorgfältig dokumentierte Nahtoderfahrung durchlebten. In dieses Buch fällt auch der berühmteste Einzelfall der ganzen Disziplin — die Operation von Pam Reynolds unter Herzstillstand und flachem EEG, deren veridische Wahrnehmungen Sabom mit dem OP-Team abglich.

Zugleich änderte sich der Ton. Sabom, gläubiger Christ, deutete die Befunde nun ausdrücklich in einem konservativ-christlichen Rahmen — und ging auf Distanz zu den eher „spirituell-universalistischen" Lesarten, die im Feld verbreitet waren.

Die „Religionskriege" der NTE-Szene

Das blieb nicht ohne Folgen. Sein langjähriger Kollege Kenneth Ring — selbst einer der Großen des Feldes — reagierte scharf und veröffentlichte 2000 im Journal of Near-Death Studies einen Aufsatz mit dem vielsagenden Titel „Religious Wars in the NDE Movement". Ring warf Sabom Verzerrungen und eine weltanschauliche Agenda vor; Sabom konterte ebenso deutlich.

Dieser Streit ist mehr als eine Fußnote. Er zeigt etwas, das diese Seite immer wieder betont — die Symmetrie: Auch die NTE-Forschung ist nicht frei von Lagern und Dogmen. Dieselben Daten werden je nach Weltbild christlich, universalistisch oder reduktionistisch gerahmt. Das entwertet die Befunde nicht, mahnt aber zur Vorsicht in alle Richtungen — genau die Haltung, die auch Die Psychologie der Skeptiker-Abwehr beschreibt, nur hier einmal nach innen gewendet.

Was bleibt

Man kann über Saboms Theologie streiten — sein methodischer Beitrag steht davon unberührt. Die Kontrollgruppen-Idee von 1982 ist die Blaupause für alles, was danach kam: für die statistische Auszählung von Janice Holden, die prospektiven Herzstillstand-Studien von Pim van Lommel und das Messinstrument von Bruce Greyson. Wer wissen will, warum „veridische Wahrnehmung" überhaupt ein ernstzunehmender Begriff ist und nicht bloß eine fromme Behauptung, landet am Anfang dieser Spur — bei einem Kardiologen, der eigentlich nur widerlegen wollte.

Quellen

  • Sabom, M. (1982): Recollections of Death: A Medical Investigation. Harper & Row — die Kontrollgruppen-Studie; 32 autoskopische Fälle, 26 zutreffend, 6 hochpräzise.
  • Sabom, M. (1998): Light and Death. One Doctor's Fascinating Account of Near-Death Experiences. Zondervan — die Atlanta-Studie (160 Patienten, 47 NTE) und der Fall Pam Reynolds.
  • Ring, K. (2000): Religious Wars in the NDE Movement: Some Personal Reflections on Michael Sabom's Light and Death. Journal of Near-Death Studies 18(4) — die Kontroverse.
  • Zur Biografie: Michael Sabom, Kardiologe, vormals Emory University; Studie an der University of Florida / am VA Medical Center.