Mendelejew und der Periodensystem-Traum

Veröffentlicht am 2026-06-27 · Lesezeit ca. 11 Minuten

Keine Traum-Entdeckung wird häufiger zitiert als diese: Dmitri Mendelejew soll das ganze Periodensystem der Elemente im Traum gesehen haben – fertig, als hätte ihm jemand die Tafel hingelegt. Es ist die berühmteste Geschichte unseres kleinen Traum-Genres – und zugleich die am schwächsten belegte. Gerade deshalb ist sie der richtige Abschluss der Reihe um Loewi, Kekulé, Tesla und Ramanujan: Sie zeigt, wo die Grenze zwischen Inspiration und Legende verläuft.

Was Mendelejew wirklich leistete

Dmitri Iwanowitsch Mendelejew (1834–1907), geboren im sibirischen Tobolsk, war ein russischer Chemiker von außerordentlicher Spannweite. 1869 formulierte er das Periodengesetz: Ordnet man die Elemente nach steigendem Atomgewicht, kehren ihre chemischen Eigenschaften periodisch wieder. Sein Geniestreich war nicht nur das Sortieren, sondern der Mut zur Lücke: Wo die Periodizität ein Element verlangte, das niemand kannte, ließ er einen Platz frei und sagte dessen Eigenschaften voraus. Als „Eka-Aluminium", „Eka-Silizium" und „Eka-Bor" wenige Jahre später tatsächlich gefunden wurden – als Gallium, Germanium und Scandium, mit verblüffend genau getroffenen Eigenschaften –, war das System glänzend bestätigt. Das ist Mendelejews bleibende Leistung, ganz ohne Traum.

Die Traum-Legende

Die Geschichte selbst stammt nicht von Mendelejew, sondern aus zweiter Hand – vom Geologen und Universitätskollegen Alexander Inostranzew (1843–1919). Seiner Darstellung zufolge hatte Mendelejew sie ihm persönlich erzählt; Inostranzew gab die Anekdote später gern vor seinen Studenten zum Besten, und niedergeschrieben wurde sie erst in seinen Erinnerungen, die nach Mendelejews Tod (1907) erschienen. Demnach habe der erschöpfte Mendelejew nach drei schlaflosen Tagen über der Anordnung der Elemente gebrütet, sei schließlich eingeschlafen und habe im Traum eine Tabelle gesehen, „in der alle Elemente genau an den erforderlichen Platz fielen"; er sei erwacht, habe sie sofort notiert – und nur eine einzige Stelle später korrigieren müssen. So eingängig das klingt: Es ist ein einzelner Bericht aus dem Umfeld, den Mendelejew selbst nie bestätigt hat – im Gegenteil verwies er stets auf lange, harte Arbeit.

Warum die Legende wackelt

Hier ist die nötige Ehrlichkeit – und sie fällt deutlicher aus als bei den anderen Fällen.

  • Eine einzige Quelle aus zweiter Hand. Es existiert kein Traumbericht von Mendelejew. Die Fachliteratur (etwa eine Analyse in der Zeitschrift Dreaming, 1995) stuft die Geschichte als wahrscheinlich legendenhaft ein – mehrfach zitiert, aber nie belegt.
  • Die Entwürfe erzählen anders. Mendelejews erhaltene Arbeitsblätter vom 17. Februar 1869 (russischer Kalender) zeigen ein mühsames, schrittweises Hin und Her – er schob Karten mit Elementnamen wie bei einer Patience („chemische Patience") hin und her. Der Archivforscher B. Kedrow schloss daraus, dass die Tabelle vor dem angeblichen Traum schon weitgehend stand; ein Traum mag später eine verbesserte Darstellung gezeigt haben, aber er schuf sie nicht aus dem Nichts.
  • Von Mendelejew selbst gibt es dazu kein verlässliches Zeugnis. Er hat den Traum nirgends eigenhändig festgehalten – aber ebenso wenig liegt ein eigenhändiges Dementi vor. Der oft als Gegenbeweis angeführte Ausspruch – er habe jahrelang über das Problem nachgedacht, und dann meine man, man sitze da und plötzlich sei alles fertig – ist seinerseits nur überliefert (die genannte Jahreszahl schwankt je nach Erzählung) und steht damit auf demselben anekdotischen Boden wie die Traumgeschichte. Manche Historiker vermuten sogar, Mendelejew habe solche Legenden im Alter eher noch gepflegt. Verlässlich ist deshalb nicht, was er gesagt haben soll, sondern was er hinterlassen hat: seine Arbeitsentwürfe.

Eine vorsichtige Lesart lautet also: Die Tabelle wuchs aus anhaltender Denkarbeit; falls ein Traum überhaupt eine Rolle spielte, dann womöglich eher begleitend oder klärend als allein schöpferisch (so der Archivforscher Kedrow). Die romantische Version – die fertige Tafel als bloßes Geschenk des Schlafs – ist durch die Quellen nicht gedeckt; ganz ausschließen lässt sie sich aber ebenso wenig. Sicher ist vor allem das eine: die lange, geduldige Arbeit dahinter.

Der Äther auf Position null

Ein Detail, das viele überrascht und gut zeigt, dass auch dieses System keine vom Himmel gefallene Endform war: Mendelejew versuchte um 1902–1904, den damals noch geglaubten Lichtäther als chemisches Element in seine Tabelle aufzunehmen. Er dachte ihn sich als extrem leichtes, reaktionsträges Gas – leichter als Wasserstoff – und nannte es „Newtonium" (dazu ein hypothetisches „Coronium"). Angeregt durch die frisch entdeckten Edelgase (die „Gruppe null") platzierte er den Äther in einer Gruppe null, Periode null: ganz oben, vor dem Wasserstoff – also auf der Null-Position an der Spitze des Systems.

Mit dem Ende des Äther-Konzepts – dem Michelson-Morley-Experiment und Einsteins Spezieller Relativitätstheorie (1905) – verschwand dieser Eintrag wieder. Das beliebte Bild „auf Platz eins stand der Äther, der später entfernt wurde" trifft also den Kern: Es war keine Verdrängung des Wasserstoffs, sondern eine eigene Null-Position oberhalb von ihm – aber ja, der Äther stand an der Spitze und wurde gestrichen.

Ein Skeptiker, ausgerechnet

Eine Pointe am Rande, die zur Nüchternheit dieses Falls passt: Mendelejew begegnete dem damals grassierenden Spiritismus erkennbar skeptisch – und das aus eigenem Antrieb. 1875 regte er selbst eine Kommission der Russischen Physikalischen Gesellschaft an (es war also keine ihm zugeteilte Pflicht), die an der Petersburger Universität spiritistische Medien prüfte. Ein wörtliches Selbstbekenntnis als „Gegner" findet sich in seinen Schriften zwar nicht ohne Weiteres – sein Vorgehen aber spricht eine deutliche Sprache. In ihrem amtlichen Schlussurteil von 1876 formulierte sie hart: Die Phänomene beruhten auf unbewussten Bewegungen oder bewusster Täuschung, und die spiritistische Lehre sei „Aberglaube". Dieser pauschale Satz – von wenigen geprüften Medien auf den Spiritismus insgesamt – ist allerdings die zugespitzte Schlussformel der Kommission, nicht unbedingt Mendelejews eigene Beweisführung. Ihm selbst ging es, wie sein Biograf Michael Gordin herausarbeitet, weniger um den Nachweis, dass jedes Medium betrüge, als um eine Grenzziehung: Über Naturphänomene solle die Wissenschaft urteilen und nicht die Séance, und außergewöhnliche Behauptungen müssten sich unter kontrollierten Bedingungen beweisen lassen. Zurück wies er den unbewiesenen Anspruch – das ist Beweislast-Logik, nicht der Schluss vom kleinen Sample auf alle. Die pauschale Verallgemeinerung selbst bestritten denn auch die Spiritisten um Alexander Aksakow (Gegenschrift 1883). Seine Argumente samt den Sitzungsprotokollen veröffentlichte er 1876 in einem eigenen Buch, Materialien zur Beurteilung des Spiritismus (so auch ausführlich bei seinem Biografen Michael Gordin). Der Mann, mit dem die Nachwelt die schönste Traum-Geschichte verband, ging mit übersinnlichen Ansprüchen also betont prüfend um – ein weiteres Indiz, dass die fertig-geträumte Tafel schlecht zu ihm passt.

Was bleibt – und was der Fall lehrt

Damit schließt sich unser Traum-Bogen mit einem heilsamen Kontrast. Bei Otto Loewi lieferte der Traum ein prüfbares Experiment, das die Prüfung bestand – der starke Fall. Bei Mendelejew ist der Traum dagegen vor allem eine nachträgliche Erzählung aus zweiter Hand, die über Jahre methodischer Arbeit gelegt wurde und für die jedes eigenhändige Zeugnis fehlt – der schwache Fall. Beide gehören zusammen, weil sie dieselbe Grenze von zwei Seiten zeigen.

Die Lehre ist nicht „Träume sind unwichtig", sondern: Eine eingängige Geistesblitz-Geschichte ist noch kein Beweis dafür, dass die Einsicht so entstanden ist. Schöpferische Arbeit ist meist lange, geduldige Vorbereitung – aus der ein Einfall (manchmal im Halbschlaf) die fehlende Form schöpft, die dann wach geprüft werden muss. Genau diese Unterscheidung – offen für die Eingebung, streng im Beleg – zieht sich durch alle fünf Porträts und durch diese ganze Seite. Mehr zur Grundfrage in unserem Beitrag zur Annahme, das Gehirn erzeuge das Bewusstsein.

Quellen:
• Michael D. Gordin, A Well-Ordered Thing. Dmitrii Mendeleev and the Shadow of the Periodic Table, Revised Edition, Princeton University Press, Princeton 2019 (ISBN 978-0-691-17238-5) – die maßgebliche Biografie, u. a. zur Äther-Episode und zu Mendelejews Spiritismus-Kritik.
What Do We Really Know About Mendeleev's Dream of the Periodic Table? A Note on Dreams of Scientific Problem Solving, in: Dreaming 5(4), 1995 (doi) – die kritische Prüfung der Traum-Anekdote.
• D. Mendelejew, Über die Beziehungen der Eigenschaften zu den Atomgewichten der Elemente, Zeitschrift der Russischen Chemischen Gesellschaft, 1869 – die Erstveröffentlichung des Periodengesetzes.
• D. Mendelejew, Materialien zur Beurteilung des Spiritismus (russ. „Materialy dlja suždenija o spiritizme"), St. Petersburg 1876 – Mendelejews eigene Schrift gegen den Spiritismus.

Weiter in unserer kuratierten Wissenssammlung – siehe die Schwester-Beiträge zu Otto Loewis Traum-Experiment, zu Kekulés Benzolring-Traum, zu Nikola Teslas Visionen und zu Ramanujan und der Göttin Namagiri sowie zur Frage nach Gehirn und Bewusstsein.