Kekulés Traum schenkte ein Bild, Ramanujans Träume schenkten Formeln – aber der Fall Otto Loewi ist noch einen Schritt erstaunlicher: Sein Traum lieferte ein vollständiges, durchführbares Experiment. Er stand mitten in der Nacht auf, ging ins Labor – und das, was er träumte, führte 1936 zum Nobelpreis. Klingt zu schön? Genau deshalb lohnt der genaue Blick: Was hat der Traum wirklich geleistet, und was war schon vorher da?
Die Streitfrage: „Suppen oder Funken"
Otto Loewi (1873–1961), ein in Deutschland geborener Pharmakologe, der lange in Graz forschte, stand vor einem der großen offenen Probleme der Physiologie: Wie spricht ein Nerv mit dem Organ, das er steuert? Geschieht die Übertragung rein elektrisch (die „Funken") oder über einen chemischen Botenstoff (die „Suppen")? Um 1920 war das heftig umstritten, und niemand hatte einen sauberen Beweis. Loewi selbst hatte die Idee einer chemischen Übertragung schon Jahre zuvor (um 1903) gehabt – ihm fehlte nur ein Weg, sie zu prüfen.
Die zwei Nächte
Den Weg lieferte der Schlaf. In seiner autobiografischen Skizze (1960) erzählt Loewi die Geschichte selbst – sie spielt in der Osternacht (traditionell 1921 datiert):
„In der Nacht erwachte ich, machte Licht und kritzelte ein paar Notizen auf einen winzigen Zettel. Dann schlief ich wieder ein. Um sechs Uhr morgens fiel mir ein, dass ich in der Nacht etwas höchst Wichtiges aufgeschrieben hatte – aber ich konnte das Gekritzel nicht mehr entziffern. In der nächsten Nacht, um drei Uhr, kam die Idee zurück. Diesmal stand ich sofort auf, ging ins Labor und führte das Experiment am Froschherz durch."
Es ist diese Doppelnacht – die verlorene erste Notiz und die wiederkehrende Eingebung –, die die Geschichte so unvergesslich macht. Loewi wartete nicht bis zum Morgen; er wusste, dass ihm der Einfall sonst ein zweites Mal entgleiten könnte.
Das Experiment mit den zwei Froschherzen
Der Versuch ist von bestechender Einfachheit. Loewi präparierte zwei schlagende Froschherzen in Nährlösung. Beim ersten ließ er den Vagusnerv intact und reizte ihn – das Herz verlangsamte sich, wie erwartet. Dann nahm er die Flüssigkeit, die dieses erste Herz umspült hatte, und übertrug sie auf das zweite Herz, das gar keinen gereizten Nerv besaß. Und auch dieses zweite Herz wurde langsamer.
Damit war es bewiesen: Die Vagusreizung hatte einen chemischen Stoff in die Flüssigkeit abgegeben, der die Wirkung übertrug. Loewi nannte ihn zunächst schlicht „Vagusstoff". Später wurde er als Acetylcholin identifiziert – der erste bekannte Neurotransmitter. Ein entsprechender beschleunigender Stoff der Sympathikus-Reizung („Acceleransstoff") wies in Richtung des Adrenalins.
Die Folgen
Loewis Nachtversuch wurde zum Gründungsexperiment der Neuropharmakologie. Er entschied einen guten Teil des „Suppen-gegen-Funken"-Streits zugunsten der Chemie (das volle Bild kennt beides) und legte die Grundlage für das Verständnis, wie nahezu alle heutigen Psychopharmaka und viele Medikamente wirken: über die chemische Signalübertragung an den Synapsen. 1936 erhielt Loewi gemeinsam mit dem Briten Henry Dale den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „für ihre Entdeckungen über die chemische Übertragung der Nervenimpulse".
Die ehrliche Einordnung
So gut die Geschichte ist – sie verlangt drei nüchterne Präzisierungen, und keine schmälert sie.
- Der Traum lieferte das Experiment, nicht die Hypothese. Die Idee der chemischen Übertragung trug Loewi schon rund 17 Jahre mit sich herum. Der Traum gab ihm nicht den Gedanken, sondern den entscheidenden Versuchsaufbau, um ihn endlich zu testen. Das ist ein Musterfall von Inkubation: Ein lang vorbereiteter Geist empfängt im Halbschlaf die fehlende Form.
- Der erste Versuch war heikel. Das Experiment gelang in seiner rohen Erstfassung nur unter günstigen Bedingungen (Temperatur, Jahreszeit, Froschart); Kollegen taten sich anfangs schwer mit der Wiederholung, und Loewi selbst räumte ein, Glück gehabt zu haben. Erst die spätere Verfeinerung machte den Befund robust und unbestreitbar.
- Erzählt hat er es spät. Wie bei Kekulé stammt die ausgeschmückte Traumschilderung aus dem Rückblick (1960, fast vier Jahrzehnte danach). Das macht den Kern – ein nächtlicher Einfall, sofort ins Labor umgesetzt – nicht unglaubwürdig, mahnt aber zur Vorsicht bei den Details.
Was bleibt
Loewi ist der stärkste Fall des kleinen Clusters um Kekulé, Tesla und Ramanujan – denn anders als ein Bild oder eine Formel war seine Eingebung sofort prüfbar und hat die Prüfung (nach Verfeinerung) bestanden. Gerade darin liegt die Lehre, dieselbe, die Kekulé formulierte: Das Unbewusste kann eine Hypothese oder sogar ein ganzes Experiment liefern – aber erst das wache Labor entscheidet, ob es trägt. Träumen und prüfen sind keine Gegensätze, sondern zwei Schritte derselben Entdeckung.
Dass schöpferische Einsicht so oft den Umweg über einen bildhaften, halbbewussten Zustand nimmt, bevor der diskursive Verstand nachzieht, bleibt bemerkenswert – kein Beweis für etwas Übernatürliches, aber eine ehrliche Erinnerung daran, wie wenig wir über die Quelle solcher Einfälle wissen. Mehr zur Grundfrage in unserem Beitrag zur Annahme, das Gehirn erzeuge das Bewusstsein.
Quellen:
• Otto Loewi, An Autobiographic Sketch, Perspectives in Biology and Medicine 4(1), 1960, S. 3–25 – die Primärquelle der Traumschilderung in Loewis eigenen Worten.
• Otto Loewi, Über humorale Übertragbarkeit der Herznervenwirkung. I. Mitteilung, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie 189, 1921, S. 239–242 – das Originalexperiment.
• Elliot S. Valenstein, The War of the Soups and the Sparks. The Discovery of Neurotransmitters and the Dispute Over How Nerves Communicate, Columbia University Press, New York 2005 (ISBN 978-0-231-13589-4) – die historische Einordnung des „Suppen-gegen-Funken"-Streits.
• Nobelprize.org, The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1936 (Loewi & Dale).
Weiter in unserer kuratierten Wissenssammlung – siehe auch die Schwester-Beiträge zu Kekulés Benzolring-Traum, zu Nikola Teslas Visionen und zu Ramanujan und der Göttin Namagiri sowie zur Frage nach Gehirn und Bewusstsein.
