Es klingt wie eine Legende, ist aber Srinivasa Ramanujans eigene Auskunft: Der vielleicht erstaunlichste Mathematiker des 20. Jahrhunderts führte seine Formeln auf eine Göttin zurück. Und das Bild von der Hand stimmt sogar wörtlich – in seiner Schilderung schrieb eine Hand die Formeln vor sein inneres Auge. Was ist daran biografisch belegt, und wo beginnt das, was sich grundsätzlich nicht prüfen lässt? Trennen wir das sauber – gerade weil die Geschichte so verführerisch ist.
Wer Ramanujan war
Srinivasa Ramanujan (geb. 22. Dezember 1887 in Erode, aufgewachsen in Kumbakonam, Tamil Nadu) war ein weitgehend autodidaktischer Mathematiker aus einer frommen tamilisch-brahmanischen Familie. Ohne reguläre Hochschulausbildung, im Wesentlichen anhand eines einzigen Formelbuchs, entwickelte er Tausende von Resultaten – zur Zahlentheorie, zu unendlichen Reihen, Kettenbrüchen und Partitionen –, die Fachleute teils erst Jahrzehnte später beweisen konnten. 1913 schrieb er einen Brief mit rund 120 Theoremen an den Cambridge-Mathematiker G. H. Hardy; dieser erkannte sofort, dass kein Hochstapler, sondern ein Ausnahmegenie schrieb. 1914 reiste Ramanujan nach England, wurde 1918 als einer der jüngsten Fellows in die Royal Society gewählt und starb früh, am 26. April 1920, mit nur 32 Jahren.
Namagiri – die Hausgöttin von Namakkal
Die Familie verehrte Namagiri Thayar, eine Form der Göttin Lakshmi, die im Tempel von Namakkal an der Seite ihres Gemahls, des Löwengottes Narasimha, verehrt wird. Namagiri war für Ramanujan keine ferne Gottheit, sondern die vertraute Schutzpatronin des Hauses. Schon seine Geburt verband die Familie mit einem Gebet an sie. In Ramanujans eigener Deutung war sie die Quelle seiner Mathematik: Sie zeige ihm die Formeln, er schreibe sie nur auf.
Die Schilderung: eine Hand schreibt auf eine rote Fläche
Hier wird die Frage des Lesers konkret beantwortet. Ramanujan beschrieb seine Eingebungen als Traumvisionen – und ja, eine Hand kommt darin wörtlich vor. In einer überlieferten Schilderung heißt es sinngemäß:
„Während ich schlief, hatte ich ein ungewöhnliches Erlebnis. Da war eine rote Fläche, wie aus fließendem Blut gebildet. Ich betrachtete sie. Plötzlich begann eine Hand, auf die Fläche zu schreiben. Ich wurde ganz Aufmerksamkeit. Diese Hand schrieb eine Reihe elliptischer Integrale. Sie hafteten in meinem Gedächtnis."
Die rote Fläche und das Blut verband Ramanujan mit Narasimha, dem Gemahl der Namagiri; das Schreiben selbst schrieb er der Göttin zu. Beim Erwachen hielt er die Formeln fest und prüfte sie nach. „Aus der Hand seiner Hausgöttin" ist also keine spätere Ausschmückung, sondern eine recht genaue Wiedergabe dessen, was Ramanujan selbst erzählte.
„Ein Gedanke Gottes"
Diese Erfahrung war eingebettet in eine durchgehend religiöse Sicht der Mathematik. Von Ramanujan ist der Satz überliefert:
„Eine Gleichung hat für mich keine Bedeutung, wenn sie nicht einen Gedanken Gottes ausdrückt."
Für ihn war das Auffinden einer Formel kein bloßes Konstruieren, sondern ein Entdecken von etwas, das in einer höheren Ordnung bereits bestand. Mathematische Wahrheit und göttliche Wirklichkeit waren in seinem Weltbild nicht zu trennen – eine Haltung, die ihn mit anderen Naturforschern verbindet, die ihre Wissenschaft religiös rahmten, etwa James Clerk Maxwell oder Max Planck.
Die Cambridge-Episode: als die Göttin die Reise erlaubte
Wie ernst die Familie Namagiri nahm, zeigt eine gut dokumentierte Episode. Als orthodoxer Brahmane durfte Ramanujan das Meer eigentlich nicht überqueren – die Reise nach Cambridge drohte am religiösen Tabu zu scheitern. Den Knoten löste die Göttin: Ramanujans Mutter hatte einen Traum, in dem Namagiri ihr befahl, dem Sohn nicht im Weg zu stehen. Erst danach trat er die Reise an. Die Hausgöttin steht damit nicht nur am Anfang seiner Formeln, sondern auch an der biografischen Weiche, ohne die es die Zusammenarbeit mit Hardy nie gegeben hätte.
Hardy: Bewunderung ohne den Glauben
In Cambridge traf eine spirituelle Welt auf ihr Gegenteil. G. H. Hardy war überzeugter Atheist und sah in Ramanujans Gabe eine tiefe mathematische Intuition, nicht das Wirken einer Göttin. Die religiöse Rahmung ließ er höflich beiseite – und bewunderte gerade deshalb die Resultate umso reiner. Berühmt ist seine halb scherzhafte „Rangskala" der Mathematiker, auf der er sich selbst 25 Punkte gab, seinem Kollegen Littlewood 30, David Hilbert 80 – und Ramanujan 100. Hier zeigt sich exemplarisch, wie zwei unvereinbare Weltbilder dieselben Gleichungen teilen konnten: Über die Mathematik waren sich beide einig, über ihre Quelle nie.
Was belegt ist – und was nicht
Trennen wir sauber. Biografisch belegt ist: Ramanujan hat seine Mathematik selbst der Göttin Namagiri zugeschrieben, hat die Traumvisionen samt der schreibenden Hand so geschildert und den „Gedanken Gottes" als Maßstab genannt; die Cambridge-Episode mit dem Traum der Mutter ist gut bezeugt. Sein Genie ist überdies real und bis heute teils rätselhaft – Resultate aus seinen Notizbüchern, etwa die sogenannten Mock-Theta-Funktionen, tauchten Jahrzehnte später in der modernen Physik und Zahlentheorie wieder auf.
Nicht prüfbar ist hingegen die übernatürliche Übertragung als solche. Dass eine Göttin ihm Formeln „gab", ist Ramanujans eigene, aufrichtige Deutung eines außergewöhnlichen kreativen Vorgangs – kein nachweisbares Ereignis. Eine psychologische Lesart würde von tief verankerter Intuition, von nächtlicher Verarbeitung und kulturell geprägter Bildsprache sprechen; das erklärt aber, ehrlich gesagt, nicht woher die oft erst spät bewiesene Richtigkeit dieser Formeln kam. Beide Lesarten stehen nebeneinander, und keine zwingt die andere nieder. Genau in dieser Offenheit liegt der Reiz des Falls.
Ramanujan gehört damit in die Reihe erstrangiger Naturforscher, deren Werk sich nicht auf ein rein materialistisches Selbstverständnis reduzieren lässt – nicht als Beweis für das Übernatürliche, sondern als ehrliche Erinnerung daran, dass die Quelle schöpferischer Einsicht offener ist, als ein geschlossenes Weltbild zugibt. Mehr zur Grundfrage dahinter in unserem Beitrag zur Annahme, das Gehirn erzeuge das Bewusstsein.
Quellen:
• Robert Kanigel, The Man Who Knew Infinity. A Life of the Genius Ramanujan, Charles Scribner's Sons, New York 1991 (ISBN 978-0-684-19259-8) – die maßgebliche Biografie.
• G. H. Hardy, Ramanujan. Twelve Lectures on Subjects Suggested by His Life and Work, Cambridge University Press, 1940.
• Bruce C. Berndt & Robert A. Rankin, Ramanujan: Letters and Commentary, American Mathematical Society / London Mathematical Society, 1995.
• S. R. Ranganathan, Ramanujan: The Man and the Mathematician, Asia Publishing House, 1967 – Quelle der Traumschilderung mit der schreibenden Hand.
Weiter in unserer kuratierten Wissenssammlung – siehe auch die Beiträge zu Maxwells Theologie, zu Planck über Religion und Naturwissenschaft, zu Heisenbergs „zentraler Ordnung" und zur Frage nach Gehirn und Bewusstsein.
