Das Böse im großen Maßstab kommt selten von Monstern. Es kommt von vielen gewöhnlichen Menschen, die aufgehört haben, mit sich selbst zu reden — die Urteil und Verantwortung an eine Obrigkeit, einen Befehl, einen Zeitgeist abgegeben haben, ohne selbst nachzudenken. Das ist, kurz gefasst, die unbequemste Einsicht von Hannah Arendt. Und sie ist viel genauer, als ihr berühmtester Satz vermuten lässt.
Der „banale Bürokrat" — ein berühmter Irrtum
Fast jeder kennt die Formel von der „Banalität des Bösen", die Arendt 1963 in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess prägte. Im Gedächtnis blieb ein Zerrbild: Adolf Eichmann, der Organisator der Deportationen, als grauer Schreibtischmann, der nur Befehle befolgte und gar nicht recht wusste, was er tat. Dieses Bild ist überholt. Die Philosophin Bettina Stangneth hat in Eichmann vor Jerusalem (2011) anhand seiner eigenen Aufzeichnungen und der sogenannten Sassen-Interviews gezeigt: Eichmann war ein überzeugter, ideologisch gefestigter Antisemit, der vor Gericht die Rolle des biederen Befehlsempfängers bewusst spielte — und Arendt ist ihm dabei aufgesessen.
Heißt das, ihr Begriff war wertlos? Nein — er war nur an die falsche Adresse gerichtet. Auf die wenigen Architekten des Massenmords passt „banal" nicht. Auf die vielen Hände, die mitmachten, passt er bis heute erschreckend gut. Genau dorthin lohnt es sich, den Blick zu lenken.
Die ganz normalen Männer
Das eindrücklichste Material dazu stammt nicht aus der Philosophie, sondern aus der Geschichtsforschung. Der Historiker Christopher Browning hat in Ganz normale Männer (1992) ein einzelnes Reserve-Polizeibataillon untersucht — das Bataillon 101, das 1942 im besetzten Polen an Massenerschießungen beteiligt war. Die Männer waren keine Fanatiker und keine SS-Elite: mittelalte Familienväter, Handwerker, Kaufleute, Arbeiter, für den Fronteinsatz zu alt. Beim ersten großen Massaker im Dorf Józefów erschossen sie an einem Tag rund 1.500 Frauen, Kinder und alte Menschen.
Das Entscheidende: Der kommandierende Offizier bot ausdrücklich an, dass jeder, der sich das nicht zutraute, zur Seite treten dürfe. Nur eine Handvoll Männer nahm das Angebot an. Es war also nicht der nackte Zwang — wer sich verweigerte, hatte keine Erschießung zu fürchten. Was die übrigen zum Mitmachen brachte, war ein Geflecht aus Gruppenkonformität, dem Wunsch, vor den Kameraden nicht als Schwächling dazustehen, Autoritätsbindung, Karrieredenken — und einer schrittweisen Gewöhnung, in der sich die moralischen Maßstäbe langsam verschoben. Hass war, so Brownings Befund, nicht der Hauptmotor.
Das ist genau die Dynamik, die der Beitrag Herdentrieb beim Menschen im Labor beschreibt — Aschs Konformität gegen die eigene Wahrnehmung, der soziale Preis des Abweichens. Bei Browning sieht man dieselbe Mechanik im historischen Ernstfall, wo es nicht um Linienlängen geht, sondern um Leben und Tod.
Drei Handgriffe, die einen Täter machen
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat diese Beobachtung in Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (2005) systematisiert. Seine nüchterne These: Wer nach besonderen Charakterdefekten der Täter sucht, sucht am falschen Ort — denn praktisch keine Gruppe von Menschen hat sich dem Töten kollektiv verweigert. Statt auf die Persönlichkeit schaut Welzer auf die Situation und nennt drei Mechanismen, die das Töten ermöglichen:
- Verantwortung delegieren — „Ich habe das nicht zu verantworten, ich führe nur aus."
- Dem Befehl nicht widersprechen — die kleine, alltägliche Entscheidung, im entscheidenden Moment einfach nicht „Nein" zu sagen.
- Sich innerlich von der Tat distanzieren — die Tat als Arbeit, als Pflicht, als technischen Vorgang umdeuten.
So wird, schreibt Welzer, das Morden binnen weniger Wochen zur „Arbeit", die man verrichtet wie andere auch. Und er zeigt, dass dieselbe Mechanik nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt ist: Sie wiederholt sich in Vietnam, in Ruanda, in Jugoslawien. Es ist kein deutscher Sonderfall, sondern eine menschliche Möglichkeit.
Gehorsam? — Milgram, ehrlich gelesen
An dieser Stelle fällt fast reflexhaft der Name Stanley Milgram. In seinem berühmten Experiment (ab 1961) verabreichten Versuchspersonen einem (in Wahrheit gespielten) Lernenden auf Anweisung eines Versuchsleiters scheinbar immer stärkere Stromschläge. Eine Mehrheit ging bis zur höchsten Stufe. Die Replikation von Jerry Burger (2009) bestätigte mit ethisch entschärftem Aufbau eine ähnliche Größenordnung (rund 70 % überschritten die 150-Volt-Marke).
Doch das populäre Etikett „der Mensch gehorcht blind" greift zu kurz — und das ist hier wichtig:
- Die Datenlage ist nicht so sauber, wie es scheint. Die Wissenschaftshistorikerin Gina Perry hat in Behind the Shock Machine aus Milgrams Archiv gezeigt, dass er Ergebnisse beschönigte und Versuchspersonen unter Druck setzte, weiterzumachen.
- Es war kein blinder Gehorsam. Die Sozialpsychologen Alex Haslam und Stephen Reicher deuten die Befunde als „engagierte Gefolgschaft": Die Probanden machten nicht weiter, weil sie ihr Gewissen ausschalteten, sondern weil sie sich mit einem vermeintlich guten Zweck — „der Wissenschaft" — identifizierten.
- Und genau das ist der Punkt: Sie schalteten nicht ab — sie übernahmen die fremde Deutung als ihre eigene, ohne sie zu prüfen.
Damit stützt Milgram, richtig gelesen, nicht die Karikatur vom Befehlsroboter, sondern Arendts feinere These. Es geht nicht um Knechtschaft, sondern um das Aussetzen des eigenen Prüfens.
Arendts eigentliche Entdeckung: Gedankenlosigkeit
Was Arendt am Eichmann-Prozess umtrieb, war am Ende nicht Eichmanns Person, sondern eine Frage, die sie in ihrem letzten, unvollendeten Werk Vom Leben des Geistes weiterverfolgte: Hängt die Fähigkeit, Böses zu unterlassen, vielleicht am Denken selbst? Ihr Verdacht war, dass nicht Dummheit und nicht angeborene Bosheit das Verheerendste sind, sondern die schiere Gedankenlosigkeit — das Nicht-bei-sich-Sein, das gewohnheitsmäßige Mitlaufen in vorgefertigten Phrasen. Schon ihr Bericht über Jerusalem schließt mit genau dieser Lektion:
„Daß eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen vielleicht innewohnenden bösen Triebe zusammen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte."
Wichtig ist, was Arendt unter „Denken" versteht — nichts Akademisches, keine Intelligenz im Sinne eines Tests. Sie meint das, was sie das „Zwei-in-Einem" nennt: das stille Zwiegespräch, das ich mit mir selbst führe. Im Nachdenken spalte ich mich gleichsam in einen, der fragt, und einen, der antwortet — und muss mir gegenüber Rechenschaft ablegen. Dieses Selbstgespräch ist anstrengend und beunruhigend, weil es das wieder fraglich macht, was „beim gedankenlosen Handeln über jeden Zweifel erhaben schien". Wer es führt, kann sich nicht so leicht selbst belügen. Wer es vermeidet, hat die innere Bremse abgeschaltet.
Die wenigen, die nicht mitmachten
Der eindrücklichste Teil von Arendts Denken ist ihre Antwort auf die Frage, die sich bei Browning aufdrängt: Was unterschied die wenigen, die sich verweigerten, von den vielen, die mitmachten? In ihrem Vortrag Persönliche Verantwortung in der Diktatur (1964) gibt sie eine überraschende Antwort. Es waren nicht die moralisch besonders Gebildeten mit den festesten Grundsätzen — denn feste Regeln, schreibt sie, lassen sich „über Nacht" austauschen, und wer nur an Regeln hängt, hält am Ende bloß an der Gewohnheit fest, sich an irgendetwas zu halten.
Die Standhaften zeichnete etwas anderes aus — ein Selbstverhältnis:
„… nicht weil sie das Gebot ‚Du sollst nicht töten' streng befolgt hätten, lehnten sie es ab zu morden, sondern eher deshalb, weil sie nicht willens waren, mit einem Mörder zusammenzuleben — mit sich selbst."
Das ist der Kern. Die Voraussetzung dafür, schreibt Arendt, habe „nichts mit einem höheren Bildungsstand oder Intelligenz zu tun", sondern allein mit der Bereitschaft, ausdrücklich mit sich selbst zusammenzuleben — jenes stille Zwiegespräch zu führen, das wir seit Sokrates und Platon Denken nennen. Wer mit sich selbst im Gespräch bleibt, kann nicht zum Mörder werden, ohne fortan mit einem Mörder unter einem Dach zu wohnen. Und ihr nüchternster Befund über die Mehrheit lautet: Zusammengebrochen sei in den frühen Jahren des Regimes nicht zuerst die persönliche Verantwortung, sondern das persönliche Urteil.
Dasselbe gilt für das beliebte Argument vom „kleineren Übel" — man habe nur mitgemacht, um Schlimmeres zu verhüten. Arendts Einwand ist von kühler Klarheit: Wer das kleinere Übel wählt, vergisst sehr schnell, dass er ein Übel gewählt hat.
Das Gewissen als innere Instanz — und der Lebensrückblick
Hier schließt sich der Kreis zu den Themen dieser Seite. Arendts „stilles Zwiegespräch mit mir selbst" ist nichts anderes als eine genaue Beschreibung des Gewissens — und zwar eines Gewissens, das gerade nicht von außen kommt. Es ist nicht der Befehl, nicht die Mehrheit, nicht der Zeitgeist und nicht einmal die anerzogene Regel. Es ist die Selbstgegenwart des Bewusstseins, die innere Stimme, vor der man sich nicht verstecken kann, weil man sie selber ist. Das Böse entsteht dort, wo der Mensch diese Stimme verstummen lässt und sich von außen steuern lässt.
Es gibt einen erstaunlichen Berührungspunkt mit der Nahtodforschung. Eines der am häufigsten berichteten Elemente einer Nahtoderfahrung ist der Lebensrückblick — das panoramische Wiedererleben des eigenen Lebens, oft, und das ist das Entscheidende, aus der Perspektive der anderen: Man spürt, was man einem anderen Menschen angetan hat, von dessen Seite her. In Bruce Greysons jahrzehntelanger Forschung kehrt dieses Motiv immer wieder. Man muss daraus keine Letztgewissheit über das Jenseits ableiten, um die Parallele zu sehen: Was Arendt nüchtern philosophisch beschreibt — dass man am Ende mit sich selbst und allem, was man getan hat, zusammenleben muss —, taucht im Lebensrückblick als unmittelbares moralisches Erleben wieder auf. Der „Mörder, mit dem man nicht zusammenleben will", ist im Rückblick kein Bild mehr, sondern man selbst, der die eigene Tat von der anderen Seite fühlt.
Die unbequeme Symmetrie
Es wäre der bequemste und billigste Schluss, mit dem Finger auf „die Deutschen damals" zu zeigen. Genau das verfehlt die Pointe. Browning, Welzer und Arendt zeigen übereinstimmend, dass die beschriebene Mechanik nicht an eine Nation, eine Zeit oder eine Ideologie gebunden ist — sie ist eine ständige menschliche Möglichkeit, und sie wirkt in jeder Gruppe, auch in der eigenen, auch in der, die sich für die Guten hält. Dieselbe Symmetrie zieht sich durch die verwandten Beiträge über Konformität, über Propaganda und Massenmanipulation und über die Psychologie der Abwehr.
Das Gegenmittel ist deshalb kein heroisches und kein seltenes. Es ist still, alltäglich und jedem zugänglich, „ohne Rücksicht auf Bildungsstand oder Intelligenz": mit sich selbst im Gespräch zu bleiben, das eigene Urteil nicht abzugeben, im entscheidenden Moment nicht aus Bequemlichkeit mitzulaufen. Erst selbst prüfen und mit sich ins Reine kommen — dann handeln. Das Böse beginnt nicht mit dem Befehl. Es beginnt damit, dass jemand aufhört, mit sich selbst zu reden.
Quellen
- Arendt, H. (1964): Persönliche Verantwortung in der Diktatur. Dt. in: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? (Piper) — die Nicht-Mitmacher, das Zwiegespräch mit sich selbst, der Zusammenbruch des Urteils, das Argument vom kleineren Übel.
- Arendt, H. (1971/1978): Vom Leben des Geistes. Das Denken. — Gedankenlosigkeit, das „Zwei-in-Einem" des Denkens.
- Arendt, H. (1963/1964): Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. — das „Realitätsferne und Gedankenlosigkeit"-Zitat steht im Nachwort der erweiterten Ausgabe.
- Stangneth, B. (2011): Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders. — Korrektur des Bildes vom „gedankenlosen" Eichmann.
- Browning, C. R. (1992): Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung" in Polen. — Konformität, Gruppendruck, das Angebot, sich zu verweigern.
- Welzer, H. (2005): Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. — Verantwortung delegieren, nicht widersprechen, sich distanzieren.
- Milgram, S. (1974): Obedience to Authority. — das Gehorsamsexperiment.
- Burger, J. M. (2009): Replicating Milgram. American Psychologist 64(1) — ethisch entschärfte Replikation, ~70 % über 150 V.
- Perry, G. (2013): Behind the Shock Machine. — kritische Aufarbeitung von Milgrams Daten und Vorgehen.
- Haslam, S. A. & Reicher, S. D. (2012 ff.): „Engaged followership" — Gehorsam als aktive Identifikation, nicht als blindes Befolgen.
