Mit den wenigen wirklich Bösen an der Spitze, so der Gedanke, würde man fertig — sie sind eine kleine Gruppe, man könnte sie stellen. Das eigentliche Problem sind die Vielen, die ihnen kritiklos folgen, sich zu ihren Handlangern machen und sie damit erst mächtig werden lassen. Gegen diese Masse ist man dann praktisch wehrlos. Dieser Gedanke hat einen Namen und einen Ort: Dietrich Bonhoeffer nannte ihn „Dummheit", und er schrieb ihn 1942 mitten im Widerstand gegen das NS-Regime nieder.
Ein Text aus dem Widerstand
Zu Weihnachten 1942 verfasste der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) für seine engsten Mitverschwörer eine Bilanz mit dem Titel Nach zehn Jahren — zehn Jahre nach Hitlers Machtübernahme. Darin steht der kurze, berühmt gewordene Abschnitt „Von der Dummheit". Das Manuskript überlebte versteckt in einem Dachbalken im Haus seiner Eltern; Bonhoeffer selbst wurde 1943 verhaftet und im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet, zwei Wochen vor der Befreiung. Der Text ist also kein akademisches Gedankenspiel, sondern die nüchterne Beobachtung eines Mannes, der die Mechanik des Mitläufertums aus nächster Nähe und unter Lebensgefahr studierte.
Die These: Dummheit ist gefährlicher als Bosheit
Bonhoeffer beginnt mit einem Satz, der zunächst paradox klingt:
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als die Bosheit."
Der Gedanke dahinter ist kühl und praktisch. Gegen das Böse kann man etwas tun: Man kann es entlarven, ihm widersprechen, es notfalls mit Gewalt verhindern; das Böse trägt immer einen Keim der Selbstzersetzung in sich, weil es wenigstens ein Unbehagen hinterlässt. Bei der Dummheit ist das anders — und hier wird Bonhoeffer ganz konkret:
„Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden — in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch — und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden."
Wer das liest, erkennt sofort die Erfahrung wieder, mit einem überzeugten Mitläufer zu diskutieren: Argumente prallen ab, Fakten werden weggewischt, und ausgerechnet dort, wo man Einsicht erwartet, wird der andere störrisch. Deshalb Bonhoeffers nüchterne Warnung: „Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen."
Kein Intelligenz-, sondern ein Machtproblem
Hier kommt Bonhoeffers eigentliche Entdeckung, und sie ist es, die seinen Text so scharf macht. „Dummheit" meint bei ihm keinen Mangel an Intelligenz. Hochgebildete Menschen können dumm in diesem Sinne sein, einfache Menschen hellwach. Es handelt sich um einen menschlichen, einen moralischen Defekt — und vor allem um einen sozialen: Dummheit ist kein angeborener Zustand, sondern etwas, das unter bestimmten Umständen erzeugt wird. Bonhoeffer beobachtet:
„… jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, schlägt einen großen Teil der Menschen mit Dummheit."
Und er bringt das Verhältnis auf eine Formel, die genau deinen Gedanken trifft:
„Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen."
Das ist der Kern. Die wenigen Mächtigen an der Spitze sind nicht trotz, sondern dank der vielen Mitläufer mächtig. Macht entsteht nicht aus sich selbst — sie wird von der kritiklosen Gefolgschaft erst erzeugt. Der Einzelne gibt im Sog der Bewegung seine Urteilskraft ab, „verzichtet" auf die eigene innere Selbständigkeit, und genau dieser Verzicht macht den Apparat erst stark. Nicht die Spitze macht die Masse dumm, weil sie schwach wäre; die dumm gewordene Masse macht die Spitze stark.
Der Mitläufer als willenloses Werkzeug
Was diesen Zustand so gefährlich macht, beschreibt Bonhoeffer mit erschreckender Genauigkeit. Der Mensch, der seine Urteilskraft abgegeben hat, ist nicht einfach harmlos-naiv. Er ist verfügbar geworden:
„So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen."
Das ist die Antwort auf die Frage, wie Verbrechen im großen Maßstab möglich werden, ohne dass die Ausführenden Monster sein müssen. Sie müssen nur verfügbar sein — Werkzeug, das funktioniert und dabei das eigene Tun nicht mehr als das erkennt, was es ist. Es ist dieselbe Beobachtung, die im Beitrag über die „ganz normalen Männer" aus der historischen Forschung kommt: keine Fanatiker, sondern Verfügbare.
Bonhoeffer und Arendt: zwei Zeugen, eine Diagnose
Es ist bemerkenswert, dass zwei sehr verschiedene Menschen unabhängig voneinander zur fast gleichen Einsicht kommen. Bonhoeffer, der protestantische Theologe, schreibt 1942 im Widerstand über die „Dummheit". Hannah Arendt, die jüdische Philosophin, prägt 1963 nach dem Eichmann-Prozess den Begriff der Gedankenlosigkeit (ausführlich im Beitrag Gehorsam und das Böse). Beide sagen im Grunde dasselbe: Die Katastrophe sitzt nicht bei einer Handvoll Bösewichter, sondern bei den Vielen, die aufgehört haben, selbst zu urteilen.
Die Begriffe ergänzen sich sogar. Arendt beschreibt das Wie von innen — das Aussetzen des stillen Zwiegesprächs mit sich selbst. Bonhoeffer beschreibt das Wodurch von außen — die Macht, die das Urteil betäubt. Und dieselbe Mechanik vermisst die Sozialpsychologie im Labor (siehe Herdentrieb beim Menschen) und in der Steuerung ganzer Bevölkerungen (siehe Propaganda und Massenmanipulation).
Die Auflösung: Befreiung, nicht Belehrung
An diesem Punkt könnte der Text in Resignation enden — wir sind ja angeblich „wehrlos". Doch Bonhoeffer dreht ihn entscheidend. Wenn Dummheit kein Wissensmangel ist, dann hilft auch kein Wissen dagegen:
„Es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte."
Man kann den Mitläufer nicht aus seiner Lage herausargumentieren — man kann ihm nur helfen, sich innerlich zu befreien. Und worin diese Befreiung besteht, sagt Bonhoeffer im Schlusssatz unmissverständlich:
„Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist."
Hier berührt Bonhoeffer genau die Linie, um die es auf dieser Seite immer wieder geht. Die rettende Instanz ist nicht äußerlich — nicht die Mehrheit, nicht der Apparat, nicht die richtige Information —, sondern eine innere: das Verantwortlich-Sein vor einem Höheren, vor dem man sich nicht verstecken kann. Das ist dasselbe innere Gericht, das Arendt als „mit sich selbst zusammenleben" beschreibt, nur theologisch gefasst. Wer eine innere Instanz über sich anerkennt, lässt sich nicht restlos zum Werkzeug machen.
Eine Warnung zum Schluss: was Bonhoeffer nicht gesagt hat
Gerade weil Bonhoeffer so zitierfähig ist, kursieren unter seinem Namen viele Sätze, die er nie geschrieben hat — etwa „Nicht zu handeln ist zu handeln" oder „Schweigen angesichts des Bösen ist selbst böse". So eingängig sie klingen: Sie sind nicht belegt, sondern spätere Zuschreibungen. Alle Zitate in diesem Beitrag stammen wörtlich aus Von der Dummheit — das Stück ist seit 2016 gemeinfrei und im Original frei nachlesbar. Diese Sorgfalt ist kein Nebenpunkt: Wer vor der kritiklosen Übernahme warnt, sollte sie nicht selbst betreiben.
Und damit gilt auch hier die unbequeme Symmetrie aus den Schwester-Beiträgen: Die „Macht braucht die Dummheit" wirkt in jeder Bewegung, jeder Zeit, jeder Gruppe — auch in der eigenen, auch in der, die sich für die Aufgeklärten hält. Das Gegenmittel bleibt dasselbe, das Bonhoeffer und Arendt von zwei Seiten benennen: die eigene innere Instanz nicht abzugeben. Erst selbst prüfen, vor sich selbst verantworten — dann folgen oder eben nicht.
Quellen
- Bonhoeffer, D. (1942/43): Von der Dummheit, aus: Nach zehn Jahren. In: Widerstand und Ergebung (Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8). Alle Zitate wörtlich aus dem gemeinfreien Original (Wikisource).
- Zum Lebenslauf und zur Hinrichtung 1945: Standardbiografien zu Dietrich Bonhoeffer (u. a. Eberhard Bethge).
- Hinweis zu Falschzitaten: „Nicht zu handeln ist zu handeln" u. ä. sind in Bonhoeffers Werk nicht nachweisbar.
- Vergleich: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem (1963) und Vom Leben des Geistes — siehe den Beitrag Gehorsam und das Böse.
