Das Milgram-Experiment: Was wirklich gemessen wurde — und was der Mythos daraus machte

Veröffentlicht am 2026-06-10 · 12 Min. Lesezeit

„65 Prozent gehen bis 450 Volt — der Mensch gehorcht blind." So steht Stanley Milgrams Gehorsamsexperiment in fast jedem Schulbuch. Der Satz ist halb wahr und halb Mythos. Das Experiment ist real und verstörend — aber was es tatsächlich gemessen hat, ist subtiler und interessanter als die Karikatur vom willenlosen Befehlsroboter. Und gerade die Korrektur dieses Mythos ist die eigentliche Lehre.

Der Aufbau

Stanley Milgram, Sozialpsychologe an der Yale University, begann seine Versuche 1961 — wenige Monate nach Beginn des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, der ihn direkt inspirierte. Die Frage: Wie weit gehen ganz normale Menschen, wenn eine Autorität es verlangt?

Über eine Zeitungsanzeige warb er Männer aus New Haven an (4,50 Dollar für die Teilnahme an einer angeblichen „Lern- und Gedächtnisstudie"). Im Labor trafen drei Personen zusammen: die echte Versuchsperson als „Lehrer", ein eingeweihter Schauspieler als „Schüler" und der Versuchsleiter im grauen Kittel. Der „Lehrer" sollte dem „Schüler" bei jedem Fehler einen Stromschlag verabreichen — an einem Generator mit 30 Schaltern von 15 bis 450 Volt, beschriftet bis „Gefahr: schwerer Schock" und schließlich „XXX". In Wahrheit floss kein Strom; der „Schüler" spielte nur Schmerz, Protest, ab einem Punkt Stille.

Wollte der „Lehrer" abbrechen, gab der Versuchsleiter vier festgelegte verbale Aufforderungen, die sogenannten Prods:

  1. „Bitte machen Sie weiter."
  2. „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen."
  3. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weitermachen."
  4. „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen."

Merke dir die Reihenfolge — sie wird am Ende noch wichtig.

Der berühmte Befund — und warum er in die Irre führt

In der oft zitierten Variante (Opfer im Nebenraum, nur hörbar) gingen 26 von 40 Versuchspersonen bis zu den vollen 450 Volt — die berühmten 65 %. Das Ergebnis schockierte 1963 die Fachwelt und passte scheinbar perfekt zur gerade laufenden Eichmann-Debatte: Offenbar bringt man fast jeden dazu, auf Befehl einen Unschuldigen zu quälen.

Der Haken: Diese 65 % stammen aus einer einzigen von rund zwei Dutzend Versuchsanordnungen. Milgram variierte den Aufbau systematisch — und sobald er es tat, brach die Gehorsamsrate dramatisch ein. Genau diese Varianten, nicht die eine Schlagzeile, sind der wissenschaftliche Kern.

Die Varianten: Gehorsam ist situativ, keine Konstante

Ein Auszug aus Milgrams eigenen Bedingungen, jeweils Anteil, der bis 450 Volt ging:

  • Opfer im selben Raum (sichtbar) — Gehorsam fällt auf 40 %.
  • Berührungsnähe (der „Lehrer" muss die Hand des Opfers auf die Schockplatte drücken) — 30 %.
  • Schäbiges Büro in Bridgeport statt der Yale-Kulisse — 47,5 %.
  • Versuchsleiter abwesend, Anweisungen nur per Telefon — nur noch ~21 %. Und auffällig: Manche logen den Versuchsleiter an und gaben vor, höhere Schalter zu drücken, als sie tatsächlich betätigten.
  • Zwei rebellierende Kollegen (eingeweihte „Lehrer", die aussteigen) — der Gehorsam bricht auf 10 % ein.
  • Zwei sich widersprechende Autoritäten — praktisch niemand macht weiter.

Das ist die eigentliche Botschaft, und sie steht quer zum Mythos: Gehorsam ist kein fester Charakterzug und keine menschliche Konstante, sondern eine Funktion der Situation. Rückt das Opfer näher, rückt die Autorität weg, oder zeigt nur ein Einziger, dass Widerstand möglich ist — und die Bereitschaft kippt. Dieselbe Befreiung durch einen einzigen Verbündeten kennt man aus Aschs Konformitätsforschung (siehe Herdentrieb beim Menschen).

Was Gina Perry im Archiv fand

2013 legte die Wissenschaftshistorikerin Gina Perry in Behind the Shock Machine die Tonbänder und Akten aus Milgrams Nachlass offen — und das Bild trübte sich erheblich:

  • Das Skript wurde überdehnt. Der Versuchsleiter (in der Hauptserie ein Mann namens John Williams) blieb nicht bei den vier Prods, sondern improvisierte, drängte, wiederholte — teils massiv. Milgram ließ das stillschweigend zu, je mehr es die Gehorsamsraten hob. Ein als hochstandardisiert dargestelltes Experiment war in Wahrheit oft ein situatives Aushandeln.
  • Viele Probanden glaubten nicht an die Schocks. Auf den Bändern äußern zahlreiche Teilnehmer Zweifel, ob wirklich Strom floss. Und entscheidend: Wer glaubte, dass echter Schaden entstand, gehorchte seltener. Ein guter Teil des „Gehorsams" könnte also Misstrauen gewesen sein — die Ahnung, in einer Inszenierung zu stecken.
  • Die Ethik-Darstellung stimmte nicht. Milgram behauptete eine sorgfältige Nachbesprechung; tatsächlich wurden viele Teilnehmer nicht zeitnah aufgeklärt und gingen in dem Glauben nach Hause, einem Menschen wehgetan zu haben.

Kein blinder Gehorsam: „engagierte Gefolgschaft"

Die wichtigste Neudeutung stammt von den Sozialpsychologen Alex Haslam und Stephen Reicher. Ihr Befund dreht den Mythos geradezu um. Erinnerst du dich an die vier Prods? Wertet man aus, welcher davon wirkte, zeigt sich:

Der vierte Prod — „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen" —, also der einzige, der ein echter Befehl ist, führte praktisch immer zum Abbruch. Wann immer der Versuchsleiter befahl, stieg die Versuchsperson aus.

Über alle Bedingungen hinweg sagte der Appell an das wissenschaftliche Ziel („Das Experiment erfordert es") das Weitermachen voraus — der nackte Befehl dagegen beendete es. Menschen folgten also nicht, weil sie sich unterwarfen, sondern weil sie sich mit einem vermeintlich guten Zweck identifizierten. Haslam und Reicher nennen das „engagierte Gefolgschaft": Wer sich mehr mit dem Versuchsleiter als mit dem Opfer identifizierte, ging weiter. Es geht nicht um Knechtschaft, sondern um die Übernahme einer fremden Deutung als eigene, ohne sie zu prüfen.

Die Ethik-Kontroverse

Schon 1964 warf die Psychologin Diana Baumrind Milgram vor, seine Probanden ohne echte Einwilligung erheblichem Stress ausgesetzt und ihr Wohl missachtet zu haben — und der Disziplin Schaden zugefügt zu haben. Die Debatte wurde zu einem Motor der modernen Forschungsethik: informierte Einwilligung, Ethikkommissionen (IRBs), Schutz der Teilnehmer. Als Jerry Burger das Experiment 2009 ethisch entschärft wiederholte (Abbruch bei 150 Volt, sorgfältige Vorauswahl), fand er mit rund 70 % jenseits der 150-Volt-Marke eine ähnliche Größenordnung wie Milgram — das Phänomen ist also nicht einfach verschwunden. Aber auch hier bleibt die Deutung offen: Bereitschaft weiterzumachen ist nicht dasselbe wie blinder Gehorsam.

Was wirklich übrig bleibt

Man kann das Experiment weder zum Beweis erklären, dass „in jedem ein Folterknecht steckt", noch es als bloßen Schwindel abtun. Die ehrliche Bilanz liegt dazwischen:

  • Menschen sind unter Autorität zu Erschreckendem fähig — aber hochgradig abhängig von der Situation.
  • Was wirkt, ist nicht der Befehl, sondern die Identifikation mit einem Zweck. Genau dort setzt das eigene Urteil aus.
  • Ein näher rückendes Opfer, eine fernere Autorität, ein einziger Verbündeter — und die Bereitschaft bricht. Widerstand ist nicht heroisch selten, sondern situativ machbar.

Damit ist Milgram, richtig gelesen, der experimentelle Beleg für genau das, was Hannah Arendt philosophisch und Dietrich Bonhoeffer theologisch beschreiben: Das Böse im großen Maßstab braucht keine Monster, sondern Menschen, die ihr eigenes Prüfen aussetzen und eine fremde Deutung übernehmen. Und dieselbe Dynamik beschreibt die Propaganda-Forschung auf der Ebene ganzer Gesellschaften. Den zweiten großen Laborklassiker zu dieser Frage — mit einer ganz ähnlichen Entzauberung — behandelt der Beitrag zum Stanford-Prison-Experiment.

Bleibt eine letzte, unbequeme Pointe — die in beide Richtungen gilt. Der Milgram-Mythos ist ein Lehrstück darüber, wie auch ein kanonischer Befund zum Klischee gerinnt und nachträglich korrigiert werden muss. Dieselbe Sorgfalt, die diese Seite gegenüber unbequemen Befunden (Nahtod, Mediumschaft) einfordert, gilt eben auch gegenüber den bequemen, längst „bewiesenen". Erst prüfen, dann glauben — auch wenn es im Schulbuch steht.

Quellen

  • Milgram, S. (1963): Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology 67 — die Basisstudie, 26 von 40 bis 450 V.
  • Milgram, S. (1974): Obedience to Authority. An Experimental View. — die Varianten und Milgrams (heute umstrittene) „agentic state"-Deutung.
  • Perry, G. (2013): Behind the Shock Machine. — Archiv- und Tonbandanalyse: improvisierte Prods, skeptische Probanden, Ethik-Diskrepanzen.
  • Haslam, S. A. & Reicher, S. D. (u. a. 2011–2014): „Engaged followership" / Nothing by mere authority. — der befehlsartige vierte Prod wirkte am schlechtesten; Identifikation statt Unterwerfung.
  • Baumrind, D. (1964): Some Thoughts on Ethics of Research. American Psychologist 19 — die ethische Grundsatzkritik.
  • Burger, J. M. (2009): Replicating Milgram. American Psychologist 64(1) — ethisch entschärfte Teilreplikation, ~70 % über 150 V.