Surviving Death

Veröffentlicht am 2026-07-21 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Es kommt selten vor, dass sich ein großer Streamingdienst sechs Stunden Zeit für die Frage nimmt, ob mit dem Tod alles vorbei ist. „Surviving Death" tut genau das – und geht dabei einen Weg, der ungewöhnlich ist: Die Serie erklärt nicht, sie führt vor. Menschen erzählen, Medien arbeiten vor laufender Kamera, Forscher ordnen ein. Wer sich für Jenseitskontakte interessiert, findet hier das derzeit sichtbarste Fenster in dieses Feld.

Woher die Serie kommt

Grundlage ist das Buch „Surviving Death: A Journalist Investigates Evidence for an Afterlife" der US-Journalistin Leslie Kean aus dem Jahr 2017. Kean ist keine Esoterik-Autorin, sondern investigative Journalistin – sie gehörte zu den Autorinnen des Berichts, mit dem die „New York Times" 2017 das Pentagon-Programm zur Untersuchung unidentifizierter Flugobjekte öffentlich machte. Für ihr Buch hat sie jahrelang recherchiert und sich dabei bewusst auf das konzentriert, was sich dokumentieren lässt.

Die Verfilmung übernahm Ricki Stern, die auch Regie führte. Am 6. Januar 2021 stellte Netflix alle sechs Episoden gleichzeitig online.

Die sechs Episoden

  • 1 – Near-Death Experiences: Nahtoderfahrungen, mit der Forschung von Bruce Greyson
  • 2 – Mediums Part 1: Mediumschaft, erster Teil
  • 3 – Mediums Part 2: Mediumschaft, zweiter Teil – hier auch physikalische Medialität
  • 4 – Signs from the Dead: Zeichen von Verstorbenen
  • 5 – Seeing Dead People: Erscheinungen Verstorbener
  • 6 – Reincarnation: Reinkarnation, mit den Kinderfällen der Universität von Virginia

Die Reihenfolge ist kein Zufall. Sie beginnt mit dem Phänomen, das die meisten Menschen zumindest vom Hörensagen kennen, und arbeitet sich zu dem vor, was am schwersten zu glauben ist.

Die Mediumschafts-Episoden

Der Kern der Serie für alle, die sich für unsere Arbeit interessieren, sind die Episoden 2 und 3. Zu sehen ist dort mentale Mediumschaft – also das, was ein Jenseitskontakt im gewöhnlichen Sinn ist: Ein Medium nimmt Eindrücke wahr und beschreibt sie, ohne vorher etwas über die verstorbene Person zu wissen.

Episode 3 geht darüber hinaus und zeigt physikalische Medialität – jene seltene und umstrittene Form, bei der sich Phänomene im Raum ereignen sollen, die alle Anwesenden wahrnehmen können. Das ist der Teil, an dem sich die Geister scheiden, und die Serie macht keinen Hehl daraus.

Sechs Medien aus unserem Verzeichnis

Wer die Serie schaut, begegnet mehreren Menschen, die auch bei uns eingetragen sind. Das ist kein Zufall: Netflix hat sich an Namen gehalten, die im Feld einen Ruf zu verlieren haben.

  • Laura Lynne Jackson – in den Mediumschafts-Episoden; von ihr stammt auch das Buch „Signs", das der Episode über Zeichen ihren Namen gibt
  • Angelina Diana – von ihr ist ein verblindetes Reading zu sehen, sie erhielt vorab also keinerlei Informationen
  • Nicole Janssen – sie wirkte mit Trance und physikalischer Mediumschaft mit. Achtung beim Nachschlagen: In der Serie läuft sie unter ihrem anderen Namen Nicole de Haas
  • Colin Bates – langjähriges Medium und registrierter Spiritualist Healer
  • Joseph Shiel und Rebecca Anne LoCicero – beide ebenfalls in der Serie

Eine Mitwirkende ist inzwischen selbst verstorben: die irische Mediumin Sandra O'Hara, die in der Serie ein Gruppen-Reading gibt, starb im September 2021.

Die Forschung dahinter

Was „Surviving Death" von reinen Erfahrungsberichten unterscheidet, sind die Wissenschaftler, die zu Wort kommen – und zwar nicht als Stichwortgeber, sondern mit ihrer eigenen Arbeit.

In der ersten Episode ist das Bruce Greyson, der die Nahtodforschung über Jahrzehnte geprägt und die bis heute gebräuchliche Skala zur Erfassung von Nahtoderfahrungen entwickelt hat. Die letzte Episode führt zu den Kinderfällen der Universität von Virginia, jener Forschungslinie, die Ian Stevenson begründet hat und die dort bis heute weitergeführt wird.

Für die Mediumschaft verweist Leslie Kean auf die kontrollierten Studien von Julie Beischel am Windbridge Research Center – Untersuchungen, die Betrug, unbewusste Hinweise, Beurteilerfehler, Cold Reading, Hot Reading und allgemeingültige Aussagen methodisch ausschließen sollen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem beeindruckenden Reading im Fernsehen und einem belastbaren Befund.

Was Kritiker einwenden

Die Serie hat viel Widerspruch bekommen, und ein Teil davon ist berechtigt. Die Einwände laufen im Wesentlichen auf drei Punkte hinaus: Die Serie unterscheide zu wenig deutlich zwischen kontrollierter Forschung und ungeprüfter Behauptung. Sie zeige subjektive Berichte ohne die methodische Strenge, die nötig wäre, um daraus etwas zu folgern. Und sie schneide Interviews mit trauernden, verletzlichen Menschen so, dass eine bestimmte Deutung nahegelegt werde.

Andere Rezensenten haben das Gegenteil gesehen: eine für dieses Thema bemerkenswert zurückhaltende Darstellung, die alternative Erklärungen benennt, statt sie zu übergehen.

Beide Urteile können nebeneinander stehen. „Surviving Death" ist keine Studie und will keine sein. Es ist eine Dokumentation, die zeigt, wie Menschen mit dem Tod umgehen und was Forscher dazu herausgefunden haben – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer nach Beweisen sucht, findet sie in den Fachjournalen, nicht auf Netflix. Wer wissen will, warum überhaupt jemand ernsthaft an diesem Thema arbeitet, bekommt hier sechs Stunden lang eine sehr gute Antwort.

Quellen: Die Serie selbst, Netflix; Leslie Kean, „Surviving Death: A Journalist Investigates Evidence for an Afterlife" (2017) sowie ihre Begleitseiten auf lesliekean.com; Episodenübersicht und Produktionsangaben nach Wikipedia und IMDb.

Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung – dort sind weitere Filme, Vorträge und Studien zu Mediumschaft, Nahtoderfahrung und Reinkarnationsforschung versammelt.