Das Rosenhan-Experiment: Wenn eine Stimme zur Diagnose wird – und was das für Medien bedeutet

Veröffentlicht am 2026-06-25 · 12 Min. Lesezeit

Acht gesunde Menschen sagten an der Klinikpforte einen einzigen Satz: Sie hörten eine Stimme, die „leer", „hohl" und „dumpf" sage. Mehr nicht. Es genügte, um sie alle einzuweisen, fast alle mit der Diagnose Schizophrenie. Das Rosenhan-Experiment von 1973 ist berühmt als Abrechnung mit der Psychiatrie. Für uns ist daran etwas anderes entscheidend: Was zur Diagnose führte, war nicht der Mensch, sondern ein Satz über eine gehörte Stimme – genau das, was Medien seit jeher beschreiben.

„Es ist hohl, es ist leer" – das Experiment von 1973

Der amerikanische Psychologe David Rosenhan (Stanford, von Hause aus auch Jurist – nicht Psychiater im engeren Sinn) schickte acht psychisch gesunde Versuchspersonen, sich selbst eingeschlossen, in zwölf psychiatrische Kliniken in fünf US-Bundesstaaten. Jede dieser „Pseudopatienten" meldete sich mit einer einzigen erfundenen Beschwerde: Sie höre eine Stimme, die Worte wie empty, hollow und thud sage – leer, hohl, dumpf. Sonst log niemand: Name und Beruf wurden teils geändert, aber jede Schilderung des eigenen Lebens, der Stimmung, der Beziehungen entsprach der Wahrheit.

Sobald sie aufgenommen waren, hörte die Stimme – wenig überraschend – sofort auf, und die Pseudopatienten verhielten sich völlig normal. Sie sagten, es gehe ihnen gut. Trotzdem wurde keiner als gesund erkannt. Sieben erhielten die Diagnose Schizophrenie, einer eine manisch-depressive Störung. Die Aufenthalte dauerten zwischen 7 und 52 Tagen, im Mittel rund 19 Tage. Entlassen wurde am Ende niemand als „gesund", sondern mit dem Etikett „Schizophrenie in Remission" – die Diagnose blieb, sie galt nur als vorübergehend abgeklungen. Rosenhan veröffentlichte die Ergebnisse 1973 unter dem Titel On Being Sane in Insane Places in der Zeitschrift Science.

Wer den Schwindel durchschaute

Die vielleicht unbequemste Beobachtung der Studie: Das Personal merkte nichts, die Mitpatienten dagegen oft sehr wohl. „Du bist nicht verrückt – du bist Journalist oder Professor, du kontrollierst das Krankenhaus", bekamen manche Pseudopatienten zu hören. Wer einmal das Etikett trug, dessen normales Verhalten wurde im Lichte der Diagnose umgedeutet: Notizen schreiben wurde als Symptom („Schreibverhalten") protokolliert, Warten vor der Kantine als „oral-aufnehmendes Syndrom". Die Akte färbte die Wahrnehmung jeder einzelnen Handlung ein.

Das ist der Mechanismus, den die Sozialpsychologie als Etikettierung kennt – verwandt mit dem Konformitäts- und Autoritätsdruck, den auch das Asch-Experiment sichtbar gemacht hat. Hat die Gruppe oder die Institution erst entschieden, was ein Mensch ist, sieht jeder nur noch das Erwartete.

Der Gegenversuch

Eine Lehrklinik, die von den Ergebnissen gehört hatte, hielt sich für immun: Bei ihr könne so etwas nicht passieren. Rosenhan kündigte an, in den folgenden Wochen einen oder mehrere Pseudopatienten zu schicken. Das Personal sollte jede Neuaufnahme einschätzen. Von 193 aufgenommenen Patienten wurden 41 als vermeintliche Hochstapler verdächtigt, 19 davon von mindestens einem Psychiater. Rosenhan hatte in Wahrheit niemanden geschickt. Beide Richtungen versagten also: Gesunde wurden für krank gehalten – und sobald man Schwindler erwartete, wurden Kranke für Gesunde gehalten. Die Diagnose sagte mehr über die Erwartung der Beobachter aus als über den Beobachteten.

Die Pointe: nicht der Inhalt, der Rahmen

Hier liegt der Punkt, der dieses Experiment für die Frage nach Medien interessant macht. Das einzige „Symptom", mit dem die Pseudopatienten antraten, war eine gehörte Stimme. Genau dieselbe Grunderfahrung – eine Stimme wahrnehmen, die andere nicht hören – steht im Zentrum dessen, was Medien, Hellhörige, Propheten und Mystiker aller Kulturen beschreiben. In der Klinik von 1973 reichte sie als Eintrittskarte in die Schizophrenie. In einem spiritualistischen Kreis wäre dieselbe Schilderung ein Zeichen von Begabung gewesen.

Nicht der Inhalt der Erfahrung entscheidet also, ob jemand als krank oder als begabt gilt, sondern der Rahmen, in dem sie gedeutet wird. Rosenhan beweist nicht, dass Stimmenhören gesund ist – er beweist, wie wackelig und kontextabhängig die Grenze ist, die wir zwischen „Wahnsinn" und „Gabe" ziehen.

Stimmenhören ist häufiger und harmloser, als man denkt

Dass diese Grenze tatsächlich verschoben gehört, zeigt die Forschung der letzten Jahrzehnte. Die niederländischen Psychiater Marius Romme und Sandra Escher wiesen in den 1980er Jahren nach, dass ein erheblicher Teil der Menschen, die Stimmen hören, niemals in psychiatrische Behandlung gerät: Sie leben mit ihren Stimmen, ordnen sie ein und funktionieren im Alltag völlig normal. Aus dieser Erkenntnis entstand die internationale Hearing-Voices-Bewegung. Bevölkerungsstudien schätzen, dass mehrere Prozent der Menschen irgendwann Stimmen hören, ohne je psychotisch zu erkranken. Stimmenhören an sich ist also keine Krankheit – es ist ein verbreitetes menschliches Erleben, das nur unter bestimmten Bedingungen leidvoll wird.

Damit kippt die stille Voraussetzung des Jahres 1973. Rosenhans Ärzte schlossen von „hört eine Stimme" reflexhaft auf „schizophren". Genau dieser Schluss ist empirisch falsch.

Die Kultur entscheidet, wie eine Stimme klingt

Wie sehr der Rahmen die Erfahrung selbst formt, hat die Stanford-Anthropologin Tanya Luhrmann in einer vielbeachteten Vergleichsstudie gezeigt. Sie interviewte je etwa 20 an Schizophrenie erkrankte Stimmenhörer in den USA, in Indien und in Ghana. Das Ergebnis war kulturell scharf getrennt: Die Amerikaner erlebten ihre Stimmen überwiegend als brutale, fremde Eindringlinge, die ihnen sagten, sie seien wertlos und sollten sterben. Die Befragten in Südindien und Ghana beschrieben weit öfter vertraute, ratgebende, teils freundliche Stimmen – Verwandte, Götter, gute Mächte. In Accra nannten viele die Erfahrung überwiegend positiv, mehrere hörten Gott hörbar zu sich sprechen.

Luhrmann folgert, dass der Inhalt der Stimmen auf „kulturelle Einladung" reagiert – ihre social kindling-Hypothese. Wo eine Gesellschaft Stimmen als Krankheit deutet, werden sie feindlich erlebt; wo sie als Kontakt mit einer geistigen Welt gelten, werden sie zur Beziehung. Dieselbe neuronale Grundlage, völlig verschiedene Erfahrung – je nach Rahmen.

Der mediale Fall: die Durham-Studie

Bleibt die entscheidende Frage: Unterscheidet sich das Stimmenhören von Medien überhaupt messbar von dem psychiatrischer Patienten? 2021 legten der Religionswissenschaftler Adam Powell und der Psychologe Peter Moseley im Rahmen des Forschungsprojekts Hearing the Voice an der Universität Durham eine Studie genau dazu vor (When spirits speak, in Mental Health, Religion & Culture). Sie befragten 65 spiritualistische Medien, die hellhörige (klaraudiente) Kontakte berichten, und verglichen sie mit der Allgemeinbevölkerung.

Die Befunde zeichnen ein klares Bild, das sich von der klinischen Halluzination abhebt:

  • Die Medien begannen ihr Stimmenhören im Schnitt mit 21,7 Jahren, viele schon in der Kindheit; 18 % gaben an, es „so lange zu kennen, wie sie zurückdenken können".
  • 71 % waren dem Spiritualismus als Bewegung vor ihrer ersten Erfahrung noch gar nicht begegnet. Die Erfahrung kam also zuerst, die Deutung später – sie war nicht bloß anerzogen.
  • Der stärkste Faktor war nicht eine Halluzinationsneigung, sondern Absorption: die Fähigkeit, völlig in inneres Erleben einzutauchen. Die Stimmen wurden überwiegend als positiv, sinnvoll und beherrschbar erlebt – nicht als Überfall.

Das ist genau die Differenz, auf die es ankommt: nicht „ob" jemand Stimmen hört, sondern wie. Das mediale Stimmenhören ist ich-synton, kontrolliert und bedeutungsvoll – das Gegenteil der quälenden, fremdbestimmten Stimmen, die Luhrmanns amerikanische Patienten beschrieben. Dieselbe Studie reiht sich nahtlos an die brasilianische Forschung von Alexander Moreira-Almeida an 115 Medien, der ebenfalls fand, dass die Häufigkeit anomaler Erfahrungen nicht mit Krankheitsmarkern korreliert.

Ein Gegenbild zu Rosenhan: Birgit Fischer

Wie genau sich dieses Muster umkehren lässt, zeigt ein aktueller, deutschsprachiger Fall. Das Medium Birgit Fischer – heute eine der bekanntesten Seherinnen im deutschsprachigen Raum – erzählt im Podcast {ungeskriptet} by Ben, wie sie ihre Wahrnehmungen mit Anfang zwanzig unbedingt loswerden wollte. Sie hatte einen Uni-Abschluss, stand „voll in der Businesswelt" und versuchte, die Stimmen zu unterdrücken – wodurch sie nur lauter und stärker wurden. Schließlich ging sie zu Ärzten mit der Bitte: „Bitte stellen Sie das ab." Sie selbst war überzeugt: „Ich sehe Gesichter, ich höre Stimmen. Ich bin schizophren."

Das Ergebnis war das genaue Gegenteil von 1973. Nach neurologischen und psychologischen Tests sagte ihr ein Neurologe: „Frau Fischer, das ist eine Gabe." Schizophren sei sie nicht – „wir haben jetzt alles getestet" –, und sie habe diesen Befund „schwarz auf weiß", bestätigt von mehr als einer Stelle. Wo Rosenhans Pseudopatienten mit einem einzigen Satz über eine Stimme die Diagnose Schizophrenie erhielten, führte bei Fischer dieselbe Erfahrung – gründlich untersucht – ausdrücklich nicht zur Krankheit, sondern zur Feststellung einer Begabung. (Nach eigener Schilderung ließ sie die Wahrnehmung daraufhin mit einem Antidepressivum „lahmlegen" und rutschte in ein schweres Burnout – das Leid kam nicht aus der Gabe, sondern aus dem Versuch, sie zu unterdrücken.)

Was Rosenhan nicht beweist

Ehrlichkeit gehört dazu. Das Rosenhan-Experiment ist heute selbst umstritten: Die Journalistin Susannah Cahalan rekonstruierte in The Great Pretender (2019), dass sich nur ein Teil der Pseudopatienten überhaupt belegen lässt, dass Rosenhans eigene Krankenakte von seiner Veröffentlichung abwich und dass ein Teilnehmer mit positiver Erfahrung offenbar aus den Daten herausfiel. Man sollte die Studie also nicht als sauberen Beweis behandeln, sondern als historisches Schlaglicht.

Und vor allem: Der Befund, dass Medien psychisch gesund sind und ihr Stimmenhören sich von der Psychose unterscheidet, sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, woher die Inhalte dieser Stimmen stammen. Er widerlegt nur – und das ist viel – die bequeme Gleichung „hört eine Stimme, also krank". Wie schmal der Grat zwischen Begabung und Diagnose im Einzelfall bleibt, zeigt der dokumentierte Fall eines Mediums in der Psychiatrie.

Die offene Frage

Genau an dieser Stelle wird es interessant, statt abzubinden. Wenn das Stimmenhören der Medien nicht krankhaft ist, kontrolliert auftritt, oft schon in der Kindheit beginnt und nicht erst durch die Lehre des Spiritualismus erzeugt wird – dann verschiebt sich die Frage. Sie lautet nicht mehr „Ist diese Person gestört?", sondern: Woher kommt, was sie hört? Ist die Stimme ein inneres Produkt eines besonders absorptionsfähigen Gehirns – oder ein Empfang? Die Forschung kann diese Frage nicht stellen, solange sie jede Stimme vorab als Symptom verbucht. Sie steht offen, sobald man, wie diese Seite es tut, das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn als empirisch ungeklärt behandelt statt als entschieden.

Rosenhans acht Pseudopatienten wollten zeigen, wie leicht ein gesunder Mensch zum Schizophrenen gestempelt wird. Sie haben nebenbei etwas anderes mitbewiesen: Eine gehörte Stimme ist für sich genommen kein Urteil – weder „krank" noch „Gabe". Was sie ist, entscheidet erst der Rahmen, in den wir sie stellen. Und über den Rahmen lässt sich neu nachdenken.

Quellen

  • Rosenhan, D. L. (1973): On Being Sane in Insane Places. Science 179 (4070), 250–258 — acht Pseudopatienten, zwölf Kliniken, Symptom „empty/hollow/thud", Entlassung als „Schizophrenie in Remission", Gegenversuch mit 41 von 193 verdächtigten Aufnahmen.
  • Cahalan, S. (2019): The Great Pretender. The Undercover Mission That Changed Our Understanding of Madness. Grand Central Publishing — kritische Rekonstruktion und Zweifel an der Datenlage des Experiments.
  • Romme, M., Escher, S. (1989): Hearing Voices. Schizophrenia Bulletin 15(2), 209–216 — Grundlage der Hearing-Voices-Bewegung; viele Stimmenhörer ohne psychiatrische Behandlung.
  • Luhrmann, T. M., Padmavati, R., Tharoor, H., Osei, A. (2015): Differences in voice-hearing experiences of people with psychosis in the USA, India and Ghana. British Journal of Psychiatry 206(1), 41–44; sowie Hearing Voices in Different Cultures: A Social Kindling Hypothesis. Topics in Cognitive Science 7(4), 646–663.
  • Powell, A. J., Moseley, P. (2021): When spirits speak: absorption, attribution, and identity among spiritualists who report „clairaudient" voice experiences. Mental Health, Religion & Culture — 65 Medien; Erstkontakt im Schnitt mit 21,7 Jahren, 18 % „seit jeher", 71 % vor dem Spiritualismus, zentrale Rolle der Absorption.
  • Moreira-Almeida, A., Lotufo Neto, F., Greyson, B. (2006): Dissociative and Psychotic Experiences in Brazilian Spiritist Mediums. Psychotherapy and Psychosomatics 76(1), 57–58 — siehe Studie an 115 Medien.
  • Birgit Fischer im Podcast „{ungeskriptet} by Ben": 2026: Ich weiß, was passieren wird (Hellseherin). YouTube — Schilderung der neurologischen und psychologischen Tests („Sie sind nicht schizophren") und der Aussage des Neurologen „Das ist eine Gabe" (ab ca. 00:11:40); siehe auch Porträt Birgit Fischer.