„Wer Stimmen hört und glaubt, mit Verstorbenen zu sprechen, ist krank" — diese Gleichung ist alt und bequem. In Brasilien hat ein Psychiater sie nicht behauptet, sondern gemessen. Alexander Moreira-Almeida untersuchte 115 spiritistische Medien — und fand sie psychisch gesund, sozial gut integriert und überdurchschnittlich gebildet, trotz Erfahrungen, die anderswo reflexhaft als psychotisch etikettiert würden.
Der Psychiater und sein Forschungszentrum
Alexander Moreira-Almeida ist Psychiater und Professor an der Universidade Federal de Juiz de Fora (UFJF) und gründete dort das Forschungszentrum NUPES (Núcleo de Pesquisas em Espiritualidade e Saúde, „Forschungszentrum für Spiritualität und Gesundheit"). Er war Vorsitzender der Sektion für Religion, Spiritualität und Psychiatrie der World Psychiatric Association. Wichtig für die Einordnung: Das ist akademische Hauptstrom-Psychiatrie mit peer-reviewter Publikation, kein weltanschaulicher Anwalt — und gerade deshalb wiegen die Befunde schwer.
Die Studie an 115 Medien
In der Untersuchung Dissociative and Psychotic Experiences in Brazilian Spiritist Mediums (mit Francisco Lotufo Neto und dem Nahtod-Forscher Bruce Greyson, Psychotherapy and Psychosomatics 2006) befragten die Forscher 115 spiritistische Medien mit standardisierten Instrumenten — darunter eine Skala zur sozialen Anpassung (SAS-SR), ein psychiatrischer Screening-Fragebogen (SRQ) und Erhebungen zu dissoziativen und psychotisch anmutenden Erfahrungen sowie zu Kindheitstraumata.
Das Ergebnis war klar: Die Medien hatten ein hohes sozioedukatives Niveau, eine niedrige Rate psychischer Störungen und waren sozial gut angepasst — produktive Menschen ohne Anzeichen einer Pathologie. Entscheidend ist eine Feinheit: Die Medien berichteten durchaus viele ungewöhnliche, teils dissoziative und psychotisch anmutende Erfahrungen. Doch die Zahl dieser Erfahrungen korrelierte nicht mit den Markern psychischer Störung (SAS-SR, SRQ, Missbrauchsgeschichte). Anders gesagt: Wer mehr „anomale" Erfahrungen hatte, war deshalb nicht kränker. Die Erfahrung selbst ist kein Symptom.
Mediumschaft ist nicht DID
In einer Begleitstudie (Comparison of Brazilian Spiritist Mediumship and Dissociative Identity Disorder, Journal of Nervous and Mental Disease 2008) verglich das Team Medien direkt mit Patientinnen und Patienten mit dissoziativer Identitätsstörung (DID). Oberflächlich gibt es Ähnlichkeiten — etwa das Auftreten Schneider'scher Erstrangsymptome. Doch die Unterschiede sind durchgreifend: Die Medien zeigten bessere soziale Anpassung, seltener psychische Störungen, keinen Gebrauch von Antipsychotika und deutlich seltener eine Vorgeschichte von körperlichem oder sexuellem Kindesmissbrauch sowie weniger Borderline-Merkmale. Die mediale Erfahrung ist hier kontrolliert, ich-synton und wird als sinnvoll erlebt — das Gegenteil der ungewollten, leidvollen Zerrissenheit bei DID.
Erfahrung ist nicht Krankheit
Damit trifft Moreira-Almeida einen Kernpunkt der modernen Diagnostik: Nach DSM und ICD macht eine ungewöhnliche Erfahrung allein noch keine Störung — dazu braucht es Leidensdruck oder Funktionsbeeinträchtigung. Genau die fehlen bei gut funktionierenden Medien. Seine Arbeiten flossen in die internationale Debatte um die Abgrenzung nicht-pathologischer spiritueller von psychotischen Erfahrungen ein, bis hin zu Beiträgen zur ICD-11. Wo der Arzt Bezerra de Menezes im 19. Jahrhundert noch aus spiritistischer Lehre über „Wahnsinn unter neuem Blickwinkel" schrieb, liefert Moreira-Almeida den empirischen Beleg — und wie schmal der Grat zwischen Begabung und Diagnose sein kann, zeigt der Fall eines Mediums in der Psychiatrie.
Wichtig bleibt: Dieser Befund sagt zunächst nichts darüber aus, woher die Inhalte der medialen Erfahrungen stammen. Er sagt nur — und das ist viel —, dass die verbreitete Gleichsetzung „Medium = psychisch krank" empirisch nicht haltbar ist.
Die größere Frage
Moreira-Almeida bleibt nicht bei der psychischen Gesundheit stehen. Er gehörte zum Team der SPECT-Studie an Psychografie-Medien (Peres, Newberg u. a., PLoS ONE 2012) und hält die Frage nach dem Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn ausdrücklich für empirisch offen statt für entschieden. Sein Stil ist dabei der eines vorsichtigen Klinikers: erst messen, dann deuten.
Was bleibt
Moreira-Almeidas Arbeiten sind ein Musterbeispiel für die Haltung, der diese Seite folgt: eine Psychiatrie, die mediale Erfahrungen weder romantisiert noch reflexhaft pathologisiert, sondern sie prüft. Dass ausgerechnet Brasilien mit seiner institutionell verankerten Mediumschaft zum Labor dieser Frage wurde, ist kein Zufall — hier gab es genug gesunde, gut untersuchbare Medien, um die alte Gleichung sauber zu widerlegen.
Quellen
- Moreira-Almeida, A., Lotufo Neto, F., Greyson, B. (2006): Dissociative and Psychotic Experiences in Brazilian Spiritist Mediums. Psychotherapy and Psychosomatics 76(1), 57–58 — 115 Medien, hohes Bildungsniveau, niedrige Störungsrate, gute soziale Anpassung.
- Moreira-Almeida, A., Lotufo Neto, F., Cardeña, E. (2008): Comparison of Brazilian Spiritist Mediumship and Dissociative Identity Disorder. Journal of Nervous and Mental Disease 196(5), 420–424.
- Moreira-Almeida, A. u. a.: Beiträge zur Differenzialdiagnose nicht-pathologischer spiritueller vs. psychotischer Erfahrungen (ICD-11-Kontext); NUPES / UFJF.
- Peres, J. F., Moreira-Almeida, A., Caixeta, L., Leão, F., Newberg, A. (2012): Neuroimaging during Trance State. PLoS ONE 7(11): e49360 — siehe Mediumschaft in Brasilien.
