Wenn der Frontallappen schweigt: Die SPECT-Studie zur Psychografie (2012)

Veröffentlicht am 2026-05-30 · 11 Min. Lesezeit

Im Jahr 2012 erschien in der Fachzeitschrift PLoS ONE eine Neuroimaging-Studie, die in der Bewusstseinsforschung seither diskutiert wird: Der brasilianische Psychiater Julio Peres, der Medizinprofessor Alexander Moreira-Almeida und der US-amerikanische Neurowissenschaftler Andrew Newberg untersuchten zehn brasilianische Psychografie-Medien per SPECT-Bildgebung — und stießen auf einen Befund, der der intuitiven Erwartung widerspricht: Je erfahrener das Medium, desto ruhiger der Frontallappen während der Trance; und desto komplexer der produzierte Text.

Was ist Psychografie?

Psychografie (von griechisch psyche = Seele, graphein = schreiben) ist die spiritistisch verstandene Form des automatischen Schreibens: Das Medium hält einen Stift und schreibt in einem tranceartigen Zustand Texte, die es als Mitteilungen verstorbener Geistwesen versteht. In Brasilien ist die Praxis eng mit dem brasilianischen Spiritismus nach Allan Kardec verbunden und ist vor allem durch Chico Xavier (über 400 Bücher) und Divaldo Franco (über 250 Bücher) bekannt. Die genaue Natur des Phänomens — ob es sich um unbewusste Dissoziation, kreative Imagination oder eine externe Quelle handelt — ist wissenschaftlich offen.

Das Experiment

Peres und seine Kollegen rekrutierten zehn brasilianische Spiritisten mit langjähriger Psychografie-Erfahrung und teilten sie in zwei Gruppen:

  • Erfahrene Gruppe: fünf Medien mit durchschnittlich 37 Jahren regelmäßiger Psychografie-Praxis
  • Weniger erfahrene Gruppe: fünf Medien mit durchschnittlich 14 Jahren Praxis

Alle Teilnehmer absolvierten zwei Aufgaben in randomisierter Reihenfolge:

  • Normalbedingung: bewusstes, freies Schreiben eines eigenen Textes
  • Trancebedingung: Psychografie — automatisches Schreiben im selbstinduzierten Trancezustand

Während beider Aufgaben wurde die Gehirnaktivität per SPECT gemessen. Die produzierten Texte wurden anschließend von unabhängigen Bewertern auf sprachliche Komplexität (Wortschatz, Satzbau, Informationsgehalt) hin beurteilt — ohne Kenntnis darüber, unter welcher Bedingung sie entstanden waren.

Die SPECT-Methode

SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography) misst den regionalen zerebralen Blutfluss: Ein radioaktiv markiertes Kontrastmittel (Technetium-99m-HMPAO) wird intravenös injiziert und verteilt sich im Gehirn entsprechend der lokalen neuronalen Aktivität. Das Ergebnis ist ein dreidimensionales Bild der Aktivitätsverteilung. SPECT hat im Vergleich zu fMRT eine geringere zeitliche Auflösung, ist aber robuster gegenüber Bewegungsartefakten — ein wichtiger Vorteil bei Probanden, die während der Messung tatsächlich schreiben.

Das Frontallappenparadox

Das Überraschende lag in der Kombination zweier Befunde:

Hirnaktivität: Bei den erfahrenen Medien war die Aktivität in Frontallappen-Arealen — insbesondere im linken Gyrus frontalis inferior, im anterioren cingulären Kortex und in Teilen des präfrontalen Kortex — während der Trance im Vergleich zur normalen Schreibbedingung verringert. Bei den weniger erfahrenen Medien zeigte sich dagegen eine erhöhte Aktivität in denselben Regionen.

Textkomplexität: Die Trance-Texte der erfahrenen Medien erhielten von den unabhängigen Bewertern signifikant höhere Komplexitätswerte als ihre Normaltexte. Bei den weniger erfahrenen Medien war das Bild umgekehrt: ihre Normaltexte waren sprachlich elaborierter als ihre Trancetexte.

Das Muster lässt sich so zusammenfassen:

  • Erfahrene Medien: weniger Frontallappenaktivität → komplexere Texte
  • Unerfahrene Medien: mehr Frontallappenaktivität → weniger komplexe Texte

Dieses Verhältnis widerspricht der naiven Annahme, dass mehr kognitive Leistung stets mehr Gehirnaktivität erfordert. Die Autoren interpretierten es als Hinweis auf eine mögliche Dissoziation: Das bewusste, planende Frontallappensystem der erfahrenen Medien war während der Trance weniger aktiv — und trotzdem oder gerade deshalb entstanden sprachlich anspruchsvollere Texte.

„Die verringerte Aktivität in frontal-kortikalen Arealen bei erfahrenen Psychografie-Medien während der Trance, kombiniert mit höherer Textkomplexität, legt einen dissoziativen Prozess nahe, der sich von normalem kreativem Schreiben unterscheidet." — Peres et al., PLoS ONE 2012

Vergleich mit anderen Dissociationsstudien

Der Befund steht nicht allein. Aus anderen Forschungsfeldern ist bekannt, dass hochgeübte Praktiken dazu führen können, dass das bewusste Kontrollsystem weniger aktiv ist, während die Qualität der Ausgabe trotzdem hoch bleibt:

  • Jazz-Improvisation: Limb und Braun (2008) zeigten per fMRT, dass professionelle Jazz-Musiker während freier Improvisation den dorsolateralen präfrontalen Kortex — ein Zentrum für bewusste Selbstkontrolle — deaktivieren, während kreative Areale aktiver werden.
  • Tiefmeditation: Studien an erfahrenen Meditierenden zeigen ähnliche Muster: Langzeitpraktizierende benötigen weniger frontale Kontrollaktivität für Zustände, die Anfänger unter großem kognitiven Aufwand nur schwer erreichen.
  • Hypnose: Hochhypnotisierbare Personen zeigen während Trance verringerte Aktivität im anterioren cingulären Kortex — genau dem Areal, das bei den erfahrenen Medien ebenfalls weniger aktiv war.

Der Befund von Peres et al. fügt sich damit in ein bekanntes Bild: Expertise kann dazu führen, dass bewusstes Monitoring zurücktritt — was im Verhältnis von Bewusstsein und Gehirnaktivität eine interessante Frage aufwirft.

Die Forscher

Julio Fernando Prieto Peres ist brasilianischer Psychiater und Neurowissenschaftler, tätig am Hospital Israelita Albert Einstein in São Paulo. Er hat mehrere Studien zu Psychografie, religiösen Erfahrungen und Trauma publiziert und ist einer der wenigen Forscher, die bildgebende Verfahren auf spiritistische Phänomene angewendet haben.

Alexander Moreira-Almeida ist Professor für Psychiatrie an der Universidade Federal de Juiz de Fora (UFJF) und Gründer des NUPES (Núcleo de Pesquisas em Espiritualidade e Saúde). Er ist international einer der renommiertesten Forscher im Bereich Spiritualität und psychische Gesundheit, hat über 200 Peer-review-Artikel veröffentlicht und sitzt in Fachbeiräten des World Psychiatric Association.

Andrew Newberg ist Neurowissenschaftler an der Thomas Jefferson University in Philadelphia und gilt als einer der Begründer der modernen Neurotheologie — der bildgebenden Erforschung religiöser und spiritueller Erlebnisse. Bekannt wurde er durch SPECT-Studien an meditierenden tibetischen Buddhisten und betenden Franziskanernonnen sowie durch Forschungen zur Glossolalie (Zungenreden). Sein 2009 erschienenes Buch How God Changes Your Brain fasst diese Arbeiten für ein breiteres Publikum zusammen.

Was die Studie zeigt — und was nicht

Die Studie belegt nicht, dass Medien tatsächlich mit Verstorbenen kommunizieren. Sie zeigt etwas Spezifischeres und methodisch Fassbares: dass der Zustand, in dem erfahrene Medien Psychografie praktizieren, sich neurophysiologisch messbar von gewöhnlichem Schreiben unterscheidet — und dass dieser Unterschied systematisch mit der Erfahrungsdauer zusammenhängt.

Einschränkungen der Studie: Die Stichprobe ist mit zehn Personen klein; SPECT hat im Vergleich zu fMRT eine niedrigere räumliche Auflösung; die Textkomplexitätsbewertung enthält ein subjektives Element. Replikationen mit größeren Stichproben stehen aus.

Dennoch ist es bis heute die methodisch solideste neuroimaging-Untersuchung, die speziell zu Psychografie durchgeführt wurde — und sie hat die wissenschaftliche Diskussion darüber angestoßen, ob automatisches Schreiben als dissoziativer Zustand ernst genommen werden sollte, unabhängig von der Frage, was seine Ursache ist.

Quellen

  • Peres JF, Moreira-Almeida A, Caixeta L, Leuchsenring F, Newberg A. Neuroimaging During Trance State: A Contribution to the Study of Dissociation. PLoS ONE. 2012;7(11):e49360. doi:10.1371/journal.pone.0049360
  • Limb CJ, Braun AR. Neural Substrates of Spontaneous Musical Performance: An fMRI Study of Jazz Improvisation. PLoS ONE. 2008;3(2):e1679.
  • Newberg A, Waldman MR. How God Changes Your Brain. Ballantine Books, 2009.
  • Moreira-Almeida A, Lotufo Neto F, Cardeña E. Comparison of Brazilian spiritist mediumship and dissociative identity disorder. Journal of Nervous and Mental Disease. 2008;196(5):420–424.
  • Zur Praxis der Psychografie: Chico Xavier und die Psychografie; zum Kontext: Mediumschaft in Brasilien.