Wenn Chico Xavier das zurückgezogene Herz des brasilianischen Spiritismus war, dann war Divaldo Franco seine Stimme und seine Tatkraft. Über sieben Jahrzehnte reiste er als Redner um die Welt, psychografierte mehr als 250 Bücher — und baute mit den Erlösen ein Sozialwerk, das bis heute täglich tausende Menschen versorgt. An ihm zeigt sich etwas Seltenes: eine Mediumschaft, deren Früchte man anfassen kann, ganz gleich, was man über ihre Quelle denkt.
Ein Kind, das Geister sah
Divaldo Pereira Franco wurde am 5. Mai 1927 in Feira de Santana (Bahia) in eine einfache, kinderreiche katholische Familie geboren. Schon als kleiner Junge berichtete er, Verstorbene zu sehen und mit ihnen zu sprechen — in seiner Heimatstadt hielt man ihn deshalb für verrückt oder für besessen. In der Jugend litt er unter Lähmungserscheinungen in den Beinen, für die kein Arzt eine körperliche Ursache fand; nach der Überlieferung verschwanden sie, als er lernte, seine Medialität bewusst zu führen statt sie zu verdrängen. Später arbeitete er zunächst als Beamter in Salvador, bevor er sich ganz seiner doppelten Berufung widmete — der spiritistischen Arbeit und der Wohltätigkeit.
Die Mansão do Caminho: Mediumschaft, die man anfassen kann
1947 lernte Divaldo seinen lebenslangen Weggefährten Nilson de Souza Pereira kennen; gemeinsam begannen die beiden, sich um verlassene Kinder zu kümmern. Angesichts des Elends in den Armenvierteln von Salvador gründeten sie 1952 die Mansão do Caminho („Villa des Weges") — zunächst im Stadtteil Calçada, rund acht Jahre später verlegt nach Pau da Lima. Statt eines anonymen Großwaisenhauses bauten sie kleine Wohnhäuser, in denen jeweils eine Pflegemutter mit einer überschaubaren Gruppe von Kindern wie eine echte Familie lebte. Divaldo selbst zog im Lauf der Jahrzehnte Dutzende Kinder groß.
Aus dem Anfang wurde eine kleine Stadt der Fürsorge: Schulen von der Kindertagesstätte bis zur Berufsausbildung, eine Klinik mit Entbindungsstation, Werkstätten und Beratungsstellen. Heute versorgt das Werk täglich rund 6.000 Menschen und beherbergt mehr als 3.000; über die Jahrzehnte sind zehntausende Kinder hindurchgegangen, die so der Straße, der Kriminalität und der Prostitution entkamen. Finanziert wird das alles bis heute aus Divaldos Vorträgen und Büchern — die Autorenrechte seiner mehr als 250 psychografierten Werke, die über acht Millionen Mal verkauft wurden, hat er notariell an dieses und andere Hilfswerke übertragen. Genau hier liegt die Pointe seines Lebens: Was immer man von der Quelle seiner Bücher hält, das Ergebnis ist überprüfbar — ein halbes Jahrhundert geretteter Kinderleben.
Joanna de Ângelis und die psychologische Reihe
Wie Chico Xavier schrieb auch Divaldo im Zustand der Psychografie. Sein wichtigster geistiger Autor war eine weibliche Entität namens Joanna de Ângelis, der die spiritistische Überlieferung frühere Erdenleben zuschreibt — unter anderem als die mexikanische Dichterin und Nonne Sor Juana Inés de la Cruz und als die bahianische Ordensschwester Joana Angélica. Ob man diese Reinkarnationskette als Lehre annimmt oder nicht: Bemerkenswert ist, was unter diesem Namen entstand.
In einer mehrbändigen psychologischen Reihe verbindet das Werk die spiritistische Philosophie Allan Kardecs auffallend genau mit der Tiefenpsychologie C. G. Jungs — Begriffe wie Anima, Animus, Schatten, Archetyp und Individuation, betrachtet durch das Prisma von Reinkarnation und moralischer Selbstvervollkommnung. In Brasilien greifen spiritistisch orientierte Therapeuten und Mediziner (etwa im Umfeld der Associação Médica Espírita) auf diese Reihe zurück. Dass ein Mann mit dem Bildungsgang Divaldos eine derart ausgearbeitete psychologische Synthese vorlegte, gehört zu den auffälligen Zügen seines Werks.
Der Botschafter des Spiritismus
Während Chico Xavier Brasilien kaum verließ, wurde Divaldo zum unermüdlichen Reisenden — vielfach als „Botschafter des Spiritismus" bezeichnet. Über Jahrzehnte hielt er nach eigenen Angaben tausende Vorträge in mehr als 70 Ländern, auf mehreren Kontinenten und in mehreren Sprachen. Seine Reden lebten von rhetorischer Brillanz, Humor und dem Versuch, naturwissenschaftliches Wissen und spiritistische Philosophie zu einem geschlossenen Weltbild zu verbinden. Nach dem Tod Chico Xaviers 2002 galt er weithin als das öffentliche Gesicht der Bewegung. 2019 wurde sein Leben unter dem Titel Divaldo – O Mensageiro da Paz verfilmt.
Xenoglossie: Reden in fremden Zungen
Zu den umstritteneren Phänomenen, die ihm zugeschrieben werden, gehört die Xenoglossie — das Sprechen in einer Sprache, die das Medium im Wachzustand nicht beherrscht. Berichten aus den 1960er- und 70er-Jahren zufolge gab Divaldo in Trance Reden in Sprachen, die er nicht gelernt hatte. Solche Berichte sind schwer abzusichern, und Skeptiker führen auch hier die Kryptomnesie ins Feld: unbewusst aufgeschnappte Sprachfragmente, die in Trance wieder auftauchen.
Doch wie schon bei Chico Xavier löst dieser Einwand das Rätsel nicht auf, sondern verschiebt es. Kryptomnesie erklärt, woher einzelne Wörter stammen könnten — nicht aber, woher eine zusammenhängende, grammatisch geordnete Rede in einer nie gelernten Sprache käme. Die ehrliche Frage lautet auch hier nicht „Trance oder Schwindel", sondern: woher kommt die Information? Damit steht die Xenoglossie in derselben Reihe wie die kontrollierte Mediumschaftsforschung und führt zurück zum größeren Problem des Verhältnisses von Bewusstsein und Gehirn.
Was bleibt
Divaldo Franco starb am 13. Mai 2025 in Salvador, acht Tage nach seinem 98. Geburtstag, in eben jener Mansão do Caminho, die er gebaut hatte. Sein Vermächtnis ist doppelt. Da ist die offene Frage nach der Mediumschaft — die Bücher, die psychologische Synthese, die Xenoglossie. Und da ist der Teil, über den es nichts zu debattieren gibt: ein Sozialwerk, das aus den Erlösen geistiger Diktate zehntausende Kinder großzog, finanziert von einem Mann, der für sich selbst nichts behielt. Gerade diese Uneigennützigkeit nimmt der Betrugshypothese ihr Motiv. Wo der Spiritismus Kardecs als Lehre begann, wurde er bei Divaldo Franco zur überprüfbaren Tat.
Quellen
- Nachrufe zum Tod Divaldo Francos (13. Mai 2025, Salvador, im Alter von 98 Jahren): Agência Brasil, PÚBLICO u. a.
- Mansão do Caminho, Salvador (gegründet 1952 mit Nilson de Souza Pereira): institutionelle Geschichte und Tätigkeit.
- Psychografiertes Werk Divaldo Francos (über 250 Bücher, geistige Autorin Joanna de Ângelis; psychologische Reihe).
- Zur kontrollierten Forschung an Medien siehe die Artikel zu Beischel/Windbridge und zur brasilianischen Mediumschaft.
