Moreira-Almeida und das NUPES: Spiritualität als Gegenstand seriöser Psychiatrie

Veröffentlicht am 2026-05-30 · 12 Min. Lesezeit

Hinter den brasilianischen Studien zu Medien und Psychografie, die in der Bewusstseinsforschung zitiert werden, steht meist derselbe Name — und dieselbe Institution. Alexander Moreira-Almeida (geb. 1974), Professor für Psychiatrie an der Universidade Federal de Juiz de Fora (UFJF), hat aus einem Randthema ein anerkanntes akademisches Forschungsfeld gemacht: die empirische Untersuchung spiritueller Erfahrungen und ihrer Bedeutung für die psychische Gesundheit. Sein Forschungszentrum NUPES ist heute eine der weltweit sichtbarsten Adressen für „Spiritualität und Gesundheit" — und der seriöse akademische Anker hinter vielem, was anderswo nur als Anekdote kursiert.

Der Weg eines Psychiaters

Moreira-Almeida wurde am 28. März 1974 in Rio de Janeiro geboren. Er studierte Medizin an der UFJF, absolvierte seine Facharztausbildung in Psychiatrie und Verhaltenstherapie am renommierten Instituto de Psiquiatria der Universidade de São Paulo (USP) und promovierte dort in Gesundheitswissenschaften. Anschließend war er Postdoktorand für „Religion und Gesundheit" an der Duke University in den USA — einem der Zentren dieses Forschungszweigs. Damit verbindet er, was selten zusammenkommt: eine klassisch-klinische Psychiatrieausbildung und die methodische Schule der internationalen Religions-und-Gesundheits-Forschung.

Das NUPES

An der medizinischen Fakultät der UFJF gründete er das NUPESNúcleo de Pesquisas em Espiritualidade e Saúde (Forschungszentrum für Spiritualität und Gesundheit). Das Programm ist bewusst breit und methodisch orientiert:

  • Zusammenhang zwischen Religiosität/Spiritualität und psychischer wie körperlicher Gesundheit,
  • empirische Untersuchung „anomaler" spiritueller Erfahrungen (Mediumschaft, Erinnerungen an Vorleben, Nahtoderfahrungen),
  • die Frage, was diese Phänomene für das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn bedeuten,
  • und — ungewöhnlich, aber zentral — Methodik, Geschichte und Epistemologie dieses Forschungsfeldes selbst.

Moreira-Almeida hat über 190 Arbeiten in Fachzeitschriften und Buchkapiteln veröffentlicht, die zusammen mehr als 8.500 Zitierungen erhalten haben — Zahlen, die im akademischen Mittelfeld dieses Themas weit herausragen.

Forschungslinie 1: Sind Medien psychisch krank?

Sein bekanntestes Thema ist die Abgrenzung von Mediumschaft und psychischer Störung. In einer vielzitierten Untersuchung an 115 spiritistischen Medien fand er, dass diese trotz Erfahrungen, die in einer Klinik vorschnell als psychotisch oder dissoziativ-pathologisch eingestuft würden, ganz überwiegend psychisch gesund und sozial gut integriert waren — produktive Menschen ohne Anzeichen einer Erkrankung. 2008 veröffentlichte er zudem einen systematischen Vergleich von brasilianischer Mediumschaft und der dissoziativen Identitätsstörung (DID) und arbeitete die klinisch relevanten Unterschiede heraus.

Die Bedeutung dieser Arbeit ist auch praktisch: Sie liefert Argumente dafür, eine spirituelle Erfahrung nicht automatisch zu pathologisieren — eine Position, die inzwischen sogar im DSM-5 anklingt, das dissoziative Erfahrungen nicht per se als krankhaft einordnet.

Forschungslinie 2: Spiritualität und psychische Gesundheit

Breiter angelegt ist seine Arbeit zur Frage, ob Religiosität und Spiritualität der seelischen Gesundheit nützen. In Übersichtsarbeiten — u. a. mit klinischen Leitlinien — trug er die Evidenz zusammen, dass höhere religiöse bzw. spirituelle Einbindung im Mittel mit niedrigeren Raten von Depression, Suizidalität sowie Alkohol- und Drogenkonsum einhergeht. Hier bewegt er sich auf vergleichsweise gut gesichertem Boden; die methodische Vorsicht (Korrelation ist nicht Kausalität, kulturelle Konfundierung) gehört bei ihm zum Standard.

Forschungslinie 3: Mediumschaft im Gehirn

Moreira-Almeida ist Mitautor der bekanntesten Neuroimaging-Studie zur Psychografie: 2012 untersuchte ein Team um Julio Peres und den US-Neurowissenschaftler Andrew Newberg per SPECT zehn Medien während des automatischen Schreibens. Erfahrene Medien zeigten während der Trance verringerte Frontallappenaktivität, obwohl ihre Texte komplexer ausfielen — ein Befund, der sich mit dem simplen Modell „mehr Leistung = mehr Hirnaktivität" nicht ohne Weiteres verträgt.

Forschungslinie 4: Bewusstsein, Reinkarnation und die große Frage

Sein theoretisch ehrgeizigstes Anliegen ist das Geist-Gehirn-Problem. Er argumentiert gegen einen vorschnellen Reduktionismus („Bewusstsein ist nichts als Hirnaktivität") und plädiert dafür, Phänomene wie Mediumschaft, Erinnerungen an mutmaßliche Vorleben und Nahtoderfahrungen als Daten ernst zu nehmen, die ein umfassendes Bewusstseinsmodell erklären müsste. Das von ihm herausgegebene Buch Exploring Frontiers of the Mind-Brain Relationship (2012) und der Sammelband Spirituality and Mental Health Across Cultures (Oxford University Press) bündeln diesen Ansatz. Damit steht er in einer Linie mit der älteren brasilianischen Forschungstradition von Hernani Andrade — nur mit den Mitteln und der Anbindung der heutigen Universitätsmedizin.

Die institutionelle Wirkung: das WPA-Positionspapier

Moreira-Almeidas vielleicht folgenreichster Beitrag ist nicht eine einzelne Studie, sondern ein Türöffner: Als Vorsitzender der Sektion für Religion, Spiritualität und Psychiatrie der World Psychiatric Association (WPA) (2014–2020) koordinierte er das WPA-Positionspapier zu Spiritualität und Religion in der Psychiatrie. Es empfiehlt, die religiös-spirituelle Dimension der Patienten in Diagnostik und Behandlung systematisch zu berücksichtigen — ein offizielles Signal des Weltverbands, das die integrative Praxis der brasilianischen Psychiatrie wissenschaftlich anschlussfähig macht. Er leitet zudem die entsprechenden Sektionen der lateinamerikanischen (APAL) und brasilianischen (ABP) Psychiaterverbände.

Einordnung

Was Moreira-Almeida auszeichnet, ist die methodische Trennschärfe: Er belegt nicht, dass Medien mit Verstorbenen sprechen oder dass Reinkarnation real ist. Er zeigt etwas Bescheideneres und Solideres — dass spirituelle Erfahrungen ein legitimer, messbarer Forschungsgegenstand sind, dass Medien nicht pauschal psychisch krank sind und dass Spiritualität gesundheitliche Relevanz hat. Wo seine Arbeiten an die große Frage nach dem Überleben des Bewusstseins rühren, formuliert er sie als offene Frage, nicht als Ergebnis.

Kritiker halten ihm entgegen, dass die Auswahl und Deutung der Phänomene eine weltanschauliche Schlagseite haben könne und dass kontrollierte Tests (etwa eine Mediumschaftsstudie von 2020 mit acht Medien und 94 „Proxy-Sitzern") keine übernatürliche Leistung nachweisen konnten. Beides gehört zum ehrlichen Bild dazu. Gerade deshalb ist seine eigentliche Leistung weniger ein einzelnes Resultat als die Schaffung eines Rahmens, in dem solche Fragen überhaupt sauber gestellt und geprüft werden können — innerhalb der Universität statt außerhalb.

Quellen

  • Society for Psychical Research, Psi Encyclopedia: Alexander Moreira-Almeida.
  • Moreira-Almeida A, Lotufo Neto F, Cardeña E. Comparison of Brazilian Spiritist Mediumship and Dissociative Identity Disorder. Journal of Nervous and Mental Disease. 2008;196(5):420–424.
  • Moreira-Almeida A et al. Clinical implications of spirituality to mental health: review of evidence and practical guidelines. 2014.
  • Peres JF, Moreira-Almeida A, Caixeta L, Leuchsenring F, Newberg A. Neuroimaging During Trance State. PLoS ONE. 2012;7(11):e49360.
  • Moreira-Almeida A, Santana de Santos F (Hg.). Exploring Frontiers of the Mind-Brain Relationship. Springer, 2012. — Moreira-Almeida A, Mosqueiro BP, Bhugra D (Hg.). Spirituality and Mental Health Across Cultures. Oxford University Press.
  • World Psychiatric Association: Position Statement on Spirituality and Religion in Psychiatry (koordiniert 2014–2020).
  • Zum Kontext: die SPECT-Studie zur Psychografie; Brasiliens spiritistische Psychiatrie; Hernani Andrade und das IBPP.