Lily Dale

Veröffentlicht am 2026-07-22 · Lesezeit ca. 9 Minuten

Am Cassadaga Lake im Westen des Bundesstaats New York liegt ein Dorf mit rund dreihundert Einwohnern, einem viktorianischen Hotel, einem alten Wald – und einer Besonderheit, die es auf der Welt kein zweites Mal gibt: Lily Dale gehört seit 1879 den Spiritualisten. Es gilt als die größte Spiritualistengemeinde der Welt, beherbergt die höchste Mediendichte überhaupt, und in jeder Sommersaison pilgern bis zu 25.000 Besucher durch sein Tor. Wer hier wohnt, wohnt in einem Ort, an dem das Gespräch mit den Toten so alltäglich ist wie anderswo das Gespräch über das Wetter.

Vom Picknick zur Free Association

Die Geschichte beginnt bescheiden: Ab 1873 trafen sich Spiritualisten der Region auf dem Land des Farmers Willard Alden, 1877 lud er zu einem „June Picnic and Sunday Assembly". Zwei Jahre später, 1879, kauften die Spiritualisten zwanzig Morgen Land am See und gründeten die „Cassadaga Lake Free Association" – ein Sommerlager, in dem man ungestört über Mediumschaft, Heilung und das Weiterleben nach dem Tod sprechen konnte. Später nahm die Gemeinde den Namen Lily Dale Assembly an, nach den Wasserlilien des Sees. Aus den Zelten wurden viktorianische Häuser: Das Auditorium entstand 1883, das Maplewood Hotel begann 1880, der Forest Temple kam 1894 dazu, ebenso die nach der Mitgründerin Marion Skidmore benannte Bibliothek, in der sich die Literatur der Bewegung sammelt.

Das Cottage der Fox-Schwestern

Kein Ort der Welt hätte besser zu einer Reliquie des Spiritualismus gepasst – und Lily Dale bekam sie: 1916 kaufte der Bewohner Benjamin Bartlett das Haus der Fox-Schwestern in Hydesville, in dem 1848 mit den berühmten Klopfzeichen die spiritualistische Bewegung begonnen hatte, und ließ es komplett nach Lily Dale versetzen. Vier Jahrzehnte stand das Gründungshaus der Bewegung mitten im Dorf, bis es 1955 einem Feuer zum Opfer fiel. Heute erinnern ein Gedenkstein und ein Meditationsgarten an der Stelle daran.

Inspiration Stump und die geprüften Medien

Das Herz von Lily Dale schlägt in einem Waldstück: Am „Inspiration Stump", einem mächtigen Baumstumpf in der Leolyn-Waldung, finden in der Saison täglich öffentliche Botschaftsdienste statt – Medien treten nacheinander vor und geben Besuchern spontane Botschaften, unentgeltlich und vor Publikum. Es ist dieselbe Grundidee wie bei den britischen Plattform-Demonstrationen: Mediumschaft soll sich öffentlich zeigen, nicht im Verborgenen.

Bemerkenswert ist, wie das Dorf seine Qualität sichert. Wer in Lily Dale als registriertes Medium praktizieren und Readings anbieten will, muss ein mehrjähriges Prüfverfahren durchlaufen: Die Assembly und die örtliche Mediums League nehmen Kandidaten über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren in öffentlichen Botschaftsdiensten und privaten Testsitzungen ab, bevor sie zugelassen werden. Rund vierzig bis fünfzig registrierte Medien tragen dieses Siegel. Damit praktiziert das Dorf seit Generationen, was andernorts bis heute diskutiert wird – eine Parallele zu den britischen Mediumschafts-Zertifizierungen und ein Beispiel dafür, woran man seriöse Medien erkennen kann.

Suffragetten und Stars

Lily Dale war nie nur ein Ort der Séancen. Der frühe Spiritualismus und die amerikanische Frauenrechtsbewegung waren eng verflochten – Spiritualistengemeinden gehörten zu den wenigen Orten, an denen Frauen selbstverständlich öffentlich sprachen. So kam Susan B. Anthony, die berühmteste Suffragette Amerikas, wiederholt nach Lily Dale; 1891 sprach sie dort zum „Woman's Day". Später zog der Ort auch Hollywood an: Die Schauspielerin Mae West, selbst überzeugte Spiritualistin, reiste 1955 zur Einweihung eines Tempels an. Und 2010 brachte die HBO-Dokumentation „No One Dies in Lily Dale" von Steven Cantor das Dorf einem Weltpublikum nahe – mit den Pilgern, die in der Saison Heilung und Abschied suchen.

Lily Dale heute

Das Dorf lebt bis heute nach seinem eigenen Rhythmus: eine rund zehnwöchige Sommersaison voller Vorträge, Workshops, Heilgottesdienste und Stump-Dienste, danach die Stille des Winters am See, in der die etwa dreihundert Dauerbewohner unter sich sind. Die Anziehungskraft ist ungebrochen – auch auf Medien selbst: Lisa Williams, eine der bekanntesten TV-Medien der Welt, verließ nach achteinhalb Jahren Los Angeles und wählte ausgerechnet Lily Dale als neues Zuhause – „die Heimat des Spiritualismus", wie sie es nannte. In ihrem Profil in unserem Verzeichnis findet sich ihr heutiges Angebot. Wer verstehen will, warum ein ganzes Dorf seit fast 150 Jahren an der Frage festhält, ob das Bewusstsein den Tod übersteht, findet in Lily Dale die vielleicht anschaulichste Antwort: Man hat dort einfach nie aufgehört, sie zu stellen.

Quellen: Die Website der Lily Dale Assembly; das Porträt „The Tiny New York Town Where Mediums Give Voice to the Dead" im Smithsonian Magazine; der Beitrag über das Medien-Prüfverfahren bei Atlas Obscura; die historische Gedenktafel der Lily Dale Assembly sowie die HBO-Dokumentation „No One Dies in Lily Dale" (Steven Cantor).

Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung – dort finden sich weitere Beiträge zur Geschichte des Spiritualismus und seinen Institutionen.