Steckbrief des Spuks – die Freiburger Metastudie von Huesmann und Schriever (1989)

Veröffentlicht am 2026-05-26 · 15 Min. Lesezeit

Es gibt wenige Arbeiten in der deutschsprachigen Parapsychologie, die so systematisch, so nüchtern und so datengesättigt sind wie der Steckbrief des Spuks von Gisela Huesmann und Friederike Schriever. Die beiden Forscherinnen arbeiteten am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg unter Hans Bender, der über Jahrzehnte die Spukforschung im deutschen Sprachraum prägte. 1989 veröffentlichten sie in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie (Band 31, Nr. 1/2, S. 52–107) eine quantitativ-statistische Auswertung von 253 Spukfällen aus den Freiburger Institutsakten der Jahre 1947 bis 1986. Das Ziel: den Spuk aus der Nische der Gruselgeschichten herausholen und rein phänomenologisch und statistisch erfassen. Was passiert wann, wie oft, bei wem und wie lange?

Die Methode

Huesmann und Schriever entwickelten einen eigenen Fragebogen, mit dem sie die 253 Fälle standardisiert durchleuchteten. Jeder Fall wurde nach denselben Kriterien codiert: Art und Häufigkeit der berichteten Phänomene, Identifizierbarkeit einer Fokusperson, deren Alter, Geschlecht und psychologisches Profil, die Familiensituation, die Zeugenqualität, die Dauer des Geschehens und die Dokumentationsqualität durch das IGPP-Team. Das Ergebnis ist kein Buch voller Geschichten, sondern ein empirischer Fingerabdruck des Phänomens.

Der statistische Fingerabdruck

Aus den 253 Fällen kristallisierten sich klare Muster heraus. Die Zahlen sind ernüchternd für jeden, der an das Hollywood-Bild des Spuks glaubt — und faszinierend für jeden, der nach den tatsächlichen Gesetzmäßigkeiten fragt:

  • 91 % akustische Phänomene — Klopfen, Schläge, Schritte, Kratzen. Das mit Abstand häufigste Merkmal. Spuk ist vor allem etwas, das man hört.
  • 70 % Objektbewegungen — der klassische Poltergeist-Effekt. Gegenstände bewegen sich ohne erkennbare Ursache, fallen von Regalen, fliegen durch den Raum.
  • 29 % elektrische Störungen — Lichter gehen an und aus, Telefone klingeln ohne Anrufer, Sicherungen fallen.
  • Unter 10 % Apparitionen — die Erscheinung einer Gestalt, das klassische Gespenst. Entgegen der populären Vorstellung ist das der seltenste Typ.

Drei weitere Befunde widerlegen gängige Klischees:

  • Spuk findet überwiegend tagsüber statt, nicht um Mitternacht.
  • Die Orte sind ganz normale Wohnungen, keine alten Schlösser oder verlassenen Häuser.
  • Das Phänomen ist profan. Es ist laut, lästig, destruktiv und angsteinflößend — aber nicht geheimnisvoll im romantischen Sinn. Es gibt keinen Nebel, keine mystische Atmosphäre. Es ist eher so, als würde jemand die Küche auseinandernehmen.

Die Fokusperson: Pubertät als Schlüssel

In der Mehrheit der Fälle ließ sich eine klar identifizierbare Fokusperson bestimmen — eine einzelne Person, in deren Nähe die Phänomene auftraten und mit deren An- oder Abwesenheit sie begannen oder endeten. Das an sich war nicht neu; schon Hans Bender hatte das Fokuspersonen-Konzept bei seinen Falluntersuchungen angewandt, und William Roll hatte in seiner Auswertung von 116 internationalen Fällen (1977) in 79 % eine Fokusperson identifiziert. Ein berühmter, an Personen statt an den Ort gebundener Einzelfall ist der Spuk von Stans (1862), den der rationalistische Jurist Melchior Joller im eigenen Haus protokollierte.

Huesmann und Schriever konnten das Profil aber erstmals demografisch schärfen. Die Fokuspersonen waren überwiegend Jugendliche in der Pubertät. Und sie fanden einen geschlechtsspezifischen Altersunterschied: Bei Mädchen lag das mittlere Alter bei 11 Jahren, bei Jungen bei 13 Jahren. Beide Werte fallen in die Phase der hormonellen Umstellung — Mädchen früher als Jungen, was sich in den Daten exakt spiegelt.

Es handelte sich fast nie um psychotische oder geisteskranke Jugendliche. Im Gegenteil: Die Fokuspersonen waren oft extrem angepasst, unauffällig und neigten dazu, Konflikte massiv zu internalisieren. Sie waren nicht die lauten Rebellen, sondern die stillen Schluckenden — diejenigen, die ihre Wut, ihre Angst, ihre Frustration nicht in Worte fassen konnten oder durften.

Die anomale Ballistik

Eines der verblüffendsten Ergebnisse betrifft die Art und Weise, wie sich Gegenstände im Raum bewegten. Wenn ein Mensch ein Objekt wirft oder es durch eine Erschütterung vom Regal fällt, folgt es den klassischen Gesetzen der Newton'schen Mechanik: Parabelform, hohe Anfangsgeschwindigkeit, Gravitation. In den Freiburger Akten wurden jedoch völlig andere Flugbahnen dokumentiert:

  • Abnorme Geschwindigkeiten. Objekte starteten oft unnatürlich langsam, schwebten beinahe — oder beschleunigten mitten im Flug, als würde eine unsichtbare Kraft nachschieben.
  • Kurvenflüge. Gegenstände flogen um Ecken oder änderten im Flug die Richtung. Für ein bloß geworfenes Objekt ist das physikalisch unmöglich.
  • Sanfte Landungen. Schwere, fragile Gegenstände — Porzellantassen, Gläser, Vasen — flogen durch den Raum, landeten aber am Ende federleicht auf dem Boden, ohne zu zerbrechen. Als hätte jemand sie hingelegt statt hingeworfen.

Diese Beobachtungen waren kein Einzelphänomen. Sie tauchen konsistent in den Akten auf und decken sich mit dem, was Roll unabhängig in den amerikanischen Fällen dokumentiert hatte. Die Flugbahnen sind einer der Gründe, warum die These vom heimlichen Werfen durch die Fokusperson allein nicht alle Fälle erklären kann: Ein Teenager kann einen Aschenbecher werfen — aber er kann ihn nicht um die Ecke fliegen lassen oder ihn nach einer Parabel sanft auf dem Boden absetzen.

Der Okklusionseffekt: Das scheue Phänomen

Huesmann und Schriever stießen auf ein Paradoxon, das Hans Bender oft als Okklusionseffekt bezeichnete: Der eigentliche Beginn der Bewegung entzog sich fast immer dem menschlichen Auge.

Zeugen berichteten wiederholt, dass sie ein Objekt mitten im Flug sahen oder seine Ankunft beobachteten. Aber fast niemand sah den exakten Moment, in dem das Objekt sich von seiner Stelle löste. Sobald eine Kamera auf ein bestimmtes Objekt gerichtet war, passierte genau dort nichts — dafür flog im Rücken des Kameramanns ein Aschenbecher von der Kommode.

Für die Betrugshypothese ist das ein naheliegendes Argument: Was nur passiert, wenn keiner hinschaut, ist verdächtig. Huesmann und Schriever analysierten dieses Muster aber tiefer. Sie argumentierten, dass das Phänomen dem Unbewussten der Fokusperson entspringt. Da das wache Bewusstsein — der Fokusperson ebenso wie der Zeugen — die physikalische Realität stabilisiert, kann sich die psychokinetische Entladung erst dann Bahn brechen, wenn die Aufmerksamkeit abgelenkt ist. Es ist kein bewusster Betrug, sondern eine funktionale Bedingung des Phänomens selbst.

Walter von Lucadou sollte diesen Befund später in seinem Modell der Pragmatischen Information (MPI) theoretisch einbetten: Sobald ein System versucht, das Phänomen zu kontrollieren oder reproduzierbar zu machen, weicht es aus. Lucadou nennt das den Decline-Effekt — die systematische Nicht-Reproduzierbarkeit als strukturelle Eigenschaft, nicht als Schwäche der Evidenz.

Die Zeitstruktur: Glockenkurve und Selbstauflösung

Spuk ist ein Kurzzeitphänomen. Die Mehrzahl der 253 Fälle dauerte weniger als drei Monate. Nur ein winziger Prozentsatz zog sich über Jahre hinweg. Die Intensität folgte dabei oft einer Gaußschen Glockenkurve: Sie begann schleichend, erreichte nach einigen Wochen einen dramatischen Höhepunkt — das ist die Phase, in der die Betroffenen typischerweise das IGPP kontaktierten — und flaute dann rasch ab.

Dieser Zeitverlauf spricht massiv gegen die pauschale Betrugshypothese. Ein Teenager kann vielleicht drei Tage lang heimlich Gegenstände werfen oder an Wände klopfen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Freiburger Akten zeigen Fälle, in denen die Effekte unter polizeilicher und wissenschaftlicher Dauerüberwachung stattfanden — über Wochen in konstanter Intensität, bis die psychische Spannung der Fokusperson nachließ.

Lucadou formalisierte die Zeitstruktur später in seinem MPI-Modell als vier Phasen: Überraschung, Verschiebung, Abklingen, Unterdrückung. Die Huesmann-Schriever-Daten sind die empirische Basis, auf der diese theoretische Gliederung ruht.

Das psychosomatische Familienprofil

Die Studie räumt radikal mit dem Bild des bösartigen Poltergeists auf, der ein Haus heimsucht. Spuk ist laut Huesmann und Schriever kein äußeres Phänomen, das auf eine Familie einwirkt — er ist eine systemische Familiendynamik, die sich physisch manifestiert. Die Autorinnen sezierten das psychosoziale Umfeld der Fokuspersonen und fanden ein konsistentes Muster:

  • In den Familien herrschte oft ein Klima von extremer emotionaler Unterdrückung, strenger Autorität oder unausgesprochenen Tabus.
  • Die Fokusperson durfte ihre Aggression, ihre Trauer oder ihre Frustration nicht verbal äußern. Der Konflikt hatte keinen Kanal.
  • Der Spuk fungierte als externes psychosomatisches Symptom. Was der Jugendliche nicht sagen durfte, sprach die Umgebung für ihn — in Form von klopfenden Wänden, fliegenden Tellern und ausfallenden Sicherungen.
  • Wenn die Fokusperson therapeutische Hilfe erhielt oder die Familie den zugrunde liegenden Konflikt löste, verschwand der Spuk schlagartig.

Dieser Befund ist die empirische Grundlage für Benders These, dass RSPK keine Heimsuchung durch Totengeister ist, sondern eine unbewusste psychokinetische Entladung einer lebenden Person unter psychischem Hochdruck. Der Spuk ist kein Angriff von außen — er ist ein Hilferuf von innen, der die physische Umgebung als Medium benutzt.

Apporte: Gegenstände aus dem Nichts

In einer kleinen, aber soliden Fallgruppe verzeichnet die Studie ein Phänomen, das über die Objektbewegungen hinausgeht: Apporte — das plötzliche Auftauchen von Gegenständen an Orten, an denen sie nachweislich nicht gewesen sein konnten. Gegenstände fielen aus der Decke geschlossener Räume, tauchten in Schubladen auf, die kurz zuvor leer und verschlossen waren, oder materialisierten sich scheinbar in der Luft.

In einigen dieser Fälle berichteten Zeugen, dass die Objekte — Steine, Münzen, kleine Alltagsgegenstände — beim ersten Anfassen auffallend heiß waren, als wäre ihre molekulare Struktur durch den Manifestationsprozess energetisch angeregt worden. Eine Beobachtung, die weder zur Betrugshypothese noch zu einem konventionellen physikalischen Modell passt.

Was bleibt

Der Steckbrief des Spuks ist keine Geistergeschichte. Er ist ein nüchternes, datengesättigtes Dokument, das zeigt, was passiert, wenn man 253 Fälle nicht nacherzählt, sondern vermisst. Das Profil, das Huesmann und Schriever herausdestillierten, hat sich in den Jahrzehnten seither bestätigt: Spuk ist an eine Fokusperson gebunden, diese Fokusperson ist meist ein Jugendlicher in einer emotionalen Extremsituation, die Phänomene sind physikalisch anomal, zeitlich begrenzt und psychologisch funktional.

Walter von Lucadou, der die Freiburger Beratungsstelle 1989 gründete — im selben Jahr, in dem die Studie erschien —, baute sein Modell der Pragmatischen Information auf genau diesen Daten auf. Der Vier-Phasen-Verlauf, der Okklusionseffekt, der Decline — alles das hat seinen empirischen Anker in den Akten, die Huesmann und Schriever durchgearbeitet haben.

Die Studie gehört zu den am wenigsten bekannten und zugleich am besten belegten Arbeiten des Feldes. Sie ist in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie erschienen — dem Fachjournal, das Bender selbst mitgegründet hatte — und dort in der akademischen Nische geblieben. Eine englische Übersetzung unter dem Titel Wanted: The Poltergeist erschien Jahrzehnte später. Die Daten selbst haben nie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Quellen

  • Huesmann, G., Schriever, F. (1989): Steckbrief des Spuks — Darstellung und Diskussion einer Sammlung von 54 RSPK-Berichten des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene aus den Jahren 1947–1986. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 31/1–2, 52–107.
  • Roll, W. G. (1977): Poltergeists. In: B. B. Wolman (Hrsg.), Handbook of Parapsychology, Van Nostrand Reinhold.
  • Gauld, A., Cornell, A. D. (1979): Poltergeists. Routledge & Kegan Paul.
  • Lucadou, W. von, Zahradnik, F. (2004): Predictions of the Model of Pragmatic Information about RSPK. Proceedings of the Parapsychological Association.