Am Morgen des 2. Februar 2006 wird in einem Hongkonger Krankenhaus eine Frau eingeliefert, deren Körper aufgibt: vier Jahre Hodgkin-Lymphom, Tumore vom Hals bis zum Bauch, versagende Organe. Der Onkologe gibt ihr 36 Stunden. Fünf Wochen später verlässt Anita Moorjani das Krankenhaus – krebsfrei. Was dazwischen liegt, gehört zu den bekanntesten und am besten dokumentierten Fällen der Nahtodforschung: eine Erfahrung im Koma, die sie selbst als den Moment beschreibt, in dem die Heilung begann.
Vier Jahre Angst
Moorjani wuchs in Hongkong auf, als Tochter einer indischen Sindhi-Familie zwischen den Kulturen: britische Schule, hinduistisches Elternhaus, später eine Laufbahn in der Geschäftswelt. Im April 2002 kam die Diagnose Hodgkin-Lymphom – für sie ein Urteil, denn sie hatte sowohl eine enge Freundin als auch einen Schwager an Krebs verloren und fürchtete die Krankheit seit Jahren. Fast vier Jahre lang kämpfte sie, am Ende saß sie im Rollstuhl, hing am Sauerstoff, die Tumore am Hals waren auf Eigröße angewachsen. Anfang Februar 2006 begannen die Organe zu versagen.
Dreißig Stunden
Im Koma, so berichtet Moorjani, sei ihr Bewusstsein nicht erloschen, sondern weiter geworden. Sie habe ihren Mann Danny neben dem Bett wahrgenommen und ihm sagen wollen: „Es ist gut, Liebling – mir geht es gut." Sie habe die Gegenwart ihres Vaters gespürt, der zehn Jahre zuvor gestorben war, und die ihrer besten Freundin Soni, die drei Jahre zuvor dem Krebs erlegen war – umgeben von Wesen, die sie als bedingungslos liebevoll beschreibt. Und sie habe vor einer Wahl gestanden: hinüberzugehen oder zurückzukehren. Mit der Entscheidung zur Rückkehr, so ihr Bericht, kam eine Zusage: Ihr Körper werde „sehr schnell" heilen – nicht in Monaten, sondern in Tagen.
Wahrnehmungen, die sich prüfen ließen
Bemerkenswert an ihrem Bericht ist, dass er nicht nur aus inneren Bildern besteht. In ihrer Schilderung, die sie im August 2006 bei der Near-Death Experience Research Foundation (NDERF) einreichte, beschreibt sie Wahrnehmungen, die sich später überprüfen ließen: Sie habe das Gespräch zwischen ihrem Mann und den Ärzten mitverfolgt, das rund zwölf Meter von ihrem Zimmer entfernt auf dem Flur stattfand – Inhalt später bestätigt. Und sie habe ihren Bruder gesehen, wie er in Indien in ein Flugzeug stieg, um sie noch einmal zu sehen – auch das traf zu, er stand kurz darauf an ihrem Bett. Solche prüfbaren Außenwahrnehmungen sind das, was die Forschung veridische Wahrnehmungen nennt – der Punkt, an dem ein subjektives Erlebnis beginnt, Fragen an die Physiologie zu stellen.
Die Heilung
Der medizinische Verlauf nach dem Erwachen ist der Kern des Falls – und er ist aktenkundig. Binnen vier Tagen schrumpften die Lymphknoten um rund 70 bis 80 Prozent. Zwei Wochen später fand die Biopsie keine Krebszellen mehr, auch die Knochenmarkbiopsie blieb ohne Befund. Nach fünf Wochen wurde Moorjani krebsfrei entlassen. Ihre Ärzte, so berichten es die Beteiligten übereinstimmend, konnten die Genesung nicht erklären – eine Patientin, die mit versagenden Organen eingeliefert worden war, verließ das Haus ohne nachweisbare Erkrankung. Es ist eine der schnellsten dokumentierten Remissionen eines Lymphoms im Endstadium, die in der Literatur beschrieben sind.
Vom NDERF-Formular zum Weltbestseller
Dass die Welt davon erfuhr, begann mit einem Webformular. Im August 2006 reichte Moorjani ihren Bericht bei der NDERF ein – der Datenbank des Radioonkologen Jeffrey Long, der binnen Stunden bei ihr anrief: Ein onkologisch dokumentierter Fall dieser Art war auch für ihn außergewöhnlich. Der Bericht verbreitete sich viral, wurde hunderttausendfach weitergeleitet – bis er Wayne Dyer erreichte, einen der bekanntesten spirituellen Autoren Amerikas. Dyer drängte seinen Verlag Hay House, diese Frau zu finden. 2012 erschien „Dying to Be Me" (deutsch: „Heilung im Licht") und wurde ein New-York-Times-Bestseller; „What If This Is Heaven?" und „Sensitive Is the New Strong" folgten. Heute spricht Moorjani weltweit – im deutschsprachigen Raum stand sie auch beim Basler Psi-Verein auf der Referentenliste, wie ihr Nahtod-Kollege Eben Alexander.
Was sie selbst daraus zieht
Moorjanis eigene Deutung ist unbequem einfach: „Hätte ich gewusst, wie man sich selbst liebt, wäre ich wahrscheinlich nie krank geworden." Ihre Botschaft kreist um Selbstliebe statt Selbstaufopferung und um ein Leben ohne Angst – die Angst, sagt sie, habe ihre Krankheit genährt. Das ist ihre persönliche Lesart, keine medizinische Aussage, und sie selbst rät niemandem, deshalb auf Behandlung zu verzichten. Der dokumentierte Kern ihres Falls aber bleibt davon unberührt: eine Nahtoderfahrung mit prüfbaren Außenwahrnehmungen, gefolgt von einer Remission, für die die behandelnden Ärzte bis heute keine Erklärung haben. Man kann diesen Fall verschieden deuten – ignorieren kann man ihn schwer.
Quellen: Anita Moorjanis Original-Bericht bei der NDERF (August 2006) und das dortige Interview; ihre eigenen Seiten „My NDE" und „About Anita"; das Porträt „The startling near-death experience of author Anita Moorjani" in The National. Erlebnisinhalte geben wieder, was Moorjani selbst berichtet; der medizinische Verlauf folgt ihrem NDERF-Bericht.
Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung – dort finden sich weitere Beiträge zu Nahtoderfahrungen und ihrer Erforschung.
