Emanuel Swedenborg (1688–1772) ist der ungewöhnlichste Fall der gesamten Vor-1906er-Reihe. Geboren als Sohn eines lutherischen Bischofs in Stockholm, machte er bis zu seinem 56. Lebensjahr eine reguläre wissenschaftliche Karriere – als königlich-schwedischer Bergrat, als Anatom, Mathematiker und Kosmologe – und veröffentlichte etwa zwanzig naturwissenschaftliche Bände, die in den europäischen Akademien ernst genommen wurden. 1744 hatte er in London eine Reihe von Visionen, nach denen er behauptete, in regelmäßigem Kontakt mit der „geistigen Welt" zu stehen. Die folgenden 27 Jahre dokumentierte er diese Erfahrungen in 30+ teils riesigen lateinischen Folianten – und produzierte in derselben Zeit drei öffentlich verifizierbare Vorfälle, die ihn bis heute zu einer der am besten dokumentierten Figuren der Vor-Spiritismus-Geschichte machen. Immanuel Kant ließ den ersten dieser Vorfälle persönlich nachprüfen und schrieb ein eigenes Buch über Swedenborg; dazu mehr in unserem Folgebeitrag zu Kant und den „Träumen eines Geistersehers".
Erste Lebenshälfte: schwedischer Naturwissenschaftler (1688–1744)
Emanuel Swedberg (so der Familienname bis zur Erhebung in den Adelsstand 1719) wurde am 29. Januar 1688 in Stockholm geboren. Sein Vater Jesper Swedberg war Hofprediger Karls XII., später Bischof von Skara und einer der prominentesten lutherischen Theologen Schwedens. Emanuel studierte in Uppsala (1699–1709) Philosophie, Mathematik und klassische Sprachen, ging anschließend auf eine fünfjährige Bildungsreise durch England, Holland, Frankreich und Deutschland und begegnete dort den führenden Naturwissenschaftlern und Mathematikern seiner Zeit – darunter Edmond Halley, John Flamsteed und Isaac Newton (den er in London zwar nicht persönlich kennenlernte, aber durch seine Werke gründlich studierte).
Zurück in Schweden machte er Karriere im königlichen Bergkollegium, einer der wichtigsten Verwaltungsbehörden des damaligen schwedischen Staates. Ab 1716 war er assessor extraordinarius, ab 1724 ordentlicher Bergrat – eine Position mit erheblicher politischer Macht in der wichtigsten Industrie Schwedens (Eisen- und Kupferbergbau). Diese Stelle hatte er über drei Jahrzehnte inne, bis er sie 1747 freiwillig aufgab.
Parallel zur Berufstätigkeit veröffentlichte Swedenborg umfangreiche naturwissenschaftliche Werke. Die wichtigsten:
- Opera Philosophica et Mineralia (1734, drei Foliobände): Standardwerk zum europäischen Eisen- und Kupferbergbau. Beinhaltet auch einen kosmologischen Abriss mit einer frühen Nebular-Hypothese (lange vor Kant und Laplace).
- Oeconomia Regni Animalis (1740–1741) und Regnum Animale (1744–1745): Großangelegte anatomische Werke, die u. a. den Sitz der Seele empirisch zu lokalisieren versuchen. Swedenborg postulierte Funktionen, die in der modernen Hirnforschung erst sehr viel später bestätigt wurden – etwa die Bedeutung der Hirnrinde für das Bewusstsein, die Rolle des Corpus callosum, die Funktion der zerebralen Lokalisation. Mehrere moderne Neurowissenschaftler (Charles Sherrington, Wilder Penfield) haben Swedenborgs anatomische Vorarbeiten ausdrücklich gewürdigt.
- Weitere Arbeiten zur Algebra, zur Konstruktion einer Flugmaschine (Skizze 1714), zur Akustik und zur Astronomie.
1719 wurde die Familie durch Königin Ulrika Eleonora in den schwedischen Adelsstand erhoben; aus Swedberg wurde Swedenborg. Damit war Emanuel auch Mitglied des schwedischen Adelsständerats und politisch in den schwedischen Reichstagen aktiv – bis zu seinem Tod.
Die Wende: Ostern 1744 in London
Im Frühjahr 1744 befand sich Swedenborg auf einer Forschungsreise in London. Er führte ein privates Tagebuch, das später unter dem Titel Drömboken (Traumbuch) bekannt wurde und erst posthum publiziert wurde. In diesem Tagebuch dokumentierte er eine Reihe ungewöhnlich intensiver Träume und Visionen, deren Höhepunkt eine als Christus-Vision beschriebene Erscheinung in der Osternacht 1744 war. Swedenborg beschrieb in den folgenden Tagen ein Gefühl der „Berufung": Er sei bestimmt, die wahre Bedeutung der biblischen Schriften aufzuschließen und Berichte aus der geistigen Welt zu vermitteln.
Innerhalb der nächsten zwei Jahre stellte er seine naturwissenschaftliche Publikationstätigkeit ein. Im laufenden Druck des Regnum Animale (Band 2 erschien 1745) brach er das anatomische Werk ab; den 1747 ebenfalls geplanten Folgeband schrieb er nicht mehr. 1747 trat er von seinem Bergratsamt zurück, bezog aber weiterhin die halbe Pension – mit ausdrücklicher Zustimmung der schwedischen Krone, was bemerkenswert ist: Sein theologisches Werk wurde von keinem Punkt des schwedischen Staates aktiv unterdrückt, sondern strukturell akzeptiert.
Das theologische Werk (1747–1771)
Was zwischen 1747 und seinem Tod 1772 entstand, ist eines der ungewöhnlichsten geistesgeschichtlichen Werke des 18. Jahrhunderts. Swedenborg schrieb auf Latein (damals noch internationale Gelehrtensprache), publizierte hauptsächlich in den Niederlanden (Amsterdam) und in London und finanzierte die meisten seiner Bände aus eigener Tasche. Die wichtigsten:
- Arcana Coelestia („Himmlische Geheimnisse"), acht Foliobände, 1749–1756: eine vollständige geistig-allegorische Auslegung des biblischen Buches Genesis und Exodus, durchsetzt mit Berichten über die Welt der Engel und Geister.
- De Caelo et Inferno („Vom Himmel und der Hölle"), 1758: die am weitesten verbreitete und auch heute noch am häufigsten gelesene seiner Schriften; eine systematische, fast handbuchhaft strukturierte Beschreibung des Jenseits.
- Mehrere kürzere Werke in derselben Zeit, darunter Über die letzte Gerichtsgeschichte (1758), Apocalypsis Revelata (1766) und das Spätwerk Vera Christiana Religio (1771).
Auffällig ist der Ton. Swedenborgs Jenseitsbeschreibungen sind nicht ekstatisch, sondern in der Art eines erfahrenen Bergrats geschrieben: Aufzählungen, Klassifikationen, Schichten der himmlischen und höllischen Sphären, Sozialstrukturen, Verkehrsformen, Berufe der Engel. Er behauptet, in den vergangenen Jahren mit zahlreichen historisch bekannten Verstorbenen gesprochen zu haben – darunter Luther, Calvin, Melanchthon, sowie einem ungenannten „Voltaire". Manche dieser Passagen sind aus heutiger Sicht ungewollt komisch. Aber das Gesamtwerk ist methodisch konsistent, systematisch durchgegliedert und in dieser Konsistenz beispiellos.
Drei dokumentierte Vorfälle
Was Swedenborg historisch von rein theologisch-mystischen Gestalten unterscheidet, sind drei Vorfälle, die durch zeitgenössische Zeugen bestätigt wurden und unabhängig nachprüfbar sind.
1. Der Brand von Stockholm, 19. Juli 1759
Am Sonntagnachmittag, dem 19. Juli 1759, befand sich Swedenborg an einer Abendgesellschaft beim Kaufmann William Castel in Göteborg – rund 400 Kilometer Luftlinie von Stockholm entfernt. Zwischen sechs und sieben Uhr abends verließ er die Gesellschaft, kam blass und unruhig zurück und kündigte an, dass ein großer Brand in Stockholm ausgebrochen sei, in der Södermalm-Gegend. Er beschrieb das Voranschreiten des Feuers, die Adressen der Häuser, die abbrennen würden, und nannte das Haus eines Bekannten als bereits zerstört. Gegen acht Uhr abends sagte er dann, das Feuer sei zum Stillstand gekommen, drei Häuser vor seinem eigenen Wohnhaus.
Diese Aussagen wurden von den Gästen sofort schriftlich notiert. Am Montag wurden sie dem Gouverneur von Göteborg vorgetragen, der sie ebenfalls protokollierte. Erst am Dienstag traf der erste Eilbote aus Stockholm mit Nachrichten über den Brand ein: Er hatte am Sonntagabend gewütet, war im Södermalm ausgebrochen und gegen acht Uhr abends drei Häuser vor Swedenborgs Wohnhaus zum Stillstand gekommen. Alle Detailaussagen Swedenborgs vom Sonntag stimmten exakt.
Die Hauptquelle dieser Berichterstattung ist Immanuel Kants Brief an Charlotte von Knobloch vom 10. August 1763, in dem Kant ausdrücklich erwähnt, dass er „einen englischen Kaufmann" nach Stockholm geschickt hat, um die Fakten vor Ort zu verifizieren – und dass dieser zurückgekehrt sei mit der Bestätigung, dass alle Details so eingetroffen seien, wie die Göteborger Zeugen sie protokollierten. Mehr zu dieser Kant-Recherche im Folgebeitrag.
2. Königin Louisa Ulrika und das Geheimnis des verstorbenen Bruders, 1761
Königin Louisa Ulrika von Schweden – Schwester Friedrichs des Großen von Preußen und Ehefrau König Adolf Friedrichs – bat Swedenborg im Oktober 1761 zu Audienzen am Hof in Stockholm. Sie wollte testen, ob seine Behauptung, mit Verstorbenen sprechen zu können, der Wahrheit entspreche. Konkret bat sie ihn, ihrem im Jahr zuvor (Juni 1758) verstorbenen Bruder, Prinz August Wilhelm von Preußen, eine Nachricht zu übermitteln.
Swedenborg kam einige Tage später wieder, sprach allein mit der Königin und wiederholte ihr eine Aussage, die – nach allen erhaltenen Berichten – die Königin sichtbar erschütterte. Sie soll erbleicht sein und gesagt haben: „Das hätte niemand außer meinem Bruder wissen können." Was genau Swedenborg ihr sagte, blieb privat; sie hat den Inhalt zeitlebens nicht öffentlich gemacht. Der Vorfall ist durch mehrere zeitgenössische Hofzeugen dokumentiert, unter anderem durch Graf Höpken, einen Vertrauten der Königin. Friedrich der Große selbst hat den Bericht in einer Briefkorrespondenz mit der Schwester später spöttisch erwähnt – aber die Tatsache, dass die Königin Swedenborg jemals empfangen hat, nicht bestritten.
3. Madame de Marteville und die verlorene Quittung, 1761
Im selben Jahr starb der niederländische Botschafter in Stockholm, Lodewijk de Marteville. Wenige Monate nach seinem Tod erhielt seine Witwe eine Forderung über die Bezahlung eines wertvollen Silberservices. Sie war sicher, dass ihr Mann die Rechnung zu Lebzeiten bereits beglichen hatte – konnte aber die Quittung nicht finden. Sie bat Swedenborg, ihren verstorbenen Mann zu fragen.
Swedenborg kam einige Tage später zurück und teilte ihr mit, ihr Mann habe ihm gesagt, die Quittung befinde sich in einer geheimen Schublade eines bestimmten Schreibbureaus, an einem Ort, von dem nur er gewusst habe. Madame de Marteville ging mit Swedenborg gemeinsam zu dem Möbel; nach Drücken eines verborgenen Mechanismus öffnete sich ein Schubfach, in dem die Quittung lag – zusammen mit einer Haarnadel, von deren Existenz ebenfalls nur ihr Mann wusste. Der Vorfall ist mehrfach durch Briefkorrespondenz im Umfeld der Familie de Marteville und durch zeitgenössische Berichte bezeugt.
Wie Swedenborg seine eigene Erfahrung beschreibt
Im Unterschied zu späteren spiritistischen Praktikern beschreibt Swedenborg seine Wahrnehmung der „geistigen Welt" nicht als Trance, nicht als Medieneinstellung im Sinne der Séance des 19. Jahrhunderts und nicht als gelegentliche Vision. Er behauptet eine permanente Doppelwahrnehmung: Er sei zugleich in seinem normalen wachen Körper anwesend, könne Bergrats-Geschäfte erledigen und in der Reichstags-Ständekammer sprechen – und sehe parallel die geistige Welt um sich. Diese Doppelung sei nach 1744 nie wieder vollständig verschwunden. Dass eine solche kontinuierliche Doppelwahrnehmung als Form medialer Fähigkeit existiert, wird auch von vielen Medien der Gegenwart so beschrieben – Swedenborg ist hier kein Sonderfall, sondern einer der frühesten gut dokumentierten Berichte.
Einfluss und Rezeption
Swedenborg starb am 29. März 1772 in London, vierundachtzig Jahre alt. Seine Wirkung über die folgenden zweihundertfünfzig Jahre ist enorm und breit:
- Allan Kardec (1804–1869), der Codifier des französischen Spiritismus, hat in Le Livre des Esprits (1857) ausdrücklich auf Swedenborg verwiesen.
- Die amerikanische Transzendentalisten – Ralph Waldo Emerson (mit dem Essay Swedenborg, or the Mystic in Representative Men 1850) und Henry James Sr. – haben ihn als zentrale Inspiration genannt.
- William Blake (1757–1827) las Swedenborg in jungen Jahren intensiv und kritisierte ihn später in The Marriage of Heaven and Hell (1790) — die Kritik war aber selbst ohne Swedenborg nicht zu verstehen.
- Die Society for Psychical Research in London (1882 gegründet) hat Swedenborg in ihren ersten Bänden als historischen Vorläuferfall ausführlich behandelt; insbesondere William James hat in The Varieties of Religious Experience (1902) Swedenborg als Beispiel eines „healthy-minded mystic" diskutiert.
- Die Neue Kirche (New Church / Swedenborgian Church), eine eigene religiöse Tradition, entstand Ende des 18. Jahrhunderts in London und besteht bis heute mit Gemeinden in den USA, Großbritannien, Skandinavien und im deutschsprachigen Raum.
Der ungewöhnlichste Punkt der Rezeption ist die ernsthafte philosophische Auseinandersetzung. Das wichtigste Buch über Swedenborg im 18. Jahrhundert ist nicht von einem Schüler geschrieben, sondern von dem, der zu diesem Zeitpunkt zur größten philosophischen Autorität Europas werden sollte: Immanuel Kant. Das ist der Punkt, an dem unser Folgebeitrag zu Kant und den „Träumen eines Geistersehers" ansetzt.
Was bleibt – Quellenlage und Forschung heute
Die ausführlichste deutschsprachige akademische Aufarbeitung Swedenborgs hat Friedemann Stengel (Universität Halle-Wittenberg) in seinem Standardwerk Aufklärung bis zum Himmel: Emanuel Swedenborg im Kontext der Theologie und Philosophie des 18. Jahrhunderts (Mohr Siebeck 2011) vorgelegt – mit ausführlicher Diskussion der drei Vorfälle, der Quellenlage und der Kant-Rezeption. Im englischen Sprachraum sind die kritischen Biographien von Lars Bergquist (Swedenborg's Secret, Swedenborg Society 2005) und Inge Jonsson (Visionary Scientist, Swedenborg Foundation 1999) die Hauptwerke.
Swedenborgs eigene Schriften sind heute größtenteils in modernen englischen Übersetzungen online frei verfügbar (Swedenborg Foundation, New Century Edition). Sein Tagebuch Drömboken liegt seit 1859 in schwedischer Edition vor; deutsche und englische Übersetzungen folgten. Auch die Korrespondenz – darunter Kants Knobloch-Brief – ist mehrfach kritisch ediert.
Was bleibt, ist eine Figur, die für jedes mainstream-naturalistische Erklärungsmodell ein Problem darstellt: Ein produktiver, akademisch anerkannter Naturwissenschaftler, der mit 56 Jahren in einen Wahrnehmungszustand wechselt, den er bis zu seinem Tod 27 Jahre lang aufrecht erhält, in dieser Zeit ein systematisches theologisches Werk schreibt und mindestens drei extern verifizierbare präkognitive bzw. mediumistische Vorfälle produziert.
Quellen: Friedemann Stengel, Aufklärung bis zum Himmel: Emanuel Swedenborg im Kontext der Theologie und Philosophie des 18. Jahrhunderts, Mohr Siebeck, Tübingen 2011 (das deutschsprachige Standardwerk). Lars Bergquist, Swedenborg's Secret, Swedenborg Society, London 2005. Inge Jonsson, Visionary Scientist: The Effects of Science and Philosophy on Swedenborg's Cosmology, Swedenborg Foundation, West Chester PA 1999. Immanuel Kant, Brief an Charlotte von Knobloch, 10. August 1763 (Akademie-Ausgabe, Bd. 10, S. 43–48). Emanuel Swedenborg, Arcana Coelestia, 8 Bde., Amsterdam/London 1749–1756; De Caelo et Inferno, London 1758; Drömboken, posthum ediert 1859. William James, The Varieties of Religious Experience, Longmans 1902. Robert Hindmarsh, Rise and Progress of the New Jerusalem Church in England, America, and Other Parts, London 1861 (Hauptquelle für die Königin- und Marteville-Vorfälle).
