Die OMEGA-Studie 2022

Veröffentlicht am 2026-08-06 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Der italienische Psychologe und Bewusstseinsforscher Patrizio Tressoldi (Universität Padua) beschränkt sich in seiner Arbeit nicht auf Meta-Analysen vorhandener Daten. Mit eigener, hochkontrollierter experimenteller Forschung erweitert er die Evidenzbasis zur Medialitätsforschung fortlaufend. Eine besonders bemerkenswerte Studie erschien 2022 im renommierten Peer-Review-Fachjournal OMEGA – Journal of Death and Dying: „Is There Someone in the Hereafter? Mediumship Accuracy of 100 Readings Obtained with a Triple Level of Blinding Protocol“ (Tressoldi, Liberale & Sinesio).

Das Studiendesign: Dreifache Erblindung (Triple-Blind)

Der häufigste wissenschaftliche Kritikpunkt an medialen Sitzungen lautet, dass Ergebnisse durch Cold Reading (Reaktionen des Sitters auf Körpersprache oder Suggestivfragen) oder *Hot Reading* (Recherche in sozialen Netzwerken) erklärt werden können. Um sämtliche konventionelle Informationskanäle rigoros auszuschließen, wendete das Forscherteam ein dreifach-blindes Studiendesign an:

  • Erblindungsebene 1 (Medium): Die 28 teilnehmenden Medien erhielten während des Readings keinerlei Kontaktdaten, Namen oder Fotos des Sitters oder des Verstorbenen. Sie arbeiteten ausschließlich mit einer anonymen ID.
  • Erblindungsebene 2 (Sitter / Hinterbliebener): Der Sitter war während des Readings nicht im Raum und auch nicht online zugeschaltet. Es gab keinerlei Echtzeit-Interaktion, durch die Körpersprache, Stimme oder Emotionen übertragen werden konnten.
  • Erblindungsebene 3 (Auswerter & Zuordnung): Weder der Versuchsleiter noch die Sitter wussten bei der späteren Auswertung, welches Transkript zu welchem Verstorbenen gehörte. Den Sittern wurden zwei transkribierte Readings im Blindverfahren vorgelegt.

Das Decoy-Verfahren: Ziel- vs. Kontroll-Readings

Um zu überprüfen, ob die von den Medien empfangenen Informationen spezifisch für den jeweiligen Verstorbenen waren oder lediglich generische Aussagen (Barnum-Effekt) enthielten, wurde ein striktes Decoy-Design eingesetzt:

Jedem Hinterbliebenen wurden zwei anonymisierte Transkripte vorgelegt:

  1. Das **Ziel-Reading** (das tatsächlich für seinen verstorbenen Angehörigen durchgeführt wurde).
  2. Ein **Decoy-Reading** (ein Kontroll-Reading, das für einen anderen Verstorbenen gleichen Geschlechts und ähnlichen Alters gemacht worden war).

Die Aufgabe der Sitter bestand darin, beide Readings Punkt für Punkt nach Richtigkeit zu bewerten und ohne zu wissen, welches ihres war, zu entscheiden, welches Transkript zu ihrem verstorbenen Angehörigen passte.

Die Ergebnisse: p = 0,000048 (1 zu 20.833)

Insgesamt wurden in der Studie **100 Readings** von **28 qualifizierten Medien** durchgeführt. Die statistische Auswertung lieferte ein eindeutiges Ergebnis:

  • Trefferquote bei der Zuordnung: In **67 von 100 Fällen** wählten die Hinterbliebenen im Blinderfahren korrekt ihr eigenes Ziel-Reading und nicht das Kontroll-Reading aus. Bei reinem Zufall lag der Erwartungswert bei 50 %.
  • Statistische Signifikanz: Der berechnete p-Wert betrug **p = 0,000048**. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, ein solches Ergebnis durch reinen Zufall zu erzielen, bei etwa **1 zu 20.833** liegt.

Warum diese Studie Maßstäbe setzt

Die OMEGA-Studie von Tressoldi, Liberale & Sinesio (2022) ist aus mehreren Gründen bahnbrechend:

1. Vollständiger Ausschluss von Cold & Hot Reading: Da die Medien weder Sicht- noch Hörkontakt zum Sitter hatten und die Identitäten anonymisiert waren, sind Cold Reading, Körpersprache und Recherchen im Internet als Erklärung absolut ausgeschlossen.

2. Replikation von Windbridge-Standards: Die Studie bestätigt und erweitert die Forschungsergebnisse des Windbridge Research Center (Dr. Julie Beischel), das in den USA seit Jahren mit vierfach- und fünfach-blinden Protokollen arbeitet.

3. Publiziert in einem etablierten Peer-Review-Journal: *OMEGA – Journal of Death and Dying* (SAGE Publishing) ist eine seit 1970 bestehende, renommierte wissenschaftliche Zeitschrift im Bereich der Thanatologie und Sterbeforschung.

Fazit

Die OMEGA-Studie 2022 liefert hochgradig signifikante experimentelle Evidenz dafür, dass Medien unter dreifach-blinden Bedingungen verifizierbare und spezifische Informationen empfangen können, die nicht über bekannte physische Sinneskanäle stammen. Sie demonstriert eindrucksvoll, dass akademische Strenge und das Erforschen von Phänomenen an den Grenzen unseres Weltbilds Hand in Hand gehen können.

Quellen: Patrizio Tressoldi, Luciano Liberale, & Fernando Sinesio: Is There Someone in the Hereafter? Mediumship Accuracy of 100 Readings Obtained with a Triple Level of Blinding Protocol. OMEGA – Journal of Death and Dying, 2022 (SAGE Journals, doi:10.1177/00302228221115556).

Weiterführende Artikel: Lies auch unseren Beitrag zu Cold Reading sowie unser Porträt der Windbridge-Forschung von Dr. Julie Beischel.