An der renommierten University of Virginia School of Medicine existiert seit über einem halben Jahrhundert eine weltweit einzigartige Forschungseinrichtung: Die Division of Perceptual Studies (DOPS). Gegründet 1967 von dem Psychiater Ian Stevenson, wird die Abteilung heute von dem Kinderpsychiater Dr. Jim B. Tucker (Bonner-Lowry Professor of Psychiatry and Neurobehavioral Sciences) geleitet. Wo steht DOPS heute, welche Methoden nutzt die Abteilung und was sagen ihre Daten über das Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein aus?
Vom Stifter Chester Carlson bis zur modernen Wissenschaft
Die Geschichte von DOPS verdankt ihre Existenz einer ungewöhnlichen Allianz: Chester Carlson, der Erfinder der Fotokopie (Xerox), war fasziniert von der Frage, ob das menschliche Bewusstsein den körperlichen Tod überleben kann. Durch ein großzügiges Vermächtnis in Millionenhöhe stiftete er den Lehrstuhl an der University of Virginia, der es Ian Stevenson ermöglichte, seine akademische Arbeit auf den Aufbau einer empirischen Datenbank zu konzentrieren.
Heute ist DOPS kein isoliertes Projekt mehr, sondern eine hochspezialisierte Forschungsabteilung innerhalb des Department of Psychiatry and Neurobehavioral Sciences. Neben Dr. Jim B. Tucker forschen dort Wissenschaftler wie Dr. Bruce Greyson (bekannt für die Greyson-NDE-Skala), Dr. Edward Kelly (Herausgeber von Irreducible Mind) und Dr. Marieta Pehlivanova an Fragen der Neurophysiologie, Nahtoderfahrungen (NDEs), veridischen Nachtodkontakten (ADCs) und veränderten Bewusstseinszuständen.
Dr. Jim B. Tucker und der Fokus auf westliche Fälle
Als Dr. Jim B. Tucker Ende der 1990er Jahre zu DOPS stieß und schließlich die Nachfolge Stevensons antrat, setzte er einen entscheidenden neuen Akzent. Während Stevenson den Schwerpunkt seiner Feldstudien auf Asien, Indien und den Nahen Osten legte, konzentrierte sich Tucker verstärkt auf Fälle in den USA und Europa.
Kritiker hatten Stevenson häufig vorgehalten, seine Befunde beruhten auf kultureller Prägung in Gesellschaften, die fest an Reinkarnation glauben. Tuckers Arbeit mit amerikanischen Familien widerlegte diesen Einwand nachhaltig: Die von ihm untersuchten Kinder stammen meist aus christlichen oder säkularen Elternhäusern, die keinerlei Vorwissen oder Interesse an Reinkarnationskonzepten besaßen.
Zu den prominentesten von Tucker dokumentierten Fällen gehören:
- James Leininger: Der Junge aus Louisiana, der ab zwei Jahren detaillierte Erinnerungen an den gefallenen WWII-Pilot James Huston Jr. auf der USS Natoma Bay äußerte.
- Ryan Hammons: Ein Junge aus Oklahoma, der sich an ein früheres Leben als Statist und Hollywood-Agent (Marty Martyn) in den 1930er Jahren in Los Angeles erinnerte und 55 verifizierte Details nannte.
Die DOPS-Datenbank: Über 2.500 Fälle systematisch analysiert
Heute umfasst die DOPS-Datenbank mehr als 2.500 sorgfältig dokumentierte Fälle von Kindern, die spontan über Erinnerungen an ein früheres Leben sprechen. Durch den Einsatz moderner statistischer Verfahren und digitaler Codierung konnten Tucker und sein Team klare Muster identifizieren:
- Alter beim Beginn: Die Kinder beginnen fast ausnahmslos im Alter zwischen 2 und 3 Jahren zu sprechen.
- Alter beim Erlöschen: Ab etwa 6 bis 7 Jahren verblassen die Erinnerungen in den meisten Fällen, parallel zur normalen Gehirnentwicklung und Einschulung.
- Gewaltsamer Tod: In etwa 70 % der gelösten Fälle starb die vorherige Persönlichkeit eines gewaltsamen oder plötzlichen Todes.
- Zeitabstand: Der durchschnittliche zeitliche Abstand zwischen dem Tod der früheren Persönlichkeit und der Geburt des Kindes beträgt etwa 16 Monate.
Das Ringen um Erklärungsmodelle
Wie erklärt DOPS diese Phänomene aus wissenschaftlicher Sicht? Dr. Jim B. Tucker vertritt eine erfrischend undogmatische Haltung. Er betont, dass die Daten nicht zwingend im religiösen Sinne von „Seelenwanderung“ interpretiert werden müssen, sondern nach physikalischen Konzepten verlangen, die über das klassische materialistische Weltbild hinausgehen.
In seinen Veröffentlichungen verweist Tucker auf Parallelen zur Quantenmechanik – etwa das Konzept der Nicht-Lokalität und die Idee, dass das Bewusstsein keine bloße Begleiterscheinung (Epiphänomen) der Hirnaktivität ist, sondern eine fundamentale Komponente der Realität (wie Raum, Zeit oder Masse). Unter dieser Annahme könnte Information oder Bewusstsein nach dem Zusammenbruch des biologischen Körpers in einem anderen neuronalen System wieder aufkeimen.
Fazit
DOPS unter der Leitung von Dr. Jim B. Tucker steht heute als Beispiel dafür, wie grenzüberschreitende Themen mit akademischer Strenge, statistischer Akribie und ohne weltanschaulichen Eifer untersucht werden können. Die Arbeit von DOPS zwingt die Schulwissenschaft, die Frage „Was ist Bewusstsein?“ nicht vorschnell als gelöst zu betrachten.
Quellen: Jim B. Tucker: Return to Life: Extraordinary Cases of Children Who Remember Past Lives (St. Martin's Press, 2013); Jim B. Tucker: Life Before Life (St. Martin's Essentials, 2005); Offizielle Webseite der Division of Perceptual Studies (DOPS) an der University of Virginia School of Medicine (med.virginia.edu/perceptual-studies).
Weiterführende Artikel: Lies auch unser Porträt zu Ian Stevenson sowie die Fallberichte zu James Leininger und Ryan Hammons.
