Im Frühjahr 1944 – wenige Monate vor der Landung der Alliierten in der Normandie – fand vor dem Central Criminal Court (Old Bailey) in London ein Gerichtsverfahren statt, das wie aus einem vergangenen Jahrhundert schien: Das schottische physikalische Medium Helen Duncan wurde nach dem uralten Witchcraft Act von 1735 angeklagt und zu neun Monaten Haft verurteilt. Es war das letzte Verfahren dieser Art in der britischen Rechtsgeschichte. Doch hinter der mystischen Anklage verbarg sich ein hochbrisanter Konflikt zwischen nationaler Sicherheit im Zweiten Weltkrieg, Geheimdiensten und den Phänomenen der physikalischen Mediumschaft.
Wer war Helen Duncan?
Victoria Helen MacFarlane Duncan (geboren am 25. November 1897 in Callander, Schottland) wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Bereits als Kind berichtete sie von Visionen und Geistererscheinungen, die von ihrer Umgebung teils verstört, teils fasziniert aufgenommen wurden. Nach ihrer Hochzeit mit Henry Duncan, einem im Ersten Weltkrieg verwundeten Tischler, versorgte sie eine große Familie mit sechs Kindern.
In den 1920er und 1930er Jahren wurde Helen Duncan zu einem der bekanntesten und zugleich umstrittensten physikalischen Medien Großbritanniens. In ihren Séancen im abgedunkelten Trance-Kabinett manifestierten sich sogenannte Materialisationen: Substanzartige Ausflüsse (Ektoplasma), aus denen sich Gestalten formten, die mit den Anwesenden sprachen. Ihre Haupt-Geistführer waren eine Kindergestalt namens „Peggy“ und ein hochgewachsener Mann namens „Albert“.
Die Séance in Portsmouth und das Rätsel um die HMS Barham
Der Wendepunkt in Helen Duncans Leben ereignete sich im November 1941 in der Hafenstadt Portsmouth – dem Hauptstützpunkt der britischen Royal Navy. Während einer Séance erschien die Geistergestalt eines jungen Marinesoldaten mit einer Mützenbandaufschrift („HMS Barham“). Die Gestalt erklärte, sein Schiff sei gesunken.
Tatsächlich war das Schlachtschiff HMS Barham am 25. November 1941 im Mittelmeer von dem deutschen U-Boot U-331 torpediert worden und nach einer gewaltigen Munitionsexplosion mit 861 Seeleuten gesunken. Um die Moral der Bevölkerung nicht zu schwächen und den Feind über das Ausmaß des Treffers im Unklaren zu lassen, hielt die britische Admiralität den Verlust streng geheim. Erst Ende Januar 1942 wurden die Angehörigen informiert.
Die Frage, woher Helen Duncan Monate vor der offiziellen Bekanntgabe Details über den Untergang der HMS Barham wusste, alarmierte die britischen Sicherheitsbehörden zutiefst. Für Überzeugte war es ein eindrucksvoller Beweis nachtodlicher Kommunikation; für die Sicherheitsdienste (MI5) stellte sich die drängende Frage nach einem Sicherheitsleck oder gar Spionage mitten in der Kriegsvorbereitung.
Die Festnahme und der Prozess am Old Bailey (1944)
Im Januar 1944 spitzte sich die Lage zu. Großbritannien bereitete Operation Overlord vor – die Invasion der Normandie. Ein Leck in militärischen Geheimnissen konnte Tausende Menschenleben kosten. Am 19. Januar 1944 stürmten undercover agierende Polizeibeamte eine Séance von Helen Duncan in der Master Temple Psychic Centre in Portsmouth. Man versuchte vergeblich, das Ektoplasma zu greifen, und nahm Duncan fest.
Zunächst wurde sie nach dem Vagrancy Act von 1824 (einem Gesetz gegen Landstreicherei und Wahrsagerei) angeklagt. Doch die Behörden entschieden sich bald für ein schwereres Kaliber: Sie wandten Paragraf 4 des Witchcraft Act von 1735 an. Dieses Gesetz stellte nicht die Existenz echten Zaubers unter Strafe, sondern das „Vortäuschen von Hexerei, Magie oder Geisterbeschwörung“ zur Täuschung der Öffentlichkeit.
Der Prozess dauerte sieben Tage und erregte enorme Aufmerksamkeit. Zahlreiche Zeugen sagten zu Helen Duncans Gunsten aus und berichteten unter Eid von verblüffenden Materialisationen und privaten Details, die kein Fremder wissen konnte. Duncans Verteidigung bot sogar an, vor den Geschworenen im Gerichtssaal eine Séance abzuhalten – was der Richter jedoch ablehnte. Am Ende wurde Helen Duncan zu neun Monaten Haft im Holloway-Gefängnis verurteilt.
Winston Churchills Reaktion: „Obsolete Tomfoolery“
Der Prozess stieß selbst in höchsten Regierungskreisen auf Erstaunen und Spott. Premierminister Winston Churchill schrieb am 1. Mai 1944 eine berühmte persönliche Note an den Innenminister Herbert Morrison:
„Let me have a report on why the Witchcraft Act of 1735 was used in a modern court of law. What was the cost of this trial to the State, considering that the witness was already in custody under the Vagrancy Act? ... All this obsolete tomfoolery to the trial of a woman who was practicing mediumship!“
Churchill sah in der Anwendung des antiken Hexengesetzes eine absurde Ressourcenverschwendung und einen unzeitgemäßen Anachronismus in einem modernen Rechtsstaat.
Wissenschaftliche Debatten, Ektoplasma und Betrugsvorwürfe
Wie bei vielen historischen Beispielen physikalischer Medialität war auch Helen Duncan Gegenstand intensiver Untersuchungen durch Parapsychologen und Skeptiker. Der bekannte Parapsychologe Harry Price untersuchte sie 1931 im National Laboratory of Psychical Research. Er behauptete, das bei Duncans Séancen erschienene Ektoplasma bestehe aus Käsetuch (Gaze) und Papier, das sie vor der Sitzung verschluckt und in Trance wieder hervorgewürgt habe (Regurgitation).
Befürworter hielten dagegen, dass Duncan vor ihren Séancen regelmäßig gründlich durchsucht, in eng anliegende Kleidung genäht und von Kontrolleuren festgehalten wurde. Zudem erklärten viele Zeugen, dass die erschienenen Gestalten zu komplex und lebensnah gewesen seien, um lediglich aus verschlucktem Tuch zu bestehen. Der Fall reflektiert die Spannungsfelder, die in der Geschichte der parapsychologischen Forschung wiederholt auftauchten und wie wir sie auch im Artikel zu Mediumschaft und Macht analysieren.
Rechtsreform: Der Fraudulent Mediums Act 1951
Die Welle der öffentlichen Empörung über die Inhaftierung einer sechsfachen Mutter unter einem Hexengesetz aus dem 18. Jahrhundert hatte weitreichende rechtliche Konsequenzen. Nach jahrelanger Arbeit von Spiritualistenverbänden (wie der Spiritualists' National Union) wurde der Witchcraft Act von 1735 im Jahr 1951 vom britischen Parlament endlich aufgehoben.
Ersetzt wurde er durch den Fraudulent Mediums Act 1951. Dieses neue Gesetz stellte klar, dass Medialität und spirituelle Arbeit legal sind, solange nicht nachgewiesen werden kann, dass betrügerische Absichten zur finanziellen Bereicherung vorliegen. Damit erhielten Medien in Großbritannien erstmals einen geschützten rechtlichen Rahmen – ein Meilenstein für die Anerkennung der Bewegung.
Das Erbe von Helen Duncan
Helen Duncan erholte sich gesundheitlich nie vollständig von der Haftstrafe. Im November 1956 wurde eine Séance in Nottingham erneut von der Polizei unterbrochen; wenige Wochen später, am 6. Dezember 1956, verstarb sie.
Bis heute bleibt ihr Name ein Symbol für den Konflikt zwischen staatlicher Regulierung, Kriegsgeheimnissen und spirituellem Glauben. Angehörige und Anhänger führen seit Jahrzehnten Kampagnen für eine posthume Begnadigung durch die britische Krone. Ob man ihre Phänomene als echte physikalische Medialität oder als geschickte Illusionskunst betrachte: Der Fall Helen Duncan prägte die Geschichte des Rechts und des britischen Spiritualismus nachhaltig.
Quellen: C.E. Bechhofer Roberts: The Trial of Helen Duncan (Jarrolds, 1945); Winston Churchill: Personal Minute to Home Secretary, 1. Mai 1944 (National Archives, Kew, PREM 5/142); Harry Price: Regurgitation and the Duncan Mediumship (1931); National Archives UK (Witchcraft Act 1735 & Fraudulent Mediums Act 1951).
Weiterführende Artikel: Lies auch unseren Überblick zu Physikalischer Medialität sowie die Analyse zu Mediumschaft und Macht.
