Gordon Higginson

Veröffentlicht am 2026-07-21 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Wer heute am Arthur Findlay College in Stansted Mediumschaft lernt, arbeitet in Räumen, die es ohne einen Mann vielleicht nicht mehr gäbe: Gordon Higginson. Man nannte ihn „Mr Mediumship". Er war der längstdienende Präsident der Spiritualists' National Union, jahrelang Prinzipal des College – und eines der wenigen Medien des 20. Jahrhunderts, die physikalische Mediumschaft öffentlich vor großem Publikum zeigten. Seine Laufbahn begann an seinem zwölften Geburtstag und endete am Tag vor seinem Tod.

Der Junge, der mit zwölf begann

Die Geschichte beginnt eine Generation früher, mit seiner Mutter. Als Fanny Higginson vierzehn war, erhielt sie in der Spiritualistenkirche von Longton eine Botschaft: Ihre eigene Mutter sei soeben in die geistige Welt übergegangen, sie selbst werde ein Medium werden, ihr Sohn ebenso – und ihr Name werde über hundert Jahre mit dieser Kirche verbunden sein. Zu Hause fand Fanny die Mutter tatsächlich verstorben vor. So erzählt es die ihm gewidmete Gedenkseite; nachprüfen lässt es sich nicht, aber es ist die Geschichte, mit der die Familie ihre eigene Herkunft erklärte.

Fanny wurde Medium und blieb es siebzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod 1978. Ihr Sohn Gordon Mons Higginson, geboren am 17. November 1918 in Longton bei Stoke-on-Trent, saß vom dritten Lebensjahr an in ihrem Zirkel – durfte aber erst mit zehn Botschaften an andere weitergeben. Seine Mutter zahlte ihm Sprechunterricht, damit er vor Publikum bestehen könne. An seinem zwölften Geburtstag demonstrierte er zum ersten Mal öffentlich in der Kirche von Longton. Man nannte ihn den „boy wonder".

Namen, Adressen, Telefonnummern

Higginson gilt vielen als eines der bedeutendsten mentalen Medien seiner Zeit. Berühmt wurde er für die Genauigkeit seiner Bühnenarbeit: In seinen Botschaften nannte er nach den Berichten volle Namen, Adressen und sogar Telefonnummern. Häufig stellte er zu mehreren Menschen im Publikum zugleich eine Verbindung her und kam auf jede einzelne zurück, bis Beweis und Botschaft vollständig waren – dieselbe Technik, die man heute noch bei Medien wie Paul Brereton sieht. Er trat über sechzig Jahre lang auf, mitunter mehr als hundert Demonstrationen im Jahr, und füllte große Säle bis zur Royal Albert Hall.

Er teilte die Bühne mit vielen der bekannten Medien seiner Epoche – Estelle Roberts, Helen Hughes, Bertha Harris, Nan Mackenzie. Estelle Roberts nannte er das „vollkommene Medium", weil sie so viele Formen der Mediumschaft auf höchstem Niveau beherrschte; seine eigenen Gaben, hieß es, reichten ähnlich weit.

Der Mönch in der Bibliothek

1970 wurde Higginson Präsident der Spiritualists' National Union – zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Union steckte tief in Schulden, und auf Stansted Hall, dem Sitz des Arthur Findlay College, lastete eine Hypothek, die den Verkauf des Hauses erzwungen hätte. Higginson wollte das Amt zunächst gar nicht und lehnte ab; er hielt die Aufgabe für aussichtslos.

Die Gedenkseite erzählt, was ihn umstimmte, als Anekdote – man darf sie als das nehmen, was sie ist, eine Überlieferung aus dem eigenen Umfeld. Von der Südküste zurückfahrend, sei Higginson müde geworden und habe sich verirrt, ganz in der Nähe des College. Er habe angerufen und dort übernachten dürfen. Am nächsten Morgen habe man ihm gesagt, ein Mann wolle mit ihm sprechen. In der Bibliothek habe ein Mönch in Kutte gestanden und ihm erklärt, er müsse das Präsidentenamt annehmen. Higginson sei kurz hinausgegangen, um den wartenden Geschäftsführer zu holen – als beide zurückkamen, war der Mönch verschwunden, obwohl der einzige Weg an Higginson vorbeigeführt hätte.

Wie man diese Szene deutet, bleibt jedem selbst überlassen. Belegbar ist, was danach geschah: Higginson nahm das Amt an, organisierte zahllose Demonstrationen, um Geld zu sammeln, und gründete die „Friends of Stansted Hall". Unter seiner Präsidentschaft wurde die Union vor dem Bankrott bewahrt und die Schuld auf Stansted Hall getilgt. Er blieb mit 23 Jahren im Amt der bis heute längstdienende Präsident der SNU – und rettete damit zugleich das College, an dem heute die halbe Welt Mediumschaft lernt.

Das physikalische Medium

Bekannt war Higginson für die Bühne, doch für die Bewegung selbst war ein anderer Teil seiner Arbeit fast bedeutsamer: Er war auch ein physikalisches Medium. In der Bibliothek von Stansted Hall zeigte er vor Gruppen von rund neunzig Menschen Phänomene, die man sonst nur aus abgeschlossenen Heimzirkeln kennt – Materialisation, Transfiguration, unabhängige Stimme, Apporte. Die Gedenkseite zeigt eine seltene Infrarotaufnahme vom 15. November 1974, auf der Ektoplasma aus seinem Mund fließt.

Ungewöhnlich war weniger das Phänomen als die Öffentlichkeit. Physikalische Mediumschaft findet traditionell im kleinen, vertrauten Kreis statt – auch das lange Ringen eines Stewart Alexander spielte sich über Jahre im Heimzirkel ab. Higginson dagegen wollte, dass mehr Menschen diese Form der Mediumschaft mit eigenen Augen sehen; einmal demonstrierte er sie vor 300 Zuschauern bei der Glasgow Association of Spiritualists. Er nahm dafür Verletzungen in Kauf – nach den Berichten mehrfach durch unbedachte Eingriffe von Sitzenden in die Séance –, ließ sich aber nicht abhalten. Zugleich blieb er selbstkritisch: Gerade bei den physikalischen Phänomenen, sagte er, hätte er mehr erreichen können, wenn er regelmäßiger gesessen hätte.

Trance, Heilung – und Dr John

Higginson arbeitete auch in tiefer Trance. Verschiedene Persönlichkeiten sprachen dann durch ihn: sein Hauptführer Choo Chow mit ruhiger Weisheit, sein Kindheitsfreund Cuckoo und der irische Führer Paddy mit Humor, dazu ein Führer namens Light, der – so die Überlieferung – nur einmal im Jahr auftrat, in der Trance-Ansprache des Weihnachtsmorgengottesdienstes in Longton. Die Trance-Mediumschaft lag ihm besonders am Herzen; er hielt sie für eine der reinsten Formen der Verbindung und für die Grundlage der physikalischen Mediumschaft, und er setzte sich sein Leben lang für ihre Weitergabe ein.

Weniger bekannt ist der Heiler Higginson. Gemeinsam mit seinem Heilführer, den er „Dr John" nannte, gab er bis zu seinem Tod geistige Heilung in Longton; vor den Sitzungen bildeten sich regelmäßig Warteschlangen vor der Kirche. Er heilte auch Tiere, und Tierärzte sollen einzelne Genesungen bestätigt haben, bei denen sie selbst keine Hoffnung mehr gesehen hatten. Es sind Berichte aus dem eigenen Umfeld, nicht klinisch dokumentierte Fälle – aber sie gehören zu dem Bild, das die Bewegung von ihm bewahrt hat.

Was bleibt

Higginson unterrichtete ab der allerersten Summer School 1965 am Arthur Findlay College und blieb dem Haus 28 Jahre lang treu; von 1979 bis zu seinem Tod war er sein Prinzipal. Er nannte Stansted Hall seine „größte Liebe". 47 Jahre lang, von 1946 bis 1993, war er zugleich Präsident der Kirche in Longton – und erfüllte damit gemeinsam mit seiner Mutter die alte Prophezeiung von hundert Jahren Dienst an dieser einen Gemeinde.

Ein Augenzwinkern sei erlaubt: ein legendärer Schulleiter mit besonderen Gaben, der eine altehrwürdige Schule für unsichtbare Künste vor dem Untergang rettet und ihr bis zum letzten Tag dient – wen die Ähnlichkeit mit einem gewissen weißbärtigen Romanhelden beschleicht, liegt gar nicht so fern: Stansted Hall gilt manchen ohnehin als reales Vorbild für Hogwarts. Nur dass Higginsons Geschichte in den Akten der SNU steht.

Er starb am 18. Januar 1993 – nach den Berichten hatte er noch am Tag zuvor demonstriert. Seine Spur reicht bis in unser Verzeichnis: Medien wie Margaret Falconer, die heute in Deutschland und Großbritannien unterrichtet, zählen ihn zu ihren Lehrern. Wer bei ihr oder bei anderen Absolventen des College sitzt, sitzt in einer Linie, die über Stansted Hall auf jenen Jungen zurückgeht, der an seinem zwölften Geburtstag zum ersten Mal vor Publikum trat.

Quellen: Die Gordon Higginson Tribute Site, gordonhigginson.co.uk (Biografie von Martin Twycross, „Gordon Higginson Remembered" von Lew Sutton); die Seite „About Us" der Stourbridge Spiritualist Church; das Porträt „Pioneers of Spiritualism: Gordon Higginson" der Croydon Spiritualist Church. Angaben zu physikalischer Mediumschaft und Heilung geben wieder, was diese Quellen berichten.

Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung – dort finden sich weitere Beiträge zu Mediumschaft, Ausbildung und britischem Spiritualismus.