Wilder Penfield – der Hirnchirurg, der als Materialist begann und als Dualist endete

Veröffentlicht am 2026-06-13 · 13 Min. Lesezeit

Wilder Penfield gehört zu den größten Hirnchirurgen des 20. Jahrhunderts. Er gründete 1934 das Montreal Neurological Institute, erfand die Montreal-Prozedur zur operativen Behandlung der Epilepsie und zeichnete am wachen, offenen Gehirn die erste präzise Landkarte des menschlichen Kortex – den berühmten Homunkulus. Kein Mensch hat das lebende, bewusste Gehirn so lange und so genau von innen studiert wie er: über 40 Jahre, rund 1.100 Wach-Operationen. Und ausgerechnet dieser Mann, der als überzeugter Materialist begann, kam am Ende seines Lebens zu einem Schluss, den man kaum von einem Hirnchirurgen erwartet. In seinem letzten Buch The Mystery of the Mind (1975) schrieb er, dass sich das menschliche Dasein einfacher durch zwei fundamentale Elemente erklären lasse als durch eines – Geist und Gehirn. Das ist die Geschichte, wie ein Materialist am Operationstisch zum Dualisten wurde.

Wer war Wilder Penfield?

Geboren am 26. Januar 1891 in Spokane, Washington. Studium in Princeton (Abschluss 1913), wo er Football spielte und kurz die Mannschaft trainierte. 1915 Rhodes-Stipendium nach Oxford, Merton College, wo er – wie später auch John Eccles – bei dem großen Neurophysiologen Charles Sherrington lernte. 1916 wurde Penfield beim Untergang des torpedierten Fährschiffs Sussex im Ärmelkanal schwer verletzt. Medizinstudium an der Johns Hopkins School of Medicine (M.D. 1918), chirurgische Ausbildung bei Harvey Cushing, dem Begründer der modernen Neurochirurgie.

1928 lernte Penfield beim deutschen Neurologen Otfrid Foerster die Technik der Wach-Operation unter Lokalanästhesie – die Grundlage seiner späteren Arbeit. Im selben Jahr ging er als erster Neurochirurg Montreals ans Royal Victoria Hospital und an die McGill University. 1934 gründete er mit William Cone und Rockefeller-Mitteln das Montreal Neurological Institute, das zu einem Weltzentrum der Hirnforschung wurde. 1951 erschien mit Herbert Jasper das Standardwerk Epilepsy and the Functional Anatomy of the Human Brain. Penfield war Fellow der Royal Society (1943), erhielt 1953 den Order of Merit und wurde 1967 Companion of the Order of Canada. Er starb am 5. April 1976 in Montreal.

Die Montreal-Prozedur

Penfields Verfahren war eine chirurgische Notwendigkeit, die zum Forschungsinstrument wurde. Bei schwerer, medikamentös nicht beherrschbarer Epilepsie muss der Chirurg das Narbengewebe entfernen, von dem die Anfälle ausgehen – ohne dabei lebenswichtige Areale (Sprache, Bewegung) zu zerstören. Weil das Gehirn selbst keine Schmerzrezeptoren hat, kann man am wachen Patienten operieren. Penfield reizte den freigelegten Kortex mit einer schwachen Elektrode und beobachtete die Reaktion: Zuckte ein Finger? Kribbelte die Wange? Stockte die Sprache? So kartierte er im laufenden Gespräch mit dem wachen Patienten, welches Gewebe sicher entfernt werden konnte.

Aus dieser Praxis entstand die berühmteste Karte der Hirnforschung: der kortikale Homunkulus. Penfield zeigte, dass der sensorische und der motorische Kortex den Körper in geordneter Reihenfolge abbilden – aber verzerrt: Hände, Lippen und Zunge nehmen riesige Areale ein, der Rücken winzige. Das Gehirn „sieht" den Körper nicht anatomisch, sondern nach Feinheit der Steuerung. Diese Befunde stehen bis heute in jedem Lehrbuch.

Der interpretative Kortex und die Erinnerungsblitze

Bei Reizung des Temporallappens stieß Penfield auf etwas Unerwartetes. Manche Patienten erlebten unter der Elektrode lebhafte, vollständige Szenen aus ihrer Vergangenheit – ein Lied, das im Kopf erklang, eine Kindheitsszene, die sich „wie ein Film" abspielte, während der Patient zugleich wusste, dass er auf dem Operationstisch in Montreal lag. Penfield nannte diese Region den interpretativen Kortex.

Wichtig ist die Ehrlichkeit im Detail: Diese Erinnerungsblitze traten nur bei weniger als 5 % seiner Patienten auf, und Penfield selbst revidierte 1970 die populäre Übertreibung, das Gehirn zeichne alles Erlebte lückenlos auf. Von 520 Temporallappen-Patienten berichteten rund 40 von Träumen, Gerüchen, akustischen und visuellen Halluzinationen – und einige auch von außerkörperlichen Empfindungen. Genau diese Befunde werden heute von beiden Seiten zitiert: Skeptiker sehen darin einen Beleg, dass solche Erlebnisse „im Gehirn sitzen"; doch was die Elektrode auslöste, waren Fragmente – Bild, Klang, ein flüchtiges Schwebe-Gefühl –, nie die vollständige, geordnete Erfahrung. Penfield selbst zog daraus nicht den materialistischen Schluss, sondern den gegenteiligen.

Was die Elektrode nie auslösen konnte

Hier liegt der Kern von Penfields Wende. In vier Jahrzehnten Wach-Operation konnte er durch Reizung des Kortex vieles hervorrufen: Bewegungen, Empfindungen, Erinnerungen, Emotionen, Halluzinationen. Was er nie auslösen konnte: den denkenden, glaubenden, entscheidenden Geist selbst.

Sein berühmtester Fall verdichtet das. Reizte Penfield den motorischen Kortex und ließ so den Arm des Patienten sich heben, sagte der Patient nicht „ich habe meinen Arm gehoben", sondern sinngemäß: „Sie haben das gemacht, nicht ich." Der Patient erlebte die Bewegung als von außen erzwungen. Penfields Punkt: Die Elektrode konnte den Arm bewegen, aber nicht den Willen erzeugen, ihn zu bewegen. Sie konnte nie einen Patienten dazu bringen, zu glauben, zu entscheiden oder ein logisches Argument zu formen. Es gab keinen Reiz, der aus dem Gehirn den denkenden Akteur hervorrief – nur seine Werkzeuge.

„Nach Jahren des Bemühens, die geistige Tätigkeit auf der Grundlage der Hirntätigkeit allein zu erklären, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es einfacher ist, das Sein des Menschen aus zwei fundamentalen Elementen zu erklären, statt aus einem."
— sinngemäß nach Wilder Penfield, The Mystery of the Mind (1975).

The Mystery of the Mind (1975)

Ein Jahr vor seinem Tod, bereits von der Krebserkrankung gezeichnet, veröffentlichte Penfield bei Princeton University Press sein philosophisches Vermächtnis: The Mystery of the Mind. A Critical Study of Consciousness and the Human Brain. Das Buch ist bemerkenswert nüchtern. Penfield behauptet nicht mehr, als seine Daten hergeben, und er benennt offen, dass er als Materialist begann und über Jahrzehnte hoffte, den Geist restlos aus der Hirntätigkeit ableiten zu können.

Seine reifste Analogie: Das Gehirn sei wie ein Computer, und der Geist wie der Programmierer, der ihn bedient. Der Computer ist real und unentbehrlich, aber er schreibt sein Programm nicht selbst. Penfield schließt, dass es keine Evidenz dafür gibt, dass das Gehirn allein das tun kann, was der Geist tut – und dass die einfachere Erklärung des Menschseins die Annahme zweier Elemente ist: des materiellen Gehirns und eines eigenständigen Geistes. Er selbst nannte diese Position vorsichtig eine Art Dualismus in der Nähe von Descartes, ohne sie zur Gewissheit zu erklären. Es ist die redliche Schlussfolgerung eines Empirikers, nicht das Bekenntnis eines Apologeten.

Wie belastbar ist der Zeuge?

Penfields Wende ist deshalb so gewichtig, weil sie mehrere Merkmale hat, die man bei solchen Berufungen selten zusammen findet:

  • Aus erster Hand. Penfield spekulierte nicht über das Gehirn – er hielt es in Händen, über tausendfach. Sein Schluss stammt aus der direkten Beobachtung, nicht aus der Literatur.
  • Gegen die eigene Ausgangsüberzeugung. Er begann als Materialist und wollte den Geist auf das Gehirn reduzieren. Die Wende erfolgte gegen seine ursprüngliche Hoffnung – das ist das Gegenteil von Bestätigungsverzerrung.
  • Ohne Überziehung. Penfield revidierte selbst die populären Übertreibungen (die „perfekte Aufzeichnung" des Gehirns) und formulierte seinen Schluss als das Wahrscheinlichere, nicht als Beweis.
  • Fachlich unangreifbar. Der Homunkulus, die Montreal-Prozedur, das MNI – wer Penfields Neurowissenschaft anzweifelt, zweifelt das halbe Lehrbuch an.

Das heißt nicht, dass Penfield recht behalten muss. Ein Materialist kann einwenden: Dass die Elektrode kein abstraktes Denken auslöst, zeigt vielleicht nur, dass wir die richtigen Areale und Reizmuster noch nicht kennen – ein „noch nicht", kein „nicht". Diese Gegenlesart ist legitim. Penfields Beobachtung widerlegt den Materialismus nicht; aber sie ist eine ernste, aus dem OP gewonnene Anfrage an ihn, die man nicht mit einem Achselzucken erledigt.

Penfields Erbe heute

Penfield ist der Kronzeuge, auf den sich moderne dualistisch argumentierende Neurowissenschaftler am liebsten berufen – allen voran der Stony-Brook-Neurochirurg Michael Egnor, dessen Anfalls-Argument (Anfälle lösen nie abstraktes Denken aus) direkt auf Penfields Beobachtung aufbaut. Auch der Nobelpreis-Neurophysiologe John Eccles, ein Studienkollege aus Sherringtons Oxforder Labor, vertrat lebenslang einen Interaktionismus in derselben Linie. Penfield, Eccles und Egnor bilden zusammen einen roten Faden: drei Generationen von Hirnforschern, die aus der genauesten Kenntnis des Gehirns nicht den Materialismus, sondern seine Grenze ableiten.

Die entscheidende Frage bleibt dieselbe wie bei jeder dieser Positionen: Erzeugt das Gehirn den Geist, oder vermittelt es ihn nur? Penfield hat sie nicht beantwortet – er hat sie geschärft. Mehr dazu in unserem Beitrag Bewusstsein und Gehirn: eine Vermutung, kein Beweis.

Quellen

  • Wilder Penfield: The Mystery of the Mind. A Critical Study of Consciousness and the Human Brain. Princeton University Press 1975. ISBN 978-0-691-08159-5.
  • Wilder Penfield & Herbert Jasper: Epilepsy and the Functional Anatomy of the Human Brain. Little, Brown, Boston 1954.
  • Wilder Penfield & Theodore Rasmussen: The Cerebral Cortex of Man. A Clinical Study of Localization of Function. Macmillan, New York 1950 – die Homunkulus-Karten.
  • Wilder Penfield: No Man Alone. A Neurosurgeon’s Life. Little, Brown, Boston 1977 – die Autobiographie.
  • Jefferson Lewis: Something Hidden. A Biography of Wilder Penfield. Doubleday, Toronto 1981.
  • The Royal Society: Biographical Memoir of Wilder Graves Penfield (William Feindel), 1977.
  • Montreal Neurological Institute / McGill University: Archiv und Geschichte des MNI.