Nahtoderfahrungen (NTE) werden oft als bloße Halluzinationen oder Fehlfunktionen des sterbenden Gehirns abgetan. Doch was passiert, wenn eine medizinische Fachkraft, die täglich mit dem Tod konfrontiert ist, diese Erlebnisse systematisch untersucht?
Dr. Penny Sartori war 21 Jahre lang als Krankenschwester auf Intensivstationen in Großbritannien tätig. Ihre anfängliche Skepsis wich einer tiefen Faszination, als sie begann, die Berichte ihrer Patienten wissenschaftlich zu erfassen. Von 1998 bis 2003 führte sie am Morriston Hospital in Wales eine der bedeutendsten prospektiven Studien zu diesem Phänomen durch.
Die 5-Jahres-Studie: Ein Blick hinter den Vorhang
Im Gegensatz zu vielen retrospektiven Studien, bei denen Patienten Jahre nach ihrem Erlebnis befragt werden, war Sartoris Ansatz prospektiv: Sie befragte Patienten unmittelbar nach ihrer Wiederbelebung auf der Intensivstation.
- Häufigkeit: In ihrer Fünfjahres-Studie dokumentierte Sartori insgesamt 15 NTEs unter Intensivpatienten – sieben davon traten während eines Herzstillstands auf.
- Physiologie: Sie untersuchte Blutgaswerte, Sauerstoffgehalt und Medikamentengaben. Das Ergebnis: Die Erfahrungen traten auch bei Patienten mit normalen Werten auf, was rein physiologische Erklärungen wie Sauerstoffmangel (Anoxie) infrage stellt.
- Struktur: Die Berichte waren klarer, geordneter und lebhafter als gewöhnliche Halluzinationen oder Träume.
„Nahtoderfahrungen sind keine bloßen Fehlfunktionen des Gehirns, sondern tiefgreifende menschliche Erfahrungen, die unsere Sicht auf das Leben und das Sterben verändern." – Penny Sartori
Der „Lollipop-Fall“: Ein Beweis für außerkörperliche Wahrnehmung?
Eines der spektakulärsten Ergebnisse von Sartoris Forschung ist die Dokumentation veridischer (bestätigter) Wahrnehmungen während des klinischen Todes.
Ein Patient berichtete nach seiner Wiederbelebung, er habe seinen eigenen Körper von oben gesehen und beobachtet, wie die Krankenschwester – Sartori – einen rosafarbenen Gegenstand aus seinem Mund zog. Er beschrieb ihn als „Lollipop“. Sartori bestätigte, in diesem Zeitraum tatsächlich einen rosa Mundpflege-Schwamm am Stiel verwendet zu haben. Da der Patient während des Vorgangs bewusstlos und intubiert war und das Geschehen aus seiner physischen Liegeposition nicht hätte verfolgen können, gilt der Fall als gut dokumentiertes Beispiel veridischer (nachträglich bestätigter) Wahrnehmung – ein Hinweis darauf, dass das Bewusstsein unabhängig vom physischen Körper agieren kann.
Heilung und Transformation
Penny Sartori beobachtete nicht nur die Erlebnisse an sich, sondern auch deren langfristige Folgen. Patienten, die eine NTE hatten, zeigten oft:
- Einen vollständigen Verlust der Angst vor dem Tod.
- Einen radikalen Wandel der Lebenswerte (weniger Materialismus, mehr Mitgefühl).
- In seltenen Fällen sogar Spontanheilungen körperlicher Leiden unmittelbar nach dem Erlebnis.
Fazit: Eine neue Sicht auf das Ende des Lebens
Dr. Penny Sartori fordert medizinisches Personal auf, Patienten ernst zu nehmen, wenn sie von solchen Erlebnissen berichten. Ihre Forschung zeigt, dass Nahtoderfahrungen uns viel über die Natur des Bewusstseins und den Sterbeprozess lehren können.
Heute arbeitet Dr. Sartori als Dozentin und Autorin und setzt sich dafür ein, dass die Erkenntnisse aus der NTE-Forschung in die Ausbildung von Pflegekräften und Ärzten einfließen.
Quellen:
• Penny Sartori, The Wisdom of Near-Death Experiences, Watkins Publishing 2014 (dt.: Nahtod-Erfahrungen als Neuanfang. Was wirklich wichtig ist im Leben, Aquamarin Verlag 2015).
• Penny Sartori, The Near-Death Experiences of Hospitalised Intensive Care Patients: A Five Year Clinical Study, Edwin Mellen Press 2008.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind auch die Interviews mit Dr. Penny Sartori verlinkt.
